> > > > > 24.08.2006
Sonntag, 20. Oktober 2019

Wolfgang Amadeus Mozart

Mozarts 'Re pastore' musikalisch überzeugend

Jugendliche Frische, edle Einfalt und noble Blässe

Mozarts Serenata ‚Il Re pastore’ aus dem Jahr 1775, geschrieben für Salzburg, ist kein dramatischer Reißer: Das Libretto des berühmten Pietro Metastasio behandelt ein bevorzugtes Thema des 18. Jahrhunderts, den Konflikt zwischen Pflicht und Liebe – nach einigen Verwicklungen kann Alexander der Große als Deus ex machina die richtigen zwei Liebespaare zusammenführen. Aminta ist der re pastore, der rechtmäßige Thronerbe von Sidon, der aus Liebe zur schönen Elisa lieber Hirte bleibt und auf den Thron verzichtet – diese edle Gesinnung verschafft ihm schließlich Thron und Gattin.

Jugendlich frische Musik, dramatisch zahmes Libretto

Gattungskonform ist diese Serenata eher oratorienhaft statisch; Mozarts Musik ist jugendlich frisch und voller sprühender Einfälle, aber vergleichsweise konventionell. Zum Idomeneo und allem, was dann folgt, ist es noch ein weiter Weg,. So ist Mozarts ‚Re pastore’ in zeitüblicher Manier eine Folge schöner Arien, Ensembles und Rezitative – nur einige Nummern lassen Mozarts musikdramatisches Genie aufblitzen: Wenn Elisa in der Arie ‚Barbaro, o Dio, mi vedi’ Agenore der Herzlosigkeit bezichtigt, wird der Widerstreit unterschiedlicher Gefühle, der sie plagt, treffend musikalisch charakterisiert; in Agenores Arie ‚Sol può dir’ steigert sich der Schmerz zur Qual; die musikalische Perle von ‚Il Re pastore’ ist aber wohl Amintas Rondo ‚L’amerò’ mit Solo-Violine, eine berührende empfindsame Liebeserklärung.

Musikalische Spitzenleistungen...

Alessandro de Marchi bot in Innsbruck hervorragende vokale und instrumentale Kräfte auf: Die Academia Montis Regalis brachte die Eleganz und jugendliche Strahlkraft der Musik des 19-jährigen Mozart idealtypisch zum Ausdruck; exzellente Bläser und Streicher sorgten für Hörvergnügen. Erstaunlich und in Kobntradt zum Freiburger Barockorchester beim Don Giovanni war der Orchesterklang bei den Italienern viel weicher, weniger ruppig, was wohl auch an der Musik lag. 

In der Hosenrolle des Aminta überzeugte die Mezzosopranistin Zoryana Kushpler; anfangs wirkte sie etwas blaß, aber im Verlauf des Stückes steigerte sie sich, um im ‚L’amerò’ schließlich den richtigen empfindsamen Ton zu treffen. Die Stimme ist zwar nicht allzu wandlungsfähig und Koloraturen sind nicht wirklich Kushplers Sache, aber insgesamt vermochte die junge Sängerin zu überzeugen. Eine Idealbesetzung – darstellerisch und sängerisch gleichermaßen – war Kristina Hansson mit strahlendem, koloraturensicherem Sopran als Elisa. Raffaella Milanesi verlieh der Tamiri tragische Größe und meisterte ihren Part mit Bravour. Von allen drei Sopranistinnen verfügt sie über die farbenreichste Sopranstimme. Sébastien Droy als Agenore erfreute mit seiner beweglichen, edel timbrierten Tenorstimme. Als Alessandro überzeugte Thomas Walker, der den Makedonierkönig als Visionär und edlen Herrscher gab - stimmlich verstand er Kraft und Koloraturensicherheit zu vereinen.

... opulente Kostüme und karge Szene

Die Opulenz der Kostüme von Christian Lacroix stand in auffälligem Gegensatz zur Kargheit von Bühnenbild und szenischer Gestaltung. Reduktionismus scheint die Maxime Vincent Boussards zu sein, der für beides verantwortlich zeichnet.

Schöne Farbwirkungen und da und dort nette Einfälle konnten die grundsätzliche Problematik des Werkes nicht ganz kaschieren: Die aus der Reihung von relativ ausgedehnten Da capo-Arien resultierende Statik. Die Rezitative wurden zwar belebt und ebenso lebhaft wie farbig dargeboten (mit Cembali und Streichern), auch die Integration des Beginns d-Moll-Fantasie als Einleitungsmusik zum zweiten Akt war ein gelungener Coup, aber auch Vincent Boussard offenbarte eine gewisse Hilflosigkeit im Umgang mit den Arien, zumal das Werk dann doch namentlich im zweiten Akt Längen aufweist.

Insgesamt wurde in Innsbruck ein unterhaltsamer, stimmungsvoller Opernabend geboten, wobei die Unterhaltung stets auf den Niveau des Edlen und Geistreichen blieb, während die späten Meisteropern – freilich in eine andere Gattungstradition gehörend – alle Bereiche menschlicher Gefühle und Leidenschaften abdecken.

Heftiger, herzlicher Premierenapplaus galt einem hochkarätigen Ensemble.

Mehr erfahren über den Autor

Kritik von Dr. Franz Gratl



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Jugendliche Frische, edle Einfalt und noble Blässe: Mozarts 'Hirtendrama' Il Re pastore in Innsbruck

Ort: Tiroler Landestheater (TLT),

Werke von: Wolfgang Amadeus Mozart

Mitwirkende: Alessandro de Marchi (Dirigent), Academia Montis Regalis (Orchester), Raffaella Milanesi (Solist Gesang), Kristina Hansson (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Innsbrucker Festwochen

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