> > > > > 27.05.2018
Montag, 6. Februar 2023

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Lance Ryan, Copyright: Karl & Monika Forster

Lance Ryan, © Karl & Monika Forster

Internationale Maifestspiele 2018

'Ein Traum von Lust und Freude'

Sie sind fast wieder zu Ende: die Internationalen Maifestspiele 2018, die alljährlich am Hessischen Staatstheater Wiesbaden stattfinden und auserlesene internationale Produktionen inklusive eigener Opernabende in Haus- und Starbesetzungen präsentieren. Intendant Uwe Eric Laufenberg hat ein ‚Fest voll Lust und Freude in allen Genres der Darstellenden Kunst und der Musik‘ vorausgesagt und aus einem Füllhorn der Kreativität für Programmgestaltung geschöpft. Im Folgenden werden aus dem vielseitigen Programm Verdis 'Ein Maskenball', 'War and Peace' von und mit Joyce DiDonato und, sicher einer der künstlerischen Höhepunkte der Internationalen Maifestspiele, 'Tannhäuser' ausgewählt.

Giuseppe Verdis 'Maskenball' hatte 1859 keine guten Startchancen. In Rom uraufgeführt sollte, ursprünglich der Mord am schwedischen König Gustav III. während eines Maskenballs gezeigt werden. Die Zensur ließ nicht zu, einen politischen Mord auf der Bühne zu zeigen. Kurzerhand transportierten Verdi und sein Librettist Antonio Somma das Melodramma nach Boston. Wie immer dreht es sich auch in dieser hochdramatischen frühen Verdi-Oper um das Scheitern individueller Schicksale. Es geht um Liebesverstrickungen, Treuebrüche, Rache, Mord und Todschlag inmitten politischer und gesellschaftlicher Ereignisse.

Von Boston nach Chicago

Zur Eröffnung der Internationalen Maifestspiele siedelt Regisseurin Beka Savić ihre Neuinszenierung im Chicago Mitte der Dreißiger Jahre des vorigen Jahrhunderts an. Düstere Szenerien, Nebelschwaden, Mafia und ein abgehalftertes Filmplakat verheißen ebenso wie die düstere und messerscharfe Musik aus dem Graben, nichts Gutes. Generalmusikdirektor Patrick Lange setzt auf plastisch schneidende Wuchtigkeit. Ungemach macht sich breit auch im letzten Akt, wenn die vermeintliche Ehebrecherin Amelia, Ehefrau des Gangsterbosses Riccardo, im ausladenden Art déco Bühnenambiente ihre heimliche Liebe Renato vor einem Anschlag warnt. Sopranistin Adina Aaron gestaltet überzeugend die Partie der Amelia, hochdramatisch leidend. Gut besetzt der Tenor Arnold Rutkowski als Riccardo und etwas eng tönend Vladislav Sulimsky als Kontrahent Renato. Dass die Liebe ganz einfach durch einen Vergessenheitstrank oder ein Pülverchen wegzuzaubern ist, glaubt nur Amelia, die die Wahrsagerin Ulrica in ihrer Bar aufsucht. In dieser Unterweltsszene glänzt Marie-Nicole Lemieux als Ulrica. Herrlich geerdet mit bitterbösem Zaubersaft in der Kehle, singt sie ein Loblied auf die Droge. Zudem sagt sie Riccardo den baldigen Tod voraus.

Regisseurin Beka Savić spielt leider nicht alle Register aus und angelt sich ein wenig an der Handlung entlang. Ihre Protagonisten wirken zu eng, starr im großen, fantasievoll gestalteten Bühnenraum von Luis Carvalhos und exquisiten Kleiderwerk von Selena Orbs.

Kunst mit Botschaftsanspruch

'War and Peace' lautete das Motto der Mezzosopranistin Joyce DiDonato. Vor gut zwei Jahren kreierte die auf allen Bühnen der Welt gastierende Künstlerin ein musikdramatisches Gesamtkunstwerk, das Barockarien,Tanz und Lasershow mit Roben von Vivienne Westwood und Lasha Rostobaia verbindet. Als Produzentin von 'War and Peace' stellte sie sich nach den Anschlägen in Paris 2015 die Frage: ‚Wenn wir mitten im Chaos stehen – wie können wir Frieden finden?‘. Regisseur und Bühnenbildner Ralf Pfleger hat diese Installation mit auf der Bühne sitzendem Orchester, einer Blockflötistin und der grandiosen Sängerin etwas ‚amerikanisch-theatralisch‘ in Szene gesetzt. Wenn man es genau nimmt, war es ein Liederabend mit Effekten. 

Das von Maxim Emelyanychev geleitet junge Ensemble Il Pomo d‘Oro begleitete so bekannte Arien 'Scenes of horror, scenes of woe' aus 'Jeptha' von Georg Friedrich Händel (1752) oder das berühmte 'Lascia ch‘io pianga', die Aria der Almirena aus 'Rinaldo'. Auch rein instrumentale Nummern waren dabei wie Cavalieris Sinfonia aus 'Rappresentatione di anima e di corpo', wobei Dirigent Maxim Emelyanychev auf schlichte Art den Zink spielte. Auffallend war, dass die fast entschlackten Barockarien, furios von Joyce DiDonato gesungen, fast ohne hohe Verzierungskunst daherkommen. Auch hat Il Pomo d‘Oro in einer anderen Besetzung in den vergangenen Jahren schon exquisitere Interpretationen präsentiert. Zu einem kleinen Wermutstropfen geriet leider die Zugabe, das berühmte Lied 'Morgen' von Richard Strauss: Im orchestral barocken Gewand musiziert, hinterließ dies wegen der erheblichen Intonationsschwächen im Orchester einen musikalisch eher enttäuschenden Eindruck.

Die wundervolle Idee von Joyce DiDonato, Frieden in die Welt durch die Musik zu tragen, nahmen die begeisterten Zuhörer sicherlich mit. Vielleicht ist es der Trend der Zeit, Botschaften via Musik zu senden? Für Joyce DiDonato ist dies eine Herzensangelegenheit. Dafür wird sie in Wiesbaden vom Publikum stürmisch gefeiert. Und das zählt.

Tannhäuser als Existenzialist

Der Hausherr und Intendant Uwe Eric Laufenberg führte Regie zu Richard Wagners 'Tannhäuser und der Sängerkrieg auf Wartburg' in einer Festvorstellung im Hessischen Staatstheater Wiesbaden bei den diesjährigen Maifestspielen. Papst Franziskus segnet seine Schafe und schickt die alljährliche Friedensbotschaft in die Welt. Als Live-Video aus Rom erleben Pilger, mit dicken Jacken, Mützen und Rucksäcken bestückt, in einer großen Wallfahrtshalle den Festgottestdienst aus Rom. Gleich darauf wandeln sich in der Ouvertüre die Pilger in freie Wesen des Venusberges. Sie streifen ihre schwarzen Parkas ab, werden zu lustfrohlockenden Nackten, tanzen aufreizend das Bacchanal. Bühnenbauer Rolf Glittenberg großes Einheitsbühnenbild ist wandelbar: Aus der großen Wallfahrtshalle mit Sitzbänken wird der deutsche grüne Wald unterhalb der Wartburg. Rechts ein übergroßer Siegeskranz an der Wandtäfelung, links prangen Geweihe. Im zweiten Aufzug mutiert der Raum zur Sängerhalle mit deutschem schwarzen Adler, im Finalsatz zur schneebedeckten Landschaft mit weißem Kreuz und Lagerzelt inklusive Campinglaterne (Abendstern) vor den Toren des Venusberges. Die stimmigen Kostüme, das goldene Glitzer-Venus-Dress, die markanten Bacchanal-Accessoires und die Wartburg-Ritter-Umhänge entwarf Marianne Glittenberg.

Laufenbergs Lesart des 'Tannhäuser' ist eine sich der Werktreue verpflichtende Introspektion. Dies trifft auch auf das ausgeklügelte und facettenreiche Dirigat von GMD Patrick Lange zu. Zusätzlich legt Laufenberg durch seine besonnene Personenführung die vertrackte Geschichte des Tannhäusers offen, bietet keine Lösung, stellt in Frage. Das ewige Schicksal des einsamen Künstlers, der im Rausch schnell Langeweile verspürt und seiner Idealvorstellung vom Wesen der Liebe nachjagt, stellt Laufenberg durch seine Inszenierung der Figur als schwarz gekleideter Existenzialist in den Vordergrund. Sängerdarsteller Klaus Florian Vogt zeigt, dass Heinrich Tannhäuser keine Kunstfigur ist. Vogt ist als Tannhäuser ein Aufbegehrer gegen die Regeln der Wartburgsgesellschaft. Und er ist ein denkender, leidender Künstler, ein Existenzialist im besten Sinne, der reflektiert. Vogt interpretiert den Tannhäuser als einen, der am Menschsein leidet. Seine Rom-Erzählung bleibt im Gedächtnis als einer der Höhepunkte des Abends.

Wolfram von Eschenbach ist hier ein Suchender, vielleicht auch ein Zweifelnder. Markus Brück singt einen begnadeten Wolfram. Das düster-traurige 'Lied an den Abendstern' interpretiert er sanft als hoffnungsverlorenen Abgesang. Elisabeth ist keine zarte, unbedarft Liebende, sondern eine gestandene Frau, die weiß, was sie will. Offen stellt sie sich vor Tannhäuser. Sabina Cvilak singt die Elisabeth hochdramatisch und ein wenig übervibrierend. Die Venus wird von Jordanka Milkova mit sinnlich-dunklem Timbre, aber leider nicht immer textverständlich gesungen. Albert Pesendorfer gibt einen markig betonten, beachtlichen Herrmann, Landgraf von Thüringen. Aus dem gut harmonierenden Ensemble sticht die helle, tonschön intonierende Stimme des jungen Hirten hervor (Stella An). Bestens vorbereitet waren die großen Chorpartien (Einstudierung von Albert Horne). Im Orchester des Hessischen Staatstheaters hat sich in den letzten Jahren viel getan. Ein tadellos homogenes Orchester und vorzügliches Sänger-Ensemble, das zu Recht für diesen beglückenden 'Tannhäuser' unter dem neuen GMD Patrick Lange stürmisch gefeiert wurde.

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Kritik von Barbara Röder

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Tannhäuser: Richard Wagner

Ort: Hessisches Staatstheater,

Werke von: Richard Wagner, Georg Friedrich Händel

Mitwirkende: Uwe Eric Laufenberg (Regie), Joyce DiDonato (Solist Gesang)

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