> > > > > 12.08.2006
Montag, 10. August 2020

René Jacobs

Ein Don Giovanni

Kompromissloses Vertrauen in Mozart

Opernproduktionen unter dem Dirigat von Rene Jacobs stoßen international auf höchstes Interesse und zählen seit Jahrzehnten zu den Highlights der Innsbrucker Festwochen; mit so viel Spannung wie der Don Giovanni wurde aber wohl noch keine Festwochen-Oper erwartet. Die Erwartungen waren hoch: René Jacobs hat einen neuen Zugang zum Don Giovanni angekündigt, das 19. Jahrhundert sollte dabei ausgeklammert werden. Das heißt: Keine psychologisierende, dämonisierende oder moralisierende Deutung, sondern ein echtes ?Dramma giocoso? mit komischen und tragischen Elementen. Ansatzpunkte sind für Jacobs primär das Libretto und die Bedingungen der Uraufführungen. Konsequenterweise werden in Innsbruck daher auch beide Fassungen der Oper gespielt, die Version, die in Prag gespielt wurde und die Wiener Fassung, in der Mozart einige Retuschen vornahm, um das Werk dem lokalen Geschmack und dem Ensemble der Aufführung anzupassen. Heute wird ja in der Regel eine Mischfassung gemacht, denn auf Elviras für Wien hinzukomponierte Arie ?Mi tradì? will man nicht verzichten, aber auf die ebenfalls nur in der Wiener Fassung enthaltene komische Szene zwischen ?Per queste tue manine? schon...

Es muss keine Mischfassung sein!

René Jacobs will beweisen, dass beide Fassungen in sich schlüssig, stimmig und vom überragenden Musikdramatiker Mozart vollkommen ausbalanciert sind. In Bezug auf die Prager Fassung ist ihm dies beim Innsbrucker Opernabend vom 14.8. vollkommen gelungen. Nichts schien zu fehlen, die dramatische Stringenz war zu allen Zeiten gegeben, ebenso der Ausgleich zwischen dramatischen und lyrischen Momenten.

Ein jugendlich agiler, schauspielerisch überzeugender Protagonist

Unerhörtes wurde im Vorfeld angekündigt:: Bei der Uraufführung in Prag wurde der Don Giovanni von einem 24 Jahre alten Bariton gesungen, daher ist es konsequent, dass in Innsbruck der nur zwei Jahre ältere norwegische Sänger Johannes Weisser den Part übernimmt. Weisser ist ein absoluter Glücksgriff: Ein agiler, jugendlich-frischer Sänger (laut Libretto: un giovane!) mit einer außerordentlichen schauspielerischen Begabung. Mag er es in Hinblick auf die stimmliche Potenz auch nicht mit dem Salzburger Don Giovanni Thomas Hampson aufnehmen können, so erfreut Weisser durch sein unmanieriertes, natürliches Singen. Er schien den Don Giovanni nicht nur zu spielen, er war es: Unberechenbar, wendig, skrupellos, sarkastisch und trotz allem eine anziehende Figur. Auch äußerlich nimmt man Weisser den Verführer ab ? sehr schön gelang ihm das ?fingere la voce? (mit einem Überraschungscoup im Falsett...). Die berühmte ?Champagnerarie? ist bei Jacobs wesentlich langsamer als üblich, aber das ist auch nicht mehr ganz neu: Noch um einiges langsamer ist die Arie in der immerhin schon 13 Jahre alten Norrington-Aufnahme (EMI).

Hervorragendes Sängerensemble

Marcos Fink modelliert den Leporello zum Buffo-Gegenpart zu Don Giovanni: Mit hinreißendem komödiantischem Talent und einer stimmlich perfekten Darbietung. In Jacobs? Deutung ist Leporello kein stimmlich kaum unterscheidbarer Zwilling seines Herrn, sondern eine ganz und gar eigenständige Persönlichkeit. Überwältigend in der Differenzierung und am Text orientierten Gestaltung gelang die Registerarie zu einem wahren Gustostück. Nikolay Borchev ist endlich ein profilierter Masetto mit viel aufrührerischem Potential, kein blasser Bauerntölpel. Der Komtur von Alessandro Guerzoni fügt sich in das Konzept von René Jacobs ideal ein: Obwohl kein stetig brüllender, vibratoreicher Bass à la Verdi oder Wagner war hier zu hören; überzeugte Guerzoni als lebender und toter Commendatore gleichermaßen. Durch das zügige Tempo im berühmten Höllenfahrt-Finale konnte er auch artikulieren und gestalten und nicht nur eindringliche, laute Schreie von sich geben. Schließlich Werner Güras Don Ottavio: Nobel, empfindsam, mit tenoralem Glanz und Koloraturensicherheit im ?Il mio tesoro?.

Eine regelrecht sensationelle Entdeckung ist Svetlava Doneva als Donna Anna: Keine Brünnhilde, sondern eine leidende junge Frau, ausdrucksvoll bis in die Mimik, mit farbenreichem, klarem und vibratoarmem Sopran. Im Rondo demonstrierte sie das Ausdruckspotential von Koloraturen, im ?Or sai chi l?honore? bewies sie auf eindrucksvolle Weise, dass hier keine Riesenstimme vonnöten ist, sondern Gestaltungskunst und Texdeutlichkeit. Alexandrinas Pendatchanska gab eine noble Elvira, doch ihre Stimme wirkte etwas eindimensional. Eine hinreißende Bühnenerscheinung war Sunhae Im als Zerlina, sowohl schauspielerisch als auch sängerisch. Ihr glockenklarer, heller und sicher geführter Sopran passte ideal zum Bauernmädchen. Das rasante Tempo von ?Batti, batti, o bel Masetto? irritierte zunächst und überzeugte schließlich voll und ganz. Hinreißend gelang das berühmte Duett ?Là ci darem la mano?.

 

Energisches Zupacken im Orchestergraben

Das Freiburger Barockorchester überzeugte unter Jacobs? Dirigat vor allem durch mitreißenden, musikantischen Schwung; dass da (namentlich in den Streichern) nicht jede Note stimmte, konnte man bei den vielfach rasanten Tempi verschmerzen. Dass Mozarts Orchester auch so ruppig und energisch zupackte, wage ich zu bezweifeln, doch die Interpretation überzeugte insgesamt voll und ganz.

Was ist nun das ganz Neue an der Deutung von René Jacobs? Viele aufführungspraktische Details findet man auch bei anderen Vertretern der Originalklang-Szene von Norrington über Gardiner bis Harnoncourt. Jacobs favorisiert insgesamt rasche Tempi, manches war aber auch langsamer als gewohnt; nie werden Aufführungstraditionen und ?konventionen kritiklos übernommen. Das rasche Tempo in der Höllenfahrt führt die Musiker an die Grenzen ? legitim für eine solche Szene im Grenzbereich zum Übernatürlichen. Typisch für Jacobs ist die akribische Gestaltung der Rezitative mit viel Witz und Fantasie ? exzellent Giorgio Paronuzzi am Hammerklavier.

Vertrauen in Libtretto und Musik ? ohne künstliche Zutaten

Radikal bei Jacobs und seinem Regisseur Vincent Boussard scheint mir vor allem der Verzicht auf alle übergestülpten psychologisierenden Elemente, das kompromisslose Vertrauen in Mozart und Da Ponte. Kein nur dämonischer Don Giovanni à la E. T. A. Hoffmann also, auch kein zeitgeistig auf die sexuelle Komponente reduzierter Verführer; Komische und tragische Elemente verschmelzen zu jenem Gesamtkunstwerk, das vom 19. Jahrhundert nicht mehr verstanden wurde und das am Endpunkt der Entwicklung steht, die mit Monteverdi begann. Alle Komik war im Libretto grundgelegt, keine Regieeinfälle wurden übergestülpt. Das reduzierte Bühnenbild wurde schlüssig in die Handlung integriert. Der berühmte Modeschöpfer Christian Lacroix entwarf farbenfrohe, geschmackvolle Kostüme mit historisierendem Touch, aber ohne musealen Muff (welch ein Kontrast zum scheußlich monochromen Salzburger Figaro unter Harnoncourt 2006!).

Ein fulminanter Opernabend mit einer ebenso unkonventionellen wie überzeugenden, jugendlich frischen Besetzung - auf die CD-Einspielung darf man gespannt sein!


Kompromissloses Vertrauen in Mozart
Akt I, Finale - Marcos Fink (Leporello), Johannes Weisse (Don Giovanni) Akt II - Statistin, Weisser, Pendatchanska Akt I - Im, Weisser, Fink, Chor

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Mehr erfahren über den Autor

Kritik von Dr. Franz Gratl



Kontakt zur Redaktion


Kompromissloses Vertrauen in Mozart: Don Giovanni in der Prager Fassung: Fulminant

Ort: Tiroler Landestheater (TLT),

Werke von: Wolfgang Amadeus Mozart

Mitwirkende: René Jacobs (Dirigent), Freiburger Barockorchester (Orchester), Johannes Weisser (Solist Gesang), Nikolay Borchev (Solist Gesang), Alessandro Guerzoni (Solist Gesang), Werner Güra (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Innsbrucker Festwochen

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