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Sonntag, 20. Oktober 2019

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Szenenbild Mosè in Egitto, Copyright: Paul Leclaire

Szenenbild Mosè in Egitto, © Paul Leclaire

Die Kölner Inszenierung von "Mosè in Egitto"

Wie man Rossini-Fan werden kann

Auch wenn die Musiker diesmal auf der linken Seite im Bühnen-Off Platz nehmen – das Gürzenich-Orchester Köln fesselt unter der Leitung David Parrys mit rhythmischem Feuer und homogen dargebotener, wohl dosierter Bewegungsenergie, in Tempo und Dynamik differenziert. Dazu ein ausgezeichneter Opernchor, ein virtuos singendes und schauspielendes Solistensemble und eine fantasievolle Inszenierung voller dynamischer, spannungsvoller Dramaturgie. Kurz: Wer nachvollziehen will, wonach die Belcanto-verrückten Zeitgenossen Giaocchino Rossinis fieberten, sollte sich dessen 'Mosè in Egitto' in der Oper Köln ansehen. Diese 'Azione tragico-sacra' ist nun als Kölner Erstaufführung im StaatenHaus Saal 2 zu sehen.

Die Inszenierung von Lotte de Beer entstand in Kooperation mit den Bregenzer Festspielen. Was sie auszeichnet, sind nicht nur die großartigen Musiker oder die extra eingerichtete Drehbühne. Neu für die Wiederbelebung einer Rossini-Oper ist vor allem das niederländische Figurentheater Hotel Modern, das die Regiearbeit in der Oper vor Augen führt, die Bibelerzählung mit dynamischer, spannungsvoller Dramaturgie ausweitet und in das große Weltgeschehen bettet.

Eine leere, hügelige Wüstenlandschaft. Die Ägypter halten die Israeliten gefangen. Zu Beginn beklagen sie die Finsternis, die über sie hereinbricht. Nur drei Akkordschläge leiten das Geschehen musikalisch ein. Dazu agieren Spieler des Figurentheaters auf einem kleinen Tisch am Rande der Bühne – vor den Augen des Publikums. Sie bewegen zerbrechlich wirkende, aus Draht und Knetmasse gestaltete, nur wenige Zentimeter große Figuren in einer Art Puppentheater, filmen sie mit Handkameras, um sie sodann – für alle sichtbar – auf einen halbdurchsichtigen Bühnenvorhang zu projizieren. Eine die Höhe der Bühne einnehmende, überdimensionale graue Kugel, die im Verlauf des Abends als weitere Projektionsfläche genutzt wird, färbt sich rot. Auch Hagel, Heuschrecken und Finsternis erinnern an die vergangenen Plagen, während der Einleitungschor eng aneinandergerückt und umgeben von einer Aura des Schreckens sein ergreifendes Klagelied singt.

Kurze Zeit später. Farao verspricht, die Gefangenen auswandern zu lassen und auf Bitten Mosè kehrt die Helligkeit zurück. Überall herrscht Freude über das zurückgewonnene Licht. Diesmal werden Gesten und Mimik wie in einer Regieprobe von den Theaterleuten korrigiert. Während sich die Menschen zu einem Tableau vivant aufstellen und in ihrer eingenommenen Haltung erstarren, laufen die Regisseure herum und korrigieren detailliert Gesten, Haltung und Mimik. Mosè wird in die Reihe zurückgestellt und bekommt eine Hand aufs Herz gelegt. Farao soll einen Arm um Mosè legen und Aaron an die Hand nehmen. Letzterer darf die andere vor Freude erhobene Hand zur Faust ballen. Allen wird ein Lächeln verordnet.

Verfremdende Spielfiguren

Dass Anordnungen von oben mitunter kontraproduktiv sein können, ist – zumindest in künstlerisch-ästhetischen Zusammenhängen – mittlerweile ein alter Hut. Lotte de Beer verweist in ihrer realistischen Interpretation jedoch zugleich auf eine in der Bibelerzählung deutlich werdende politische Dimension des Opernkonflikts zwischen Macht, Großmacht, Supermacht. Das immer wieder aufflackernde Scheitern und In-Gang-Setzen der politischen Prozesse zwischen Israeliten und Ägyptern scheint die Betroffenen nicht nur zum Spielball zu machen, sondern mit Hass, Massaker, Vergewaltigung und Folterung bürgerkriegsähnliche Verhältnisse und Kriegsschauplätze nach sich zu ziehen, die hier als als verletzte, tote, ertrunkene verfremdende Spielfiguren mit offenen Mündern und Augen vorgeführt werden.

Ein nachdenklich stimmender Rossini-Abend, der musikalisch keine Wünsche offen lässt. Bassist Joshua Bloom überzeugt als Farao. Mal in Furor ausbrechend, mal von lyrisch zarten Momenten erfasst, gestaltet er differenziert und flexibel. An seiner Seite verkörpert Adriana Bastidas-Gamboa die selbstbewusste, klangvolle Amaltea, die – nach gescheiterten Friedensvermittlungen – zum Judentum konvertiert und mit den Israeliten auswandert. Hell timbriert, kraftvoll sich in Koloraturen verströmend und zugleich mit leichter Träne im Stimmklang überzeugt Tenor Anton Rositskiy als jugendlicher, zwielichtiger Sohn Osiride. Seine Liebste, die junge Hebräerin Elcia, interpretiert die Sopranistin Mariangela Sicilia. Technisch brillant, mit bis in Pianissimo zurückgenommenen höchsten Höhen und nicht enden wollenden Koloraturen entscheidet sie sich schließlich dazu, ihr Leben für das Vaterland zu opfern.

 

 

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Kritik von Ursula Decker-Bönniger

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Mosè in Egitto: Azione tragico-sacra von Giaocchino Rossini

Ort: Oper,

Werke von: Gioacchino Rossini

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