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Sonntag, 27. Mai 2018

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Maresi Riegner (Puck), St. Florianer Sängerknaben, Copyright: Werner Kmetitsch

Maresi Riegner (Puck), St. Florianer Sängerknaben, © Werner Kmetitsch

Brittens Sommernachtstraum im Theater an der Wien

Heilung für Pucks Trauma

Der Regisseur Damiano Michieletto ist für seine phantasievollen Produktionen bekannt. So konnte man gespannt darauf sein, was er aus Benjamin Brittens 'A Midsummer Night‘s Dream' im Theater an der Wien machen würde, einer Oper nach dem Shakespeareschen 'Sommernachtstraum'. Und Michiletto ist tatsächlich viel dazu eingefallen. Seine poetische, humorvolle, abwechslungsreiche und bunte Inszenierung erzählt, zumindest in Teilen, eine ungewöhnliche Geschichte: Eine Geschichte über Puck. Dazu verlegt er die Handlung in den Klassenraum einer britischen Schule (da ist er freilich nicht der erste Regisseur, der diesen Einfall hat), und auch Puck gehört zu den Schülern.

Wie der Zuschauer durch das Programmheft oder im Laufe der Oper durch Videoinstallationen (Landsmann + Landsmann) erfährt, sind Pucks Eltern bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Sein Trauma führt dazu, sich in Fantasiewelten zu flüchten, und diese Fantasien sind die Elfenwelt. Nur er sieht den Elfenkönig Oberon und seine Frau Tytania, die, so wird am Ende der Oper deutlich, für seine eigenen Eltern stehen. Puck, ein Außenseiter in seiner Klasse, führt Oberons Anweisungen dann an seinen Mitschülern und –schülerinnen aus, die sich entsprechend ineinander verlieben – während eine Theater-AG sich daran macht, Pyramus und Thisbe zur Aufführung zu bringen, von Britten als ausgesprochen witzige Parodie einer italienischen Belcanto-Oper komponiert. Während dieser Aufführung, als Pyramus und Thisbe sterben, realisiert Puck den Unfall seiner Eltern, kann sein Trauma wahrnehmen, eine Maske, die er die ganze Zeit über getragen hat, abnehmen und seine eigene Geschichte akzeptieren. Freilich: Das ist ziemlich grobe Küchenpsychologie. Auch geht diese Erzählperspektive nicht immer auf und wird nicht stringent durchgeführt, es bleibt ein unverbundener Erzählstrang neben anderen, aber es entstehen doch beeindruckende, wenn auch etwas sentimentale Szenen, vor allem zwischen Puck und seinem Vater Oberon.

Die Intensität ihrer Begegnung ist freilich auch Bejun Mehta geschuldet. Mehta singt den Oberon, und er singt diese Paraderolle für einen Countertenor mit betörend warmer, ausdrucksstarker Stimme, mit großer Leichtigkeit, ein wenig Melancholie und herausragender Bühnenpräsenz. Die Rolle des Puck, von Britten als Sprechrolle konzipiert, wird von der 27-jährigen Maresi Riegner gespielt, die dann doch etwas schablonenhaft bleibt. Stimmlich ist die Oper bis in kleine Rollen hinein durchweg ausgezeichnet besetzt: Daniela Fally als Tytania verfügt über einen sehr klaren, hellen, kraftvollen und mühelosen, wenn auch vielleicht etwas unpersönlichen Koloratursopran, der junge Tareq Nazmi bringt als Nick Bottom einen starken, profunden, sehr sauber geführten und flexiblen Bass sowie viel Spielfreude und Humor auf die Bühne. Die vier jungen Liebenden – Mirella Hagen als Helena, Natalia Kawalek als Hermia, Rupert Charlesworth mit kraftvollem und klaren Tenor als Lysander und Tobias Greenhalgh als stimmlich etwas belegter Demetrius – sind mit großem Engagement bei der Sache, und auch der nicht ganz leicht zu singende Chor der Elfen wird von den Florianer Sängerknaben bestens gemeistert. Antonello Manacorda dirigiert die Wiener Symphoniker sängerfreundlich und umsichtig, der Klang bleibt stets sehr klar. Umso schöner, beinahe romantisch, gelingen ihm die weit ausholenden Vorspiele zum zweiten und dritten Akt. Eine rundherum erfreuliche Produktion, die auch vom Publikum begeistert aufgenommen wurde.

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Kritik von Prof. Dr. Michael Bordt

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A Midsummer Night's Dream: Benjamin Britten am Theater an der Wien

Ort: Theater an der Wien,

Werke von: Benjamin Britten

Mitwirkende: Antonello Manacorda (Dirigent), Wiener Symphoniker (Orchester), Bejun Mehta (Solist Gesang)

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