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Sonntag, 20. Oktober 2019

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Carlos Mena, Copyright: Eneko Espino

Carlos Mena, © Eneko Espino

Konzertante Aufführung mit Licht und Schatten

Händels 'Radamisto' im Theater an der Wien

Das Theater an der Wien hat in jeder Spielzeit ein interessantes Angebot konzertant aufgeführter Opern. Viele von ihnen werden selten gespielt, Barockopern bilden einen Schwerpunkt des Programms. Georg Friedrich Händels 'Radamisto', 1720 komponiert und mehrfach von ihm überarbeitet, stand im April auf dem Programm – bekannt vor allem durch die tieftraurige Arie 'Ombra cara', die Händel selbst für eine seiner besten hielt und in der Radamisto den vermeintlichen Tod seiner geliebten Zenobia besingt. Die Handlung ist, wie in den meisten Barockopern, kompliziert und verworren, bietet aber hinreichend Anlass für Arien mit ganz unterschiedlichen Affekten: Es gibt einen in seinem Gebaren stark an Donald Trump erinnernden Tyrannen, Tiridate (Bass), der mit einer sehr charakterstarken Frau, Polissena (Sopran), verheiratet ist (hier hören die Parallelen zur Trump-Familie freilich schon auf...). Polissena hat einen Bruder, Radamisto (Countertenor), der Zenobia (Mezzosopran) zur Frau hat. Tiridate will nicht nur den Vater seiner eigenen Frau in einem Kampf besiegen, sondern begehrt auch Zenobia, also Radamistos Frau, und will sie sich erzwingen. Wie immer gibt es ein Happy End, weil der Tyrann durch die Güte Radamistos, der auf Rache verzichtet, am Ende geläutert wird.

Gemischte Bilanz

Eine konzertante Aufführung steht und fällt natürlich allein mit der musikalischen Qualität und Interpretation, denn die verschiedenen Handlungsstränge, u.a. Verkleidungen, lassen sich konzertant nicht mehr wirklich nachvollziehen. Und da fällt die Bilanz dann doch eher gemischter aus: Insgesamt wurde die Oper, leicht gekürzt, zügig, durchaus auch kantig und dramatisch musiziert. Man merkt, dass alle Beteiligten viel Erfahrung mit der szenischen Aufführung des Werkes haben. Die Rezitative werden geradeheraus musiziert und treiben die Handlung nach vorne. Aber nicht immer spielt das Orchester Wiener Akademie unter ihrem Gründer Martin Haselböck konzentriert genug – zu oft kommt es, vor allem in den ersten beiden Akten, zu leichten Koordinationsproblemen zwischen den Instrumentengruppen. Die Sänger und Sängerinnen sind technisch ihren Partien gewachsen, aber wirklich überzeugend konnten nur Sophie Karthäuser trotz ihrer etwas kleinen Stimme mit einer sehr anrührenden und ausgefeilten Darstellung als Polissena sowie Florian Boesch als Tiridate, auch wenn er manchmal arg polterig unterwegs war.

Patricia Bardon als Zenobia verließ sich zu sehr auf ihren satten, vollen, schönen Mezzosopran, den sie in Fülle strömen ließ. Dabei blieb die Interpretation weitgehend auf der Strecke. Immer wieder sackte der Spannungsbogen innerhalb einzelner Melodiebögen ab, so als stünde sie irgendwie neben sich. Dass in 'Già che morir non posso' die Furien der Unterwelt angerufen werden oder in 'Empio, perverso cor' der Tyrann beschimpft und Radamisto angesprochen wird, konnte man von ihrem stimmlichen Ausdruck her nicht erschließen. Carlos Mena bot einen problematischen Radamisto. Registerbrüche waren unüberhörbar, seiner etwas metallischen, in Höhen auch scharfen und dynamisch nicht immer gut kontrollierten Stimme fehlt ein gutes Fundament, von dem sich die Stimme her aufbauen könnte. Mena ist zwar ausgesprochen koloratursicher und brillant, zu selten gelangen ihm aber wirklich einfühlsame, zärtliche Zwischentöne; allerdings: Sein 'Ombra cara', in dem er sich stark zurücknahm und seine Stimme mit dem Orchester geradezu verschmelzen ließ, war wirklich anrührend schön. Christian Hilz als Farasmane sang die Partie mit zittriger, beinahe brüchiger Stimme, dass einem bang werden konnte; allerdings verfügt er über eine solch kluge Interpretationskunst, dass seine einzige Arie 'Son lievi le catene' dann doch überraschend gut gelang. Die kleineren Rollen waren mit Valerie Vinzant und Melanie Hirsch als Fraarte und Tigrane gut besetzt. Freundlicher Applaus eines immerhin ausverkauften Hauses.

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Kritik von Prof. Dr. Michael Bordt

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Händel: 'Radamisto': Konzertante Aufführung im Theater an der Wien

Ort: Theater an der Wien,

Werke von: Georg Friedrich Händel

Mitwirkende: Martin Haselböck (Dirigent), Wiener Akademie (Orchester)

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