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Montag, 22. Oktober 2018

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Matthias Goerne, Copyright: Marco Borggreve

Matthias Goerne, © Marco Borggreve

Liederabend mit Goerne und Hinterhäuser

Musik-Philosophen

Zwei Sinnsucher, die berühren wollen, finden zueinander: Matthias Goerne und Markus Hinterhäuser. Gemeinsam wagen sie im Liederabend mit Gustav Mahler und Hanns Eisler den Spagat zwischen expressiver Romantik und bissig-sarkastischer Moderne und philosophieren in hypersensibel ätherischen Klängen. Schwere Kost für das Festival-Publikum beim Heidelberger Frühling.

Immerhin erlebt es einen Matthias Goerne, wie er auf den großen Bühnen weltweit gefeiert wird. Ein Bariton, aus welchem der Klang vollendet natürlich strömt. Überaus biegsam und geschmeidig muten seine Körperdehnung und seine Gesten an, vielgestaltig ist seine Gesangskunst. Nur kurzzeitig bietet er eruptive Ausbrüche in metallscharfer Tiefe, programmbedingt weitaus dominierender begeistert er durch nuancenreiche Helle und Intensität in allen Lagen bis zur scheinbar mühelos erreichten Höhe. So verleiht er den Liedern in Auszügen aus Gustav Mahlers 'Des Knaben Wunderhorn' und Hanns Eislers 'Hollywooder Liederbuch' Gestalt und Ausdruck. Je leiser, um so lieber scheint sein Credo, was ihm auch herrlich und mit klanglicher Substanz gelingt, selbst nach knapp 90 Minuten ununterbrochenem Gesang, wenn er in Mahlers 'Der Abschied' aus dem 'Lied von der Erde' sein 'Ewig' in die sphärische Ferne haucht.

Markus Hinterhäuser am Flügel fordert ihn noch heraus. Mit dem ersten, dumpf-bedrohlichen, im Pianissimo gehauchten Triller-Gedonnere signalisiert er unumwunden seinen Willen zur hörbaren Tiefenauslotung zwischen den Klängen. Mit ausgefeilter Anschlagskultur lässt er die volksliedartigen Melodiefragmente in Mahlers 'Des Knaben Wunderhorn' im Sog metaphysischer Finsternis zwischen Sentimentalität und Hysterie aufblitzen.

Hanns Eislers Lieder sind gegenüber Mahler extrem irdisch ausgerichtet, komponiert als Protest gegen die bürgerliche Kultur, pointenreich bis bissig. Schnörkellos direkt gestaltete Hinterhäuser seinen Part, während Goerne nicht minder tiefsinnig, aber zu oft textunverständlich artikulierte. Doch gerade Textverständnis ist bei Eisler unverzichtbar, da die vertonten Brecht’schen Verse ein Eigenleben führen. Immerhin gelang ein neugieriges Eintauchen in Eislers unbekümmert anmutenden Stilpluralismus, je nach Inhalt und Anlass expressionistisch, nach Art der zweiten Wiener Schule oder gar als Revue.

Gerade weil Hinterhäuser und Goerne auch hierbei so konsequent Klangdifferenzierung praktizierten, gelang der Übergang zu Mahlers 'Der Abschied' nahtlos. Dieses resignative Fazit des gleich von mehreren Schicksalsschlägen gepeinigten Komponisten gleicht dem Versuch einer Antwort auf ein unlösbares Rätsel. Mühevoll, gequält reiht sich Spruch an Spruch aneinander, um doch nur halbherzig eine Erlösungsvision zu beschwören. Genau diese Wirkung erzielte Markus Hinterhäuser und verbreitete raumgreifende Ratlosigkeit. Schwerlastig zäh und doch so nahe an Mahlers Intention.

Johann Sebastian Bachs 'Bist Du bei mir' als Zugabe nach diesem musikalisch so tiefschürfenden und auch für den Zuhörer herausfordernden Programm wirkte wie Balsam, ein Hoffnungsspender und versöhnlicher Abschluss dieses unvergesslichen Liederabends.

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Kritik von Christiane Franke

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Matthias Goerne & Markus Hinterhäuser: Mahler und Eisler

Ort: Stadthalle Heidelberg,

Werke von: Gustav Mahler, Hanns Eisler

Mitwirkende: Markus Hinterhäuser (Musik), Matthias Goerne (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Musikfestival Heidelberger Frühling

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