> > > > > 25.03.2018
Sonntag, 22. Juli 2018

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András Schiff, Copyright: Nadia F. Romanini

András Schiff, © Nadia F. Romanini

Sir András Schiff mit Bach-Genuss pur

19 + 1 = Ein-Klang-Körper

Jeder Pianist will auch dirigieren, sagt Sir András Schiff. Er sitzt an seinem Bösendorf-Flügel, weht mit der Hand, ballt die Faust, jedoch nur kurzzeitig, eher selten. Denn viel mehr ist nicht nötig. Alles atmet, fühlt, gestaltet aus einem Denken heraus. So erlebt das Heidelberger Frühling-Festpublikum den ungarischen Pianisten und seine Capella Andrea Barca am Palmsonntagabend in der Heidelberger Stadthalle. Auf dem Programm „nur“ Johann Sebastian Bach, ausschließlich seine Konzerte, sechs von jenen dreizehn, die wohl zwischen 1729 und 1740 geschrieben wurden, als Bach Leiter des von Telemann gegründeten Collegium Musicum war und regelmäßig Konzerte im „Zimmermannischen Caffee-Hauß“ in Leipzig ausrichtete. Genaues weiß man nicht. Wie überhaupt Bachs Biographie wenig beschrieben ist. Das schafft ungeahnte Freiräume auch hinsichtlich der Interpretation, meint Sir András Schiff.

Seit seinem vierzehnten Lebensjahr fasziniert ihn Bach. An diesem Abend wird es raumgreifend spürbar. Mit seinem Anschlag könnte Sir András Schiff problemlos ein Cembalo traktieren, jedoch nicht in diesem hohen Grad an Differenzierung, wie es sein Bösendorfer Flügel zulässt. Mit seiner linken Hand markiert er zwar stets präsent, jedoch häufig nur getupft den Basso Continuo, minutiös auf die Klanggestaltung der Continuo-Streichergruppe abgestimmt, während er in der rechten Hand den Solopart virtuos gestaltet, eng verwoben mit dem kristallinen Spiel des Kammerensembles. Der Pianist spielt ohne Pedal, das Ensemble von kleinen Flämmchen abgesehen vibratofrei.

1999, als es um die Gesamtaufführung der Mozart-Klavierkonzerte bei den Salzburger Mozartwochen ging, stellte er dieses Ensemble aus ausgewählten Solisten und Kammermusikern zusammen. Längst sind sie hinsichtlich ihrer Art der Interpretation eng miteinander verwachsen. Nur so lässt sich diese vorausahnende Präzision erklären, die die Basis ihres mitreißenden, energiegeladenen, so herrlich ausdifferenzierten Spiels bildet. Gemeinsam verkörpern sie im Augenblick des Musizierens einen in sich stimmigen und einheitlich agierenden Organismus, der heitere Musizierfreuden ausstrahlt. Das packt die Zuhörer. Geräuschlos, bewegungslos folgen sie dem Spiel, lassen sich einfangen von Bekanntem, das in den Werken lebendig wird. Das D-Dur Konzert BWV 1054 beispielsweise ist eine Bearbeitung von Bachs E-Dur Violinkonzert, sein a-Moll Violinkonzert arrangierte Bach als g-Moll Klavierkonzert BWV 1058, Auszüge aus Bachs Kantate „Gott soll allein mein Herze haben“ erklingen im Klavierkonzert BWV 1053. Hier und da blitzen weitere typisch Bach´sche Erinnerungsweisen auf.

Das erste und populärste der Reihe, Bachs d-Moll Konzert BWV 1052, bildet den Abschluss des Abends. Kraftvoll, leidenschaftlich entfacht Sir András Schiff ein Feuerwerk der Klänge. Doch auch hier wahren der Solist und sein Kammerensemble eine Disziplin, die sich in jedem Augenblick in der Feinabstimmung auf Tempo, Dynamik und Gestaltung manifestiert. Analytisch betrachtet gelingt ihr Spiel makellos, perfekt aufeinander abgestimmt und doch hinreißend musikalisch. Höchster Genuß!

Die Zugabe verpackt Sir András Schiff als Referenz an seinen Landsmann Bela Bartok, ein Kinderlieder aus Bartoks Oeuvre als Geburtstagsständchen für den großen ungarischen Komponisten, heiter vergnüglich dahinperlend mit einem Hauch an Brillanz, in der Tongebung typisch für Bartok und doch so ganz nahe an Bach. Danach will der Applaus nicht enden, während Schiff mit herzlichen Umarmungen seine innere Verbundenheit zu seinem Kammerensemble auch auf diese Weise offen zeigt. 

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Kritik von Christiane Franke

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Sir András Schiff & Cappella Andrea Barca: Konzerte von J.S.Bach

Ort: Stadthalle Heidelberg,

Werke von: Johann Sebastian Bach, Béla Bartók

Mitwirkende: András Schiff (Dirigent), András Schiff (Solist Instr.)

Detailinformationen zum Veranstalter Musikfestival Heidelberger Frühling

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