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Mittwoch, 29. Juni 2022

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Aus einem Totenhaus, Copyright: Wilfried Hösl

Aus einem Totenhaus, © Wilfried Hösl

Castorfs Einstand an der Bayerischen Staatsoper

Jenseits von Handlung

Graue Wolken ziehen über den Max-Joseph-Platz in München kurz vor der Vorstellung. Die neue Produktion hat es nicht leicht, angenommen zu werden. Noch vor einer Woche waren etliche Karten unverkauft – und das bei einer Premiere. Unbegreiflich für ein Haus, dessen Schwankungen sich in der Regel im letzten Prozent vor dem Dauerausverkauf bewegen. Um eine halbleere Premiere zu verhindern, wurde kurzfristig sogar noch ein Kontingent für junges Publikum eingerichtet, das sichtlich Interesse fand. Ob das allein zur Befüllung der Bayerischen Staatsoper, des größten Repertoirehauses Deutschlands, geführt hat, bleibt fraglich. Bei der Premiere am Pfingstmontag war jedenfalls kein Unterschied zum Status quo ante bemerkbar.

Aus einem anderen Haus

Regisseur Frank Castorf verärgert, begeistert, polarisiert. An der Berliner Volksbühne überwog freilich die Zustimmung für seine Inszenierungen. Wer dorthin ging, wusste in der Regel nicht nur, was ihn erwartet, sondern kam meist gerade wegen des einmalig charakteristischen Stils. Das Ende der Ära Castorf nach über 25 Jahren und die anschließende Umstrukturierung führten zu harten Debatten, nicht zuletzt da der fachfremde Museumsdirektor Chris Dercon gegen vehementen Widerstand als neuer Intendant eingesetzt wurde. Im April schließlich, nach nicht einmal einer vollendeten Spielzeit, folgte das einvernehmliche Ende des neuen Intendanten. Das Konzept sei nicht wie erhofft aufgegangen. Während in Berlin also die Scherben dieses sinnbildlichen Kollateralschadens zusammengekehrt werden – eine verheerende Peinlichkeit für den Berliner Kultursenat –, ist Castorf mit seiner ersten Produktion für die Bayerische Staatsoper beschäftigt: Leoš Janáčeks 'Aus einem Totenhaus’. Am benachbarten Residenztheater ist der Ost-Berliner Theatermacher schon seit Jahrzehnten Stammgast.

Ein Hauch von Existenz

Live-Abfilmung, Videoeinspielungen, Parallelhandlungen: Castorf fährt sein übliches Programm auf. Das Gemenge von Solisten, Chor, Statisterie und Kamerateam auf der Bühne überblickend, behält Dirigentin Simone Young einen kühlen Kopf, führt mit klärender Distanz, statt sich in romantisches Schwelgen zu verlieren. Durchscheinend stellt die Bayerische Staatskapelle einzelne Klangexpressionen heraus, zeigt auf, welch feingliedrige Schärfe dieser reichen Musik innewohnt. Flüchtig und doch vielsagend – der stetige Strom fragiler musikalischer Individualismen entspricht ganz dem Erleben der Figuren, deren Erzählungen aus einer Welt vor dem Gefängnis eine balladenhafte Kette aphoristischer Erinnerungen knüpfen. Verharren statt Entwickeln schafft eine Stimmung existenzialistischer Bedrückung. Dass sich die Anlage von 'Aus einem Totenhaus’ einer konkreten linearen Handlung verwehrt (ja, das Libretto zeigt geradezu postdramatische Züge), kommt dem dekonstruktivistischen Regiestil entgegen.

Gefangen in Überforderung

Eine Baracke, mit Stacheldraht ummauert, bildet das Zentrum der Bühne von Aleksandar Denić. Hier drückt sich der stimmlich wie szenisch auftrumpfende Chor der Bayerischen Staatsoper durchs Tor zum Freigang. Grandios zeichnet die Auslichtung durch Rainer Casper den Ort mal als schlichte Behausung, mal in grellen Scheinwerferstrahlen als Hochsicherheitstrakt. Neben den sowjetischen Uniformen der Wachen eröffnen Elemente des Baus, wie auch Masken des ‚Tags der Toten‘ andere Assoziationsketten (Kostüme: Adriana Braga Peretzki). Auch rezitiert der mexikanische Tenor Galeano Salas, als der betrunkene Sträfling besetzt, vor dem dritten Akt einen biblischen Text auf Spanisch; der einzige Einschnitt in die durchkomponierte Partitur. Verhandelt wird darin die Reinigung von Dämonen auf Kosten anderer Lebewesen – hier Schweine, die sich mit dem Elend eines Besessenen aufgeladen in den Tod stürzen. Als Ventil zur Seelenreinigung gilt die Kunst und besonders das Theater schließlich auch, im übertragenen Sinn auch als Denkanstoß zur Umwertung bestehender Kategorien. Aber Reinigung und Anregung durch Überforderung? Die vielen Stränge und Teilhandlungen, die zusätzlichen Videoeinspielungen mit zusätzlichen Untertiteln, wenn mal nicht die Live-Abfilmung läuft, all das ist kaum konkret zu fassen und will erstmal verarbeitet werden.

Überzeugendes Ensemble

Zweifellos leisten Andreas Deinert, Jens Crull und Stefanie Katja Nirschl hervorragende Kameraarbeit mit präziser Koordination und exakten Timings. Doch funktioniert die Liveprojektion des Bühnengeschehens nur, weil die von der Linse Eingefangenen in jeder Sekunde die Spannung halten und keinerlei musikalische Einbüßen zulassen. Beständig strömt Bo Skovhus strotzender Bariton bis zum Ende der langen Erzählung des Šiškov kurz vor Schluss. Charles Workmans Skuatov besticht mit energetischem Tenor. Ebenso imposant und vital die Darbietung des Filka alias Luka durch Aleš Briscein und des skurril-verrückten Platzkommandanten durch Christian Rieger. Resümee bleibt: Wie schon das Werk veranlagt ist – nämlich ohne Hauptfigur, einzig gefüllt mit in ihrer Bedeutung innerhalb der Handlung ranglosen Existenzen –, gelingt auch die Inszenierung nur in der Gesamtheit der Ensembleleistung. Vielleicht ist dieses Potenzial zu wecken sogar Castorfs größte Leistung.

Avantgardistisches Recycling

Den jungen Sträfling Aljeja verschmilzt die Regie mit dem symbolisch aufgeladenen Adler, der zu Beginn durch die Gefangenen verletzt aufgefunden wird. Evgeniya Sotnikova gibt die umgedeutete Figur anmutig frenetisch in Paradiesvogel-Aufmachung. Wie bei Castorf üblich, trägt sie und ebenso Niamh O’Sullivan, welche keck die Rolle der Dirne spielt, hochhackige Schuhe. Die Leinwand ist schon absoluter Standard bei Castorf. Eine gewisse Selbstironie baut sich daher auf, wenn im Gefängnis zum Feiertag Stummfilmkino gezeigt wird. Besonders gelungen ist auch die anschließende Theateraufführung der Häftlinge, die Kevin Conners als Šapkin, Matthew Grills als Kedril und Callum Thorpe als weiterer Gefangener unterhaltend als Drag-Show gestalten. So wird das Gefangenenlager in perfider Umkehr auch zum Schutzraum, wie die Gitter des Kaninchenstalls am Fuß der Baracke vor Raubvögeln schützen. Gedankenblitze und Anregungen bietet diese eindringlich ausgearbeitete Inszenierung, doch überwiegt in Methode und Umsetzung das Gängige aus Castorfs Arbeiten. Selbst das Bühnenbild scheint bekannt. Die Ähnlichkeit zur damals ausgezeichneten Bühne von 'Reise ans Ende der Nacht’ bzw. der des 'Baal’ (beide am benachbarten Residenztheater) lassen eine Wiederverwendung von Bühnenteilen vermuten. Der wirkliche Geniestreich hinter dieser Produktion ist die Auswahl und Kombination von Werk und Regieteam, die besser nicht zusammenpassen könnten. Grundlegend neue Erkenntnisse oder gar Umwälzungen lässt der Abend dennoch vermissen. Es wirkt auf seine eigene Art konventionell, was einige Premierengäste nicht davon abhält, sich ausfallend beim Schlussapplaus zu veräußern. Beim Heraustreten aus dem Nationaltheater fallen die letzten Sonnenstrahlen durch die geöffneten Türen ins Foyer. Die dunklen Wolken waren wohl doch ein falscher Vorbote.

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Kritik von Theo Hoflich

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Aus einem Totenhaus: Oper in drei Akten

Ort: Bayerische Staatsoper,

Mitwirkende: Chor der Bayerischen Staatsoper München (Chor), Simone Young (Dirigent), Bayerisches Staatsorchester (Orchester), Bo Skovhus (Solist Gesang), Charles Workman (Solist Gesang)

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