> > > > > 15.07.2006
Donnerstag, 21. November 2019

Anton von Webern

Ein Festspielkonzert in Erl

Ekstasen und Korrespondenzen

Im neunten Jahr der Tiroler Festspiele in Erl wieder Korrespondenzen, Verbindungen und Experimente. Gustav Kuhn, Festivalgründer, so charismatisch wie spontan und mit der Gabe gewinnender Kommunikationsfähigkeit versehen, setzt mit Werken von Wagner, Beethoven und Bruckner jene Komponisten in Beziehung und eröffnet eine klingende Korrespondenz zwischen Stücken, die zu den Gipfelwerken komponierter Ekstasen gezählt werden müssen.

Die Opern dieses Jahres sind „Tristan“ und „Parsifal“ von Wagner, die großen Orchesterwerke sind Sinfonien und Klavierkonzerte Beethovens sowie Bruckners erste, zweite und neunte Sinfonie. Komponierte Ekstasen der klassischen Empfindungsskala hier, der rauschhaften Entgrenzung dort und krönend die religiöse Dimension bei Wagner und Bruckner.
Die Korrespondenzen und Kommunikationen der Kunst beziehen sich in Erl aber von Beginn an auch auf die kontrastierenden Angebote. Ästhetische Zeitsprünge gehören ins Programm.
Horizonterweiterungen sind eine Spezialität des von recht hohen Bergen umgrenzten Festivals im Inntal.


Im dritten Festspielkonzert dieser Saison bot Gustav Kuhn mit dem vorzüglichen Haydnorchester Bozen-Trient Beethovens erste und siebte Sinfonie.
Das Haydnorchester, 1960 gegründet, gehört inzwischen zu den bedeutenden Klangkörpern Italiens, das Repertoire ist reich, internationale Dirigenten und Solisten ersten Ranges arbeiten mit den Musikerinnen und Musikern. Kuhn ist seit 2003 künstlerischer Leiter.

Geht es bei den Interpretationen Wagners und Bruckners um die höheren Formen der Ekstase und das musikalische Experiment sinnlicher und religiöser Grenzüberschreitung, so geht es in diesen beiden Werken Beethovens um die feinen Varianten der heiteren Ekstase, der Feier gelöster Kunst innerhalb beglückender Begrenzung. Kuhn feiert mit den Musikern in beiden Werken Erfahrungen der Freiheit innerhalb ästhetischer Traditionen und Grenzen. In der seltener zu hörenden ersten Sinfonie Beethovens, 1803 erstmals in Wien aufgeführt, fällt die Behutsamkeit des Dirigenten auf. Das Werk wirkt in allen vier Sätzen filigran und zerbrechlich, besonders das Larghetto des zweiten Satzes klingt sehr sanft durchatmet, assoziiert das Lächeln und die Träne zugleich, das zart empfundene Glück freundlicher Gelöstheit.
Insgesamt, auch im leichten Sturm des finalen Allegro molto, immer knappe Momente der Besinnung. Innehalten und dann weiter.


Beethovens sanfte Ekstase zu Beginn. 1813, wiederum in Wien, zehn Jahre später, wird die bekanntere, öfter zu hörende siebte Sinfonie aufgeführt. Für Gustav Kuhn und die Mitglieder des Haydnorchesters, und nicht zuletzt für die begeisterten Zuhörenden im fast ausverkauften Passionsspielhaus, Gelegenheit Beethovens Varianten sehr bewegter, geradezu tänzerischer Ekstasen erlebbar zu machen und zu erleben. Kuhn baut vom Beginn der groß dimensionierten Einleitung „poco sostenuto“ bis zum furiosen Finale „Allegro con brio“ einen Spannungsbogen, der immer wieder zum Funken sprühenden Lichtbogen wird, auf.
Wieder ist es zunächst der zweite Satz, ein Allegretto, der die Kultur des Erhabenen beschwört. Man kann von einer Pianoekstase sprechen, erinnert man die hauchzarten Flächen dunkler Streicherklänge in den feierlich schreitenden Figuren.
Im folgenden Presto gelingen die heiteren Varianten der Eile mit verblüffender Selbstverständlichkeit, Rast und Besinnung inbegriffen.


Im Schlusssatz sprühen die Funken. Spannung entsteht durch scharfe Akzentuierungen. Eine Apotheose der Bewegung, des Tanzes, wie Wagner dazu meinte, eine Meisterleistung des Orchesters und des Dirigenten, der Tempo und Geschwindigkeiten nie mit Hast oder Raserei verwechselt, sondern sicherlich sehr genau die Varianten der Schläge menschlicher Herzen kennt.                                   

Im schützenden Rahmen beider Beethovenwerke, die als sie neu waren auch Ablehnung und Unverständnis provozierten, Kammermusik des 20. und 21. Jahrhunderts. Das große Podium gehörte jetzt den neun, bzw. acht Musikerinnen und Musikern des 1996 in Mailand gegründeten ensemble risognanze unter Leitung von Tito Ceccherini, die sich als Interpreten neuer Musik einen Namen gemacht haben und zu den regelmäßigen Gästen des Erler Festivals gehören. 
Zunächst stand Anton Weberns Konzert für neun Instrumente, op. 24, auf dem Programm. Freundlich, werbend und gewinnend die Einführung zum Werk durch Gustav Kuhn und den Dirigenten. Leider nur in den ersten Reihen des weiten Auditoriums einigermaßen zu verstehen.

Dann eine so kurze wie verblüffende Musik in drei Sätzen als Varianten einer Kombination aus drei Tönen. Gar nicht so unemotional in seiner Abstraktheit durch die vom Dirigenten geformte Phrasierung, besonders im zarten und geschmeidigen Mittelsatz, erklang eine strenge und stark konzentrierte Variante der Ekstase. Weil Wiederholung die Mutter der Kunst und des Hörens ist, gleich den dritten Satz noch einmal. Schade, das Publikum hätte sicher auch das ganze Werk noch einmal gehört, und nicht wenige darin sehr gern.


Zur Uraufführung gelangte „Pezzo fantasioso“ von Arnaldo de Felice, 1965 in Florenz geboren. Das für die Festspiele geschriebene Werk ist stärker der Gesangslinie verpflichtet, Instrumente werden mitunter wie Stimmen eingesetzt, es gibt Klangflächen, die an Chorsätze erinnern, aber auch Duette, Dialoge und Emotionen, wie etwa wunderbare Fernwehklänge der gedämpften Posaune oder der strahlenden Trompete. Zartheit ist der vornehmliche Eindruck, Spannung wird durch das Gefühl einer Steigerung bis zum finalen Höhepunkt erzeugt.
Viel Applaus, viel Zustimmung für das Ensemble und vor allem für den Komponisten Arnaldo de Felice.

Zu Beginn des Abends hatte Gustav Kuhn zum Familienkonzertabend begrüßt, das Programm vorgestellt und es frei gestellt, ob man zum modernen Mittelteil dabei sein möchte oder nicht. Die Folge war ein voller Saal und ein verschmitzter Kuhn, der nochmals darauf hinwies dass jetzt noch nicht Beethovens Siebte käme. Warum denn nicht. Kleine Listen, große Freundlichkeit und ansteckende Begeisterung versetzen auch in Tirol keine Berge, schaffen aber Platz und Zuhörende für zeitgenössische Musik.

Mehr erfahren über den Autor

Kritik von Boris Michael Gruhl



Kontakt zur Redaktion


Erl, Tiroler Festspiele 2006: Konzert, Beethoven, Webern

Ort: Passionsspielhaus,

Werke von: Ludwig van Beethoven, Anton von Webern

Mitwirkende: Gustav Kuhn (Dirigent), Haydn Orchester von Bozen und Trient (Orchester)

Detailinformationen zum Veranstalter Tiroler Festspiele Erl

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