> > > > > 10.03.2018
Donnerstag, 21. Juni 2018

1 / 8 >

KS Katrin Gerstenberger, Copyright: Martin Sigmund

KS Katrin Gerstenberger, © Martin Sigmund

Höckmayr inszeniert 'Die Sache Makropulos'

Im Dauerzustand der Erregung

Ewig jung, ewig begehrt, ewig Primadonna assoulta! Das macht gründlich satt, abgebrüht, gefühllos kalt, berechnend. So zeigt Regisseurin Eva-Maria Höckmayr in ihrer jüngsten Inszenierung von Leoš Janáčeks 'Die Sache Makropulos' am Staatstheater Darmstadt die Protagonistin Emilia Marty. In einer realen Gegenwartswelt auf und hinter einer Opernbühne verkörpert Kammersängerin Katrin Gerstenberger diese Rolle stimmlich mühelos und schauspielerisch so überzeugend, als spiele sie sich selbst. Ihren Schlussapplaus durchweht ein Hauch aus Entsetzen und Mitleid.

Stoff aus einer phantastischen Komödie

‚Vec‘, die Sache, ist eigentlich eine Formel. Um 1585 wird die gerade 16-jährige Emilia zum Versuchsobjekt eines wissenschaftlichen Experiments. Ihr Vater, der griechische Arzt Hieronymus Makropulos, soll für Rudolf II. in Prag ein Elixier entwickeln, das dem Habsburger Kaiser und König von Böhmen weitere 300 Lebensjahre schenkt. Da die Tochter zunächst schwer erkrankt, wird ihr Vater in den Kerker geworfen. Doch Emilia erholt sich, nimmt die Formel, flieht, und niemand erfährt, dass das Mittel seine Wirkung zeigt. Ewig jung und schön bereist sie die Welt, perfektioniert über die Zeiten ihre Gesangstechnik und wechselt ihre Identitäten. Lediglich ihre Initialen E.M. behält sie bei. 337 Jahre später – Janáčeks Vorlage spielt um 1922 - entdeckt sie, mittlerweile begehrteste Sängerin aller Zeiten, Anzeichen der Alterung. Um diesen einsetzenden Sterbeprozess aufzuhalten, versucht sie mit allen Mitteln, wieder in den Besitz der Formel zu gelangen. Sie mischt sich in den sich gut hundert Jahre lang dahinschleppenden Erbschaftsprozess Ferdinand Karl Gregor Makropulos gegen Prus ein, verblüfft den Advokaten mit Hintergrundwissen und outet sich schließlich als Mutter, die um die Bestimmung des Testaments weiß. Doch als sie die Formel, die sich zwischen den Papieren findet, in den Händen hält, erscheint sie der übersatten Diva nutzlos. In Janaceks Original verbrennt die Verlobte von Emilias letztem Nachfahren Janek die Formel. Dann bricht Emilia sterbend zusammen.

Die Vorlage zu Janaceks Libretto bildet eine gleichnamige Komödie des tschechischen Schriftstellers und Journalisten Karel Čapek, ein zeitkritisches Stück über die Wirkung biologisch-technischer Forschung auf die Psyche des Menschen. Janacek faszinierte daran der Konflikt zwischen materiellen und ideellen Lebenswerten. Eng an dieser Theaterstückvorlage konzipierte er keine Bühnenmusik, sondern großartiges Musiktheater, das 1926 in Brünn uraufgeführt wurde. Jeder sollte durch die pure Gegenwart Emilias in Erregung versetzt werden.

Die Diva im Kopf der Verehrer

So beginnt Eva-Maria Höckmayrs Interpretation. Sie verlegt das Musikschauspiel in die Gegenwart mitten in einen Opernalltag. Den Text in deutscher Sprache hat Übersetzerin Kerstin Lücker der Situation angepasst.

Im langen Vorspiel sieht das Publikum über eine Videoeinspielung die Diva von hinten, wie sie den Applaus entgegennimmt, während sich ihre Verehrer hinter der Bühne versammeln und den Bühnenarbeitern beim Abbau im Weg stehen. Zunächst eher gesichts- und namenlos erhalten sie durch die motivische Kleingliedrigkeit der Musik Profil. Auch im weiteren Verlauf hofft man vergeblich auf Arien und Ensemble-Tableaus im klassischen Sinne. Dicht aneinandergereiht folgen Generalpausen neben Motiv- und Tempowechsel, die Will Humburg mit dem Darmstädter Staatstheaterorchester packend dramatisch im Fluss hält. Mit seiner scharf ausdifferenzierten Interpretation gelingt es Humburg, die Empfindungen der einzeln handelnden Personen intensiv spürbar werden zu lassen, eine Art Dauerzustand der Erregtheit, jedoch aus ständig wechselnden Perspektiven. Höckmayrs Absicht ist eindeutig: Jeder formt Emilia Marty nach seiner Vorstellung.

Die Ereignisse in der Kanzlei erzählt Höckmayr in einer Art Rückblende. Während der Advokat und sein Gehilfe Vitek auf der Bühne im Schwarz nahezu unsichtbar werden, zeigt Höckmayr in einer Filmcollage, gedreht nach dem Prinzip subjektiver Kameraführung, die Ereignisse in der Kanzlei. Die Vielfalt der schnellen Bilder korrespondiert mit den schnellen Wechseln in der Musik, immer wieder gelingt die Synchronisierung der gesprochenen Texte mit den gesungenen Wortversatzstücken von Krzysztof Szumanski (Advvokat) und Vitek (Michael Pegher), die mit dem Rücken zur Leinwand stehen, und Katrin Gerstenberger aus dem Rang gegenüber der Bühne. Die Zuschauer sitzen mitten im Geschehen, gebannt von der im Film lebendig eingefangenen, perspektivisch vielfach wechselnden Schau auf eine bald jungmädchenhafte, alternde, nackt in lasziver Pose sich auf dem Schreibtisch räkelnde oder geschäftsmäßig verhandelnde Emilia.

Im Film wie auf der Bühne trägt die Figur Emilia, tatsächlich dargestellt von sechs verschiedenen Frauen, einen weißen Hosenanzug im Kontrast zu allen weiteren dunkel-schwarz gekleideten Darstellern (Bühne und Kostüme: Julia Rösler).

Exzessive Gefühlskälte

Zum Inbegriff innerer Leere und absolutem Lebensüberdruss, gepaart mit bedingungslosem Pragmatismus zur Bewältigung der verhassten Langlebigkeit gestalten sich Emilias Auftritte im zweiten und dritten Akt auf der Opernbühne. Gregors (Thomas Piffka) Zynismus, Kristas (Xiaoyi Xu) Verzweiflung und Janeks (David Lee) Selbstmord perlen an ihr ab. Emilia will nur die Formel. Geschickt positioniert sie sich im grellen Licht, das den Raum hinter der schwarzen Bühnenwand erhellt und durch die offene Tür bricht und ihr eine Aura des Unirdischen verleiht, während sie sich im Türrahmen in Positur wirft. Geschäftsmäßig verkauft sie ihren Körper an Prus.

Ein unerwarteter Schluss

Erst im dritten Akt, wenn Emilia ihre Geschichte erzählt und sich in schmerzerfüllten, epileptischen Krämpfen windet, erhält der Zuschauer Einblick in ihr wahres Gefühlsleben. Überdruss und Abscheu gegen alles und jeden bestimmen ihr Wesen. Dann folgt der Moment der Überraschung. Entschlossen verbrennt sie die Formel, stirbt aber nicht, wie es Janacek vorsah, sondern tritt zum Schlussapplaus im Kleid der Diva assoluta an den Bühnenrand zur Verbeugung, nur jetzt dem Publikum zugewendet. Sie akzeptiert das Altern, aber sie ist nicht tot. Fortsetzung folgt?

Vielleicht eine Wiederholung. Denn die Fülle an Eindrücken, die das Team aus Musik und Regie bereithalten, ist enorm. Musikalisch klug durchstrukturiert und brillant ausgearbeitet bieten alle Akteure spannendes Musiktheater in Bestform.

Mehr erfahren über den Autor

Kritik von Christiane Franke

Kontakt aufnehmen mit dem Autor

Kontakt zur Redaktion


Die Sache Makropulos: Leos Janacek

Ort: Staatstheater ,

Werke von: Leos Janácek

Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel.

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.


Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (6/2018) herunterladen (2361 KByte) Class aktuell (2/2018) herunterladen (3463 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Sergei Voitenko: Revelation

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Christian Euler im Portrait "Melancholie ist die höchste Form des Cantabile"
Bratschist Christian Euler im Gespräch mit klassik.com über seine Lehrer, seine neueste SACD und seine künstlerische Partnerschaft zum Pianisten Paul Rivinius.

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Anzeige

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich