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Dienstag, 16. Oktober 2018

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Thomas Blondelle (Eisenstein) u. Thomas Lehman (Dr. Falke), Copyright: Thomas Jauk

Thomas Blondelle (Eisenstein) u. Thomas Lehman (Dr. Falke), © Thomas Jauk

'Die Fledermaus' an der Deutschen Oper

Walzer ins All

Wie als Erinnerung an die berüchtigte Salzburger 'Traviata', in der Rolando Villazón an der Seite von Anna Netrebko den Höhepunkt seiner Karriere feierte, als eine gewaltige Uhr die Bühnenrückwand schmückte, schmiegt sich nun über den Rand des Portals die zerflossene Uhr Dalís. Das Rad der Zeit hat Villazón von der Bühne ans Regiepult der Deutschen Oper Berlin geschwemmt. Auch wenn es ihn am Nachbarhaus Unter den Linden bald als Pelléas, in Baden-Baden konzertant als Papageno und in Wien auch nochmal in einer Tenorrolle als Don Ottavio zu erleben geben soll — die großen Partien des Fachs scheinen in unerreichbare Ferne gerückt. Doch ‚glücklich ist, wer vergisst, was doch nicht zu ändern ist‘, und bei einem Geist wie Villazón muss sich die geballte Energie künstlerisch entladen.

Sinfonie des Wirrsals

Durchaus prominent bekam er nun am Haus an der Bismarckstraße die Möglichkeit, seinen Gedankenschwall in die Neuinszenierung der geadelten Operette des Walzerkönigs Johann Strauß zu ergießen, was sich in allerlei Anspielungen und Referenzen äußert. Dr. Falke etwa — bestimmend, stimmstark und schattierend von Thomas Lehman verkörpert — wird zum Vampir Nosferatu, der das bizarre Spektakel auslöst, das sich in dieser Darstellung oft in Inkonsequenz verrennt. Ein gelungener Einfall, den zweiten Akt als Kontrast zum herrschaftlichen Raum des ersten auf eine Undergroundparty in einem Berliner Ost-Bunker zu verlegen. Johannes Leiacker hat die insgesamt drei absonderlich verschiedenen Bilder auf einer Drehbühne installiert. Mit Stalinbild im Hintergrund fordert zum Trinken: ein sowjetischer Prinz Orlofsky — oder doch eine Prinzessin? Angela Brower spannt mit Schnurrbart und offener Weiblichkeit den Spagat zwischen den Geschlechtern trans- bzw. intersexuell und garniert eine satte Mittellage mit kernigen Höhen. Nicht weniger temperamentvoll verleiht Meechot Marrero der Adele lodernde Linien. Als Gefängnisdirektor zeigt Markus Brück nicht nur wohligen Klang, sondern auch gestalterisch reiches Spiel. Volltrunken sorgt er an der Seite von Eisenstein für köstliche Momente. Den gibt Thomas Blondelle mit durchdringend metallenem Tenor vollends überzeugend. Zwischen allen diesen tigert Rosalinde mit stolzer Fasson. Annette Daschs Präsenz bleibt auch bei nicht immer idealer Klangfindung außerordentlich, ihre Präzision und Ernsthaftigkeit machen den Witz authentisch. Und doch: Bei all den musikalisch guten bis glänzenden Leistungen kommt der Schwung nicht auf, da Donald Runnicles am Pult trotz passenden Grundtempi den Walzertakt glatt bügelt. Es ist diese elementare Spannung aus Verharren und Gleiten, die sich einfach nicht einpendelt. Für das Berliner Publikum reicht es zum Schluss dennoch zum Mitklatschen.

Auf der Umlaufbahn

Die wilde Feierei noch steigernd, kreist der Gefängnistrakt im letzten Akt um die Erde als Raumstation. Ganz ganz weit weg werden die verfrachtet, die nicht ins Bild der dekadenten Partygesellschaft passen, soll das wohl heißen. Irgendwelche Tentakel-Aliens sind eingesperrt neben dem unglücklichen Alfred, den Enea Scala schmalzig frönend und wehleidig klagend als Tenorklischee par excellence gibt (wieder eine Selbstreferenz Villazóns?). Florian Teichtmeister malträtiert ihn per Knopfdruck in der makellos justierten Darstellung des Gefängniswärters Frosch, der hier als schräger Roboter mit humoristischer Einlage à la C-3PO inhaltlich aus jeglichem zuvor noch zu erahnenden Konzept fällt. Merklich zeigt sich die schauspielerische Qualität insgesamt daran, dass auch die Sprechparts nicht über das dem Werk angemessene Maß albern werden. Natürlich fehlt das Wiener Milieu, der Dialekt, die Derbheit — der Versuch, das alles in Berlin zu konstruieren, wäre wohl zum Scheitern verurteilt. Jedoch bleibt das Berlinern einzig von der Ida – Kathleen Bauer macht ihre Arbeit ordentlich – höchstens Hinweis auf einen unerfolgten Ausgleich. Hingegen werden die Akzente, die sich bei einigen im Gesprochenen kaum verbergen lassen, weggedacht statt ausgespielt. Kurz vor Ende mündet das Ganze noch in ein Thema des fast-Namensgenossen Richard Strauss und Kubricks ‘Space Odyssey’.

Der moralische Clown

Abwegig ist es nicht, 'Die Fledermaus' ins Weltall zu schießen – die moralisierende Behandlung künstlicher Intelligenz im fehlenden Kontext hingegen schon. Ebenso stellt der Obdachlose, der von Anfang an neben der Bühne kauert, eine platte Phrase dar, die schnell banalisierend, wenn nicht ungewollt zynisch wirkt. So gelingen an der gesamten Ausformung von Ideen lediglich vereinzelte Ansätze. Ein großes Ganzes wird nicht daraus. Soll es vielleicht auch nicht – das wäre allerdings ein Fehler. Villazón steht aber hinter seinem Produkt: Beim zweiten Gang auf die Bühne stellt er sich allein dem Schwall an Buhrufen entgegen, um schließlich seine rote Clownsnase aufzusetzen – mehr noch als Referenz auf den Red Nose Day, der am 28. April in Deutschland gefeiert wurde, ist die Geste eine finale Anspielung auf das Leben auf den Brettern des ‚Mister Beans der Opernbühne‘.

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Kritik von Theo Hoflich

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Die Fledermaus: Operette in drei Akten

Ort: Deutsche Oper,

Werke von: Johann Strauß, jun.

Mitwirkende: Donald Runnicles (Dirigent), Orchester der Deutschen Oper Berlin (Orchester), Rolando Villazón (Regie)

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