> > > > > 21.07.2006
Donnerstag, 28. Oktober 2021

Wolfgang Amadeus Mozart

'Zauberflöte' mit Hindernissen auf Gut Immling

Zu Hilfe! Zu Hilfe!

Mit Mozarts „Die Zauberflöte“ hat alles begonnen. Das große Singspiel verwendet etliche Stilarten der Oper des späten 18. Jahrhunderts, seine Volkstümlichkeit darf aber über Ansprüche, die Spielarten der Opera seria, semiseria und buffa samt opernfremden Mitteln wie die Technik des Solokonzertes und der Kontrapunktik Bachs, an das Ensemble stellen, nicht hinweg täuschen. Vor zehn Jahren zog man vom Baggersee wegen zu viel Wassers von oben und unten auf den grünen Hügel, in die Reithalle des Gutes Immling bei Bad Endorf im Chiemgau.
Aus dem geplanten Zauberflöten-Opernevent mit Lasershow wurde ein Festival mit Opernproduktionen, Konzerten, einem Opernworkshop für Kinder und Opernaufführungen für junges Publikum, und neuerdings auch einer Gesangs- und Opernakademie, auf der mehr oder weniger namhafte Interpreten ihre Erfahrungen an junge Sängerinnen und Sänger weitergeben.

Bayerns zweiter grüner Hügel


Inzwischen findet auf Bayerns zweitem grünen Hügel eine Erfolgsgeschichte statt, die zehn Jahre währt und im Jubiläumsjahr gut 16.000 Zuschauerrinnen und Zuschauer zählen wird. Diese „Oper für alle“ lockt natürlich auch mit dem Ambiente des Ortes und der ungezwungenen Art, in der es hier möglich ist, zumeist anspruchsvolle Aufführungen, beeindruckende Landschaften und kulinarische Überraschungen zu genießen.

Beim Opernfestival auf diesem grünen Hügel, im Gegensatz zum großen Bruder in Bayreuth, geht es vorwiegend italienisch und locker zu, Festivalchef Ludwig Baumann will ein breites Publikum ansprechen. Baumann, dessen erfolgreiche Bühnenkarriere als Bariton durch einen Unfall 1994 in der Dresdner Semperoper ein jähes Ende fand, hat gerade in einer der beliebtesten und unterhaltendsten Partien der volkstümlichen Oper schlechthin, als Papageno in der „Zauberflöte“, weltweit Menschen begeistert.


Jubiläum mit Mozart muss sein


Also, zum Jubiläum wieder eine „Zauberflöte“ in der Reithalle auf Gut Immling, inszeniert und ausgestattet von Ludwig Baumann selbst. Kornelia von Kerssenbrock steht am Pult der Münchner Symphoniker und auf der Bühne ein junges, internationales Ensemble, dazu der Festivalchor. Baumann erzählt die Geschichte, von ein paar unaktuellen Aktualisierungen wie Fahrrad für Papageno oder Misswahlrituale für Papagenas Präsentation und weiteres in der üblichen Art, wie sie im Textbuch steht auf einer Bühne deren Arkadengänge doch mit einigem Augenzwinkern an die gar nicht so weit entfernte Felsenreitschule in Salzburg erinnern. Dort wird es keine „Zauberflöte“ geben. Wie die Neuproduktion im Mozartjubiläumsjahr, im Großen Festspielhaus, aussehen und klingen wird, wissen wir noch nicht.


Von Opernschweiß und anderen Feuchtigkeiten


Unsere „Zauberflöte“ leidet in der achten Aufführung stark unter Feuchtigkeit. Zunächst in Form von Schweiß, denn der fließt bei fast 35 Grad Außentemperatur und gefühlten 40 Grad unterm Blechdach in Strömen. Später wird sich unter lautstarkem Prasseln ein mächtiger Regenguss in das Geschehen mischen und es zeitweilig sogar außer Kraft setzen. Unter der akkuraten Leitung der Dirigentin stimmt zunächst eine frisch musizierte Ouvertüre fröhlich und erwartungsfroh. Aber schon die drei Damen, Heidelinde Schmid, Erika Messner und Monica Bohinec, haben mitunter andere Vorstellungen als die Dirigentin. Ob der touristische Prinz mit der blitzlichtenden Kamera vor der Schlangenattrappe oder den drei rotlichtbestrahlten Damen auf dem Lottersofa erschrickt, ist unklar.
Garrie Davislim ist ein so attraktiver wie gut singender Tamino. Sein Spiel bewahrt Natürlichkeit, sein Gesang hat Charme. Gerard Kim als Papageno ist einfach nicht in der Lage die Unmassen von Text zu bewältigen. Das klingt wie auf der Leseprobe, und dabei ist er nicht allein, die Priester Dieter Schnitz und Gottfried Thalmeier unterstützen ihn mit matten Kräften.


Für Kristof Klorek als Sarastro liegt das „bessre Reich“ in unerreichbarer Tiefe, und wie die drei als Knaben wuselnden U-Bootmatrosen Regina Zimmer, Katharina Losbichler und Susanne Tarr singen, war in der 19. Reihe, schon vor dem Regenguss nicht wirklich wahrzunehmen. Dass sie aber immer wieder ausgerechnet dahin abtauchen, woher die Königin der Nacht kommt, ist eine von mehreren Ungereimtheiten dieser insgesamt doch recht langatmigen und weitestgehend uninspirierten Aufführung. Auch Laura Bellis Gesang als Papagena fiel den Geräuschen der Natur zum Opfer, Jacek Janiszewski hatte Glück, er konnte seine eindrucksvolle Deklamation als Sprecher ungestört geben. Weniger Glück hatte Stefan Kastner als Monostatos, sowohl mit als auch ohne Regen, durchzukommen. Auch Felicitas Fuchs als Pamina konnte nur einen Teil ihrer Partie ungestört darbieten.


Roland Schwarz und John Sweeney singen geharnischt gegen das Unwetter an. Isabelle Becker als Königin der Nacht, unwetterfrei und eingesprungen für Konstanze Preuss, unterliegt im Kampf mit beiden Arien. Dass sie oft im Dunklen stand mag daran liegen, dass ihr die Inszenierung fremd war, das aber auch andere Protagonisten immer wieder im Finstern schlichen und stolperten bleibt ein Rätsel der Lichtkunst, für die Arndt Sellentin verantwortlich ist.


Kurz und bündig ist besser als lang und schwitzend


Aber wer die Oper am ungewohnten Ort will muss auch damit rechnen, dass sie unter ungewohnten Umständen vonstatten geht. Vielleicht doch besser kurz und bündig, knackig und  logisch, so bekommt man auch eine „Zauberflöte“, deren Zauber mehr der Musik denn dem Text eigen ist, in gefühlten zwei Stunden sicher durch die Reithalle.


Mehr erfahren über den Autor

Kritik von Boris Michael Gruhl



Kontakt zur Redaktion


Gut Immling, 10. Opernfestival Chiemgau: Mozart, "Die Zauberflöte"

Ort: Gut Immling,

Werke von: Wolfgang Amadeus Mozart

Mitwirkende: Münchner Symphoniker (Orchester)

Detailinformationen zum Veranstalter Opernfestival Gut Immling Chiemgau

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