> > > > > 24.03.2018
Freitag, 20. April 2018

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Szenenfoto, Copyright: Arno Declair

Szenenfoto, © Arno Declair

Tosca an der Staatsoper Hamburg

Mit halber Kraft

Für die im März und April stattfindenden "Italienischen Opernwochen" hat sich die Staatsoper Hamburg kräftig ins Zeug gelegt. Hochkarätig besetzte Hauptwerke von Giuseppe Verdi und Giacomo Puccini stehen in der Hansestadt auf dem Programm. Darunter auch "Tosca" in einer Inszenierung aus dem Jahr 2000 von Robert Carsen mit historisierendem Bühnenbild und Kostümen, die nun für einige Vorstellungen wieder hervorgeholt werden. Der Hauptreiz für das in Scharen herbeiströmende Publikum ist jedoch Angela Gheorghiu. Für insgesamt drei Vorstellungen gibt die altbewährte Starsopranistin den Part der titelgebenden Operndiva Floria Tosca.

Dass die 1965 geborene Rumänin neben Riccardo Massi als Cavaradossi und Franco Vassalo als Scarpia die Hauptattraktion darstellt – daran sollte auch am Schluss kein Zweifel aufkommen. Ganz allein im Scheinwerferlicht werden ihr nach dem Schlussakkord von zwei Bediensteten in Uniform mit Mozartzopf gleich zwei rote Rosensträuße überreicht. Erst danach dürfen sich auch die anderen feiern lassen. Was somit nach einem großen Opernabend klingt, fiel dann allerdings doch unspektakulärer aus als erwartet – zumindest in dieser mittleren von drei Vorstellungen. Sicher, nach den großen Arien "Vissi d’arte" der Tosca und "E lucevan le stelle" Cavaradossis gab es den erwarteten Zwischenjubel. Riccardo Massi gestaltete seine Arie eher getragen und mit existentieller Schwere, als ein Künstler, der sich bereits als tot sieht, weniger als ein letztes Aufbäumen des Lebens. Und auch Gheorghius Vortrag im zweiten Akt klang bei allen Schattierungen und aller stimmlichen Weichheit gedämpft bis zurückgenommen, nicht so sehr wie eine feurige Anklage an ihren Schöpfer ("perché, perché, Signore, perché me ne rimuneri così?") als wie eine zarte Klage. Überhaupt versah Gheorghiu ihr Porträt der Tosca darstellerisch wie gesanglich zwar mit individuellen Tupfern – im ersten Akt sang sie die Bitte, Cavaradossi möge seinem Madonnenbild schwarze Augen geben, hübsch kokett. Das hochdramatische Element blieb jedoch über weite Strecken ein uneingelöstes Versprechen – trotz der ungewohnten zweiten Pause nach dem zweiten Akt. So hüpfte sie zwar erwartbar mühelos von Spitzenton zu Spitzenton, diese drangen jedoch selten einmal mit aller Kraft bis in die letzte Reihe. Ähnlich zurückhaltend agierte auch Riccardo Massi, dessen weiches Timbre in der Höhe immer wieder durch leichtes Pressen eingetrübt wurde. Herausgeschmetterte, lang ausgehaltene Töne wie bei der Nachricht von Napoleons Sieg waren eine Seltenheit. Der einzige, der an diesem Abend tatsächlich uneingeschränkt triumphierte, war somit Franco Vassallos herrlich böser Scarpia, der alleine schon darstellerisch perfekt die Rolle des korrupten Polizeichefs ausfüllte. Das fordernde Befehlen, das 'laute Denken' seiner teuflischen Pläne wirkte bei ihm wie zweite Natur. Eine kleine Puccini-Sternstunde stellte auch Pier Giorgio Morandis plastische Lesart der Partitur dar, inklusive wuchtig druckvoller Blechbläsereinsätze. Nicht nur kommentierten und kontrastrierten vor allem die Holzbläser das Bühnengeschehen hoch lebendig, sodass geradezu von einer zweiten Bedeutungsebene wie bei Wagner die Rede sein konnte. Vor allem die Flöten warnten, spotteten und gellten, dass das Zuhören eine reine Freude war. Daneben wusste auch der reine, klar gestaffelte Streicherklang zu überzeugen. Das Philharmonische Staatsorchester Hamburg insgesamt strahlte jene heilige Seriosität und Diszipliniertheit aus, wie sie für die italienische Oper so dringend nötig ist. Bleibt also nur zu hoffen, dass die Gesangssolisten für die kommenden Vorstellungen noch einen Gang hochschalten. Spätestens, wenn im April dann Jonas Kaufmann und Anja Harteros in "Tosca" noch einmal auf der Bühne stehen, darf wieder Großes erwartet werden.      

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Kritik von Dr. Aron Sayed

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Tosca: Gheorghiu

Ort: Hamburgische Staatsoper,

Werke von: Giacomo Puccini

Mitwirkende: Robert Carsen (Regie), Pier Giorgio Morandi (Solist Gesang), Franco Vassallo (Solist Gesang), Angela Gheorghiu (Solist Gesang)

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