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Donnerstag, 21. Juni 2018

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Chor der Oper Köln, Copyright: Bernd Uhlig

Chor der Oper Köln, © Bernd Uhlig

Massenets 'Manon' in Köln

Theater der Sinne

Kölns Neuinszenierung der Opéra comique 'Manon' von Jules Massenet macht Lust auf französische Oper. Johannes Erath erzählt den Aufstieg und Fall der Manon in differenzierten, vielschichtigen, anspielungsreichen Bildern, wechselt zwischen Komik und Tragik und rückt die Interpretation der Musik Massenets in den Vordergrund. Dazu ein gut aufgelegter Chor, ein fantastisch singendes und spielendes Solistenensemble und Gürzenich-Orchester, die unter der umsichtigen Leitung Claude Schnitzlers die ständig wechselnden Ausdruckscharaktere - sentimentaler, melodischer Schmelz, neckischer Tanz oder atmosphärische Zeichnung z.B. der bunten, lauten Betriebsamkeit einer ankommenden Postkutsche – aufblühen lassen.

Komponiert für die Opéra comique und dort 1884 mit großem Erfolg uraufgeführt, schufen Massenet und die Librettisten Henri Meilhac und Philippe Gille ein Stationendrama nach dem 1731 erschienen Roman von Abbé Prévost, das in seinem Gemisch aus Tanz, Heiterkeit, Satire, rückwärtsgewandten Leidenschaften und tragischen Momenten ganz dem Geschmack des vergnügungssüchtigen, bürgerlichen Pariser Publikums der Belle Epoque entsprach.

Im Köln des 21. Jahrhunderts wirkt statt Gastwirtschaft, romantisch schlichter Liebeshöhle in Paris, Promenade Cour-la-Reine, Sprechzimmer im Kloster Saint-Sulpice, Spielsaal im Transsylvanischen Hotel, Landstraße nach Le Havre die kühle Sachlichkeit der 1950er Jahre. Herbert Barz-Murauer zeigt einen offenen, spärlich möblierten Raum, der die gesamte Raumbreite des Staatenhaussaales einnimmt und an ein schmales, sehr in die Breite gezogenes Filmbildformat erinnert. Weitere Bildelemente werden von der Seite aufgefahren. Im ersten Akt z.B. eine Plastik möblierte U-Bahnstation, im zweiten begrenzen links Sektkühler und Matratze am Boden und rechts ein kleines, rundes Cafétischchen mit zwei Stühlen. Dazwischen strahlt eine an Hopper erinnernde Leere und Einsamkeit.

Erath zeichnet ein analytisch fundiertes, sinnliches Sittengemälde. Des Grieux’ leidenschaftliche Liebe sind Projektionen. Wenn Tenor Atalla Ayan mit weichem, sich verströmenden Schmelz im zweiten Akt von Liebe, trauter Zweisamkeit und Häuschen im Grünen träumt, erhebt sich ein Alter Ego Manons aus dem Hintergrund. Schon im zweiten Akt scheint sich das Liebespaar auseinandergelebt zu haben.

Satirisch zugespitzt ist Cousin Lescaut als halbseidene Schlüsselfigur - schauspielerisch und sängerisch souverän von Wolfgang Stefan Schwaiger interpretiert. In der leicht kitschigen Klosterszene dominiert ein überlebensgroßer, liegender Schmerzensmann die Bühne aus dem Hintergrund, während Weihrauchdüfte die Publikumsnasen umwehen. Überzeugend auch die spritzige Darbietung von Menna Cazel, Marta Wryk und Dara Savinova als Dirnen des Pariser Luxuslebens.

Zuzana Markova stellt grandios die junge, kokette, zielstrebig ihre Karriere verfolgende Manon dar. Lebenslust spiegelnde, kleine Koloraturen blitzen wunderbar in 'Je suis encore toute étourdie' auf, schlichte, melodische Legato-Linien in 'Adieu, notre petite table', zart und verführerisch in der dramatischen Klosterszene des dritten Aktes. Wenn ihr Leben als Halbweltdame, ihre Vision von Reichtum und Luxus in diesem Akt seinen Höhepunkt erreicht hat, lässt Erath sie auf der linken Schulter einer gigantischen, ihre Initialen tragenden Parfumflasche sitzend einfahren. Das Menuett ertönt aus dem Off. Zugleich setzt der Regisseur eine Zäsur, um Manons Untergang einzuläuten. Einfühlsam und fantasievoll in die musikalische Vorlage eingreifend ist das Orchester während der Ballettmusik verstummt. Die Melodie schweigt. Den Mitleid erregenden Bekenntnischarakter des Sprachstils bei Prévost aufgreifend konzentriert sich die erklingende Musik auf die Harmonien – dargeboten von dem Akkordeonisten Filip Erakovic. Im letzten Akt, wenn alle Stationen noch einmal Revue passieren, treten sie mahnend und erinnernd als Akkordeongruppe dem Publikum gegenüber – diesmal ohne Ton. Die Luft ist den Instrumenten entwichen.

Ein grandioser, Tragik und Komik vereinender Theaterabend, der vom Publikum mit langem Applaus und zahlreichen Bravi belohnt wurde.

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Kritik von Ursula Decker-Bönniger

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Manon: Opéra comique von Jules Massenent

Ort: Oper,

Werke von: Jules Massenet

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