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Freitag, 25. Mai 2018

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Philharmonisches Orchester Kiel, Copyright: Olaf Struck

Philharmonisches Orchester Kiel, © Olaf Struck

Frank Zappas Orchesterwerke in Kiel

Warum so ernst?

Man muss nicht immer in die größten Städte fahren, um spannende Konzerte zu erleben. Oft spielt sich das eigentlich Aufregende auch in der vermeintlichen Provinz ab. Wer hätte zum Beispiel gedacht, dass die längst den Theorietod gestorbene musikalische Avantgarde im Kieler Schloss für einige Stunden aufersteht und dafür mit frenetischen Standing Ovations gefeiert wird? Und zwar in Form eines Trends setzenden Wildschweins, einer Reflektion über die – pardon – Venedig vollscheißenden Tauben sowie über den weiblichen G-Punkt oder einer melancholischen Meditation über die Ölkatastrophe der Exxon Valdez im Jahr 1989?

Doch eins nach dem anderen. Das 3. Extrakonzert des Philharmonischen Orchesters Kiel stand unter dem Motto 'Freak Out: Tribute to Frank Zappa'. Unter Leitung des Ersten Kapellmeisters Daniel Carlberg wurde eine Auswahl von Orchesterwerken aus Zappas letztem Album 'The Yellow Shark' zu Gehör gebracht. Doch auch die feine freakige Mini-Oper 'The Adventures of Greggery Peccary' für Sprecher (Marko Gebbert) und Tenor (Fred Hoffmann) stand auf dem Programm. Der Begriff Orchester steht hier freilich für eine um Alphorn und Saxophon erweiterte Bläsersektion, extrem umfangreiches Schlagwerk – auch drei Schreibmaschinen durften nicht fehlen –, inklusive Synthesizer und Konzertflügel sowie Streicherensemble. Auch eine dreiköpfige Gesandtschaft von Ballett Kiel durfte nicht fehlen, die in 'The Girl in the Magnesium Dress' und 'G-Spot Tornado' diese wilde Zusammensetzung der Aufführenden komplettierte. Gut, dass der Schauspieler Marko Gebbert gar nicht erst versuchte, als ernster Moderator durch das Konzert zu führen und künstlich zu ordnen, was gar nicht zusammengehören soll, sondern sich selbst zappaesk als Vertreter des Vaters der musikalischen Erfindung gerierte.

Alle äußere Buntheit, die sich mitunter durchaus karnevalesk auf der Bühne niederschlug, täuschte jedoch nicht darüber hinweg, dass das Philharmonische Orchester Kiel unter Carlberg hier eine extreme Tour de Force bewältigte, und das auf virtuos beeindruckende Weise. Es ist eine Sache, Zappas polystilistische, polyrhythmische, polyharmonische, polizeilich (haha) eigentlich verboten gehörende Kompositionen auch nur halbwegs korrekt wiederzugeben. Vom Schwierigkeitsgrad werden hier allerhöchste Ansprüche gestellt, dies zumal manche Stücke alleine von der Notation her quasi unspielbar sind und die Aufführung gelegentliche Improvisation erfordert. Eine andere Sache ist es, das Ganze auch so hinzubekommen, dass es groovt und auf die richtige Weise schmutzig klingt. Doch wer der kompliziertest verschachtelten Rhythmik à la Strawinsky oder Varèse in 'Put a Motor in Yourself' lauschte oder dem pornografischen 'Be-Bop Tango' lauschte, der konnte gar nicht anders, als mitzuwippen. Diese übermenschliche Leichtigkeit spiegelte sich ebenfalls in der Präsentation wider. So wurden Text und Handlung von 'The Adventures of Greggery Peccary' auch als Animationsfilm im Cartoon-Stil (Video: Frank Scheewe) auf der Leinwand hinter dem Orchester gezeigt, was das Verständnis dieses wilden Klangkonglomerats nicht nur erheblich erleichterte, sondern auch den Unterhaltungswert steigerte. Ganz im Sinne Zappas also. Spätestens bei den beiden packenden Zugaben war das zahlreich erschienene Publikum, in dem nahezu alle Altersklassen vertreten waren, nicht mehr zu halten, sodass sogar eine schätzungsweise 70 Jahre junge Bildungsbürgerin direkt neben der Bühne zu tanzen begann. Und das muss man erstmal hinbekommen. Viel unterhaltsamer kann die Avantgarde nicht sein.

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Kritik von Dr. Aron Sayed

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Freak Out: Frank Zappa

Ort: Kieler Schloß,

Werke von: Frank Zappa

Mitwirkende: Daniel Carlberg (Dirigent), Philharmonisches Orchester Kiel (Orchester)

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