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Sonntag, 23. September 2018

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Markus Brück, Seth Carico, Joseph Calleja, Dolora Zajick, Copyright: Bettina Stöss

Markus Brück, Seth Carico, Joseph Calleja, Dolora Zajick, © Bettina Stöss

Joseph Calleja singt Cilea in Berlin

Auf Carusos Spuren unterwegs in der Provence

Konzertante Aufführungen von Opern- und Operettenraritäten können ein Fest sein – wer wüsste das besser, als das Berlin Publikum? Es wird jedes Jahr zur Weihnachtszeit von der Komischen Oper mit Ausgrabungen verwöhnt, die festlich ausgeleuchtet und mindestens ansatzweise glitzernd kostümiert dargeboten werden. Manchmal wird auch der Versuch unternommen, die Solisten in Spielszenen zu verwickeln, damit sich die Handlung besser erschließt. Zuletzt wurden an der Komischen Oper sogar fulminante Steppszenen eingebaut, beispielsweise bei Paul Abrahams 'Märchen im Grand-Hotel', was die Wirkung der konzertanten Aufführung erheblich steigerte und das Publikum zu Ovationen hinriss.

Auch die Deutsche Oper Berlin hat eine lange Tradition von konzertanten Opernabenden, meist mit Titeln aus dem italienischen Repertoire und oft mit einem zentralen Stargast. Früher war das Lucia Aliberti, die Bellini- und Donizetti-Heroinen interpretierte, während Intendant Götz Friedrich um diese Stücke in seinem Spielplan einen großen Bogen machte. Aliberti war für Berliner Belcanto-Fans so etwas wie eine Ersatzbefriedigung. Dann kam eine Zeit lang Edita Gruberova und setzte die Aliberti-Tradition an der DOB fort, meist durchreisend mit Stücken, die sie schon anderswo mit genau derselben Besetzung gesungen hat. Und weil Edita Gruberova inzwischen nicht mehr so viel singt, kommt demnächst Diana Damrau und wird Donizettis 'Maria Stuarda' als ‚konzertante Premiere‘ in zwei Vorstellungen an der DOB singen.

Tenöre als Attraktion

Da aber nicht alle Opernfans Soprane vergöttern, hat die DOB in den letzten Jahren auch Startenöre für Stippvisiten eingeflogen. Ganz früher haben zwar Domingo und Pavarotti in großen Neuproduktionen an der Bismarckstraße mitgewirkt, also mit Kostüm und Szenerie und allem drum und dran, als Teil des üppig subventionierten West-Berliner Spielplans, heute tun die Nachfolger der Drei Tenöre dies nur ab und an in Repertoireaufführungen. Wo man sie dann in 'Tosca' oder 'Boheme' antrifft oder manchmal in einer Meyerbeer-Premiere. Häufiger bekommt man jedoch Gelegenheit, sie à la Aliberti, Gruberova und Damrau in einer konzertanten Rarität zu bewundern. Einer, der sich so schon mehrfach präsentierte, ist Joseph Calleja. Der Tenor aus Malta kam nun zurück, um Francesco Cileas Oper über sexuelle Obsession in der Provence zu singen: 'L’Arlesiana'.

Das Stück wird den meisten Opernliebhabern bekannt sein wegen der berühmten Tenorromanze 'È la solita storia del pastore', das Lamento von Federico. Das hat bei der Uraufführung 1897 in Mailand der 24-jährige Enrico Caruso gesungen, danach gab es kaum einen Tenor, der sich nicht daran probiert hätte. Es ist natürlich auch auf Callejas jüngstem Arienalbum bei Decca enthalten, das er nach der Vorstellung im Foyer signierte. Wenn man will, kann man diesen Auftritt also als Promotion Tour beschreiben. Wogegen grundsätzlich nichts einzuwenden ist: Promotion kann sehr überzeugend sein, idealerweise auch glanzvoll und etwas Besonderes.

Der Abend in der DOB sah allerdings nicht nach etwas Besonderem aus: Es gab viele leere Plätze um mich herum, die Beleuchtung des Raums und ganz speziell der Bühne während der Aufführung war so unatmosphärisch, dass die Solisten vorn an der Rampe fast nicht zur Geltung kamen als die funkelnden Edelsteine, die sie sein sollten. Star des Abends war natürlich Calleja, der auf Pavarottis Spuren wandelnd mit jugendlich-heller Stimme und idealer Textbehandlung auffiel. Allerdings kannte sein Porträt des einfachen Bauernjungen, der sich so wild in eine Prostituierte aus der Großstadt Arles verliebt, dass er den Verstand verliert und schlussendlich vor Verzweiflung darüber, dass er sie nicht allein besitzen kann, aus dem Scheunenfenster springt, wenig Schattierung. Calleja sang die Partie in einem einzigen Tonfall, von Anfang bis Ende, und fand für den zunehmenden Wahnsinn des Federico und für dessen Zerrissenheit zwischen Achtung der Mutter und einem heteronormativen Leben mit ‚anständiger‘ Ehefrau und ‚anständiger‘ Arbeit auf dem Bauernhof einerseits und sexuellen Befreiung und Utopie, die er mit der unbenannten Schönen in Arles erlebt hat, andererseits, keine vokale Differenzierung. Und das berühmte ‚Lamento di Federico‘ hatte zwar Glanz, aber keine emotionale Wucht, weil alles drum herum nach Routine wirkte. Was schade ist.

Dolora Zajick als Gast aus New York

Der zweite Stargast des Abends war Dolora Zajick als Mutter Rosa Mamai. Sie punktete mit üppigen Mezzotönen, die in der Tiefe brustig-überwältigend klingen und in der Höhe wuchtig ausschwingen. Vom Timbre passte sie ideal in diese Mutterrolle, behandelte aber – im Gegensatz zu Calleja – ihren Text so beiläufig, dass zeitweise nicht ganz klar war, wovon sie eigentlich sang. (Gott sei Dank gab es Übertitel!) Da Dolora Zajick auch den ganzen Abend ihren Klavierauszug zehn Zentimeter vor dem Gesicht hielt, ergab sich auf selten Interaktion zwischen ihr und Federico/Calleja bzw. den anderen Akteuren des Abends. Manchmal fragte ich mich, ob sie überhaupt wusste, in welchem Stück sie war… Es ist allerdings ein Zeichen ihrer Großartigkeit als Künstlerin, dass das letztlich egal war und die Elementarkraft ihrer Stimme auch in diesem späten Stadium ihrer Karriere noch so sehr wirkt, dass man ihr gebannt zuhört.

Von den weiteren Akteuren machte Markus Brück als alter Schafhirte Baldassare am meisten Eindruck, obwohl er vom Timbre deutlich zu jung klingt, um einen Hirten kurz vorm Sterben glaubhaft über die Rampe zu bringen. Aber die Spitzentöne hatten Strahlkraft und das knorrig-markante Timbre große Eigenart. An seiner Seite Seth Carico als Nebenbuhler von Federico (der letztlich die ‚Hure‘ aus Arles entführt und somit für sich ‚allein‘ gewinnt, was Federico in die Raserei treibt). Caricos Stimme hat in den letzten Jahren deutlich an Volumen gewonnen, dafür aber an Eleganz und Wärme verloren. Sie klingt manchmal direkt grell, was ihn fürs Charakterfach prädestiniert – was aber bedauerlich ist; denn Carico war bis vor kurzem auch idealer Kavaliersbass. Und er sieht auch definitiv aus wie der ideale Kavaliersbass. Aktuell ist es fast kahl geschoren wegen seiner Rolle als ‚Dead Man Walking‘ in Jake Heggies Oper in Minnesota, macht aber im Smoking perfekte Figur. Als der raue ebenfalls obsessive Metifio war er auf alle Fälle ein prägnantes Gegengewicht zu Calleja als Federico.

Mit schönem Timbre, einnehmender Bühnenerscheinung, aber einer wenig ausladenden Höhe punktete Mariangela Sicilia als Vivetta, das ‚anständige‘ Mädchen aus dem Dorf, mit dem Federico sein alternatives Glück probiert und scheitert. Immerhin ‚spielte‘ sie zusammen mit Calleja in Einzelmomenten, so dass so etwas wie Bühnenspannung aufkam. Bemerkenswerterweise ist in diesem Stück der jugendliche Sopran aber der Rolle der Mutter untergeordnet; zumindest wirkte das bei Zajick/Sicilia so. Und dann war da noch – rundum perfekt und extrem charmant – Meechot Marrero als Federicos junger Bruder L’Innocente.

Leidenschaft und Raserei

Am Pult stand Paolo Arrivabeni, der das Orchester der Deutschen Oper Berlin ordentlich durch drei lyrische Akte leitete, aber kaum für klangliche Erregung sorgte oder ein Gespür für eine besondere Klangfärbung. Auch hier vermittelte sich der Eindruck von Routine, teils sogar Langeweile. Jedenfalls nicht ein Eindruck von hitziger Leidenschaft und Raserei, um die es laut Libretto gehen soll. Weswegen man die Aufführung nicht verlässt und denkt, man hätte da ein lang vergessenes Meisterwerk neu entdeckt – wie beispielsweise im Fall von 'Märchen vom Grand-Hotel' – sondern eher weggeht und meint, außer dem Lamento di Federico muss man aus Cileas 'L’Arlesiana' nichts kennen. So schlau war man allerdings auch vorher, weswegen sich mir persönlich der Sinn und Zweck dieser lieblos wirkenden Aufführung nicht erschloss.

Am meisten fasziniert hat mich der Hinweis im Programmheftartikel von Anselm Gerhard, dass Cileas Konkurrent Pietro Mascagni eine Oper mit dem Titel 'Andrea Chenier' komponiert haben soll. Kann es sein, dass da eine vergessene Doublette à la 'Boheme' oder 'Manon' in den Archiven schlummert und der Wiederentdeckung harrt?

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Kritik von Dr. Kevin Clarke

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L'Arlesiana (konzertant): Lyrische Oper in drei Akten von Francesco Cilea

Ort: Deutsche Oper,

Werke von: Francesco Cilea

Mitwirkende: Paolo Arrivabeni (Dirigent), Orchester der Deutschen Oper Berlin (Orchester), Seth Carico (Solist Gesang), Markus Brück (Solist Gesang), Joseph Calleja (Solist Gesang)

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