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Montag, 17. Dezember 2018

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Lucas Singer (Der Lautsprecher/ Der Tod), Martin Koch (Harlekin), Copyright: Paul Leclaire

Lucas Singer (Der Lautsprecher/ Der Tod), Martin Koch (Harlekin), © Paul Leclaire

'Der Kaiser von Atlantis' an der Oper Köln

Anklage gegen Rassismus und Krieg

Egal welche Kriegsverbrechen am eigenen Volk begangen werden, es gibt jemanden, der die schützende Hand über den Kaiser von Atlantis hält, und das ist der Tod. So in etwa ließe sich die Ausgangssituation des in der Tradition der Zeitoper entstandenen Spiels 'Der Kaiser von Atlantis oder die Tod-Verweigerung' des Komponisten Viktor Ullmann und des Dichters und Malers Peter Kien beschreiben.

Ullmann - aufgrund seiner jüdischen Herkunft und als Schönberg-Schüler doppelt gebrandmarkt - versuchte vergeblich, zu emigrieren. 1942 wurde er ebenso wie der Librettist Peter Kien schließlich nach Theresienstadt deportiert – das Prager Konzentrationslager, wo man aus Hunger, Not und Elend starb oder der Weitertransport in das Vernichtungslager Ausschwitz bevorstand, das ‚Vorzeige-Konzentrationslager‘, in dem die Nazis aus propagandistischen Zwecken ein reges Kulturleben unterstützten.

Hier entstand 1943 'Der Kaiser von Atlantis oder die Tod-Verweigerung'. Ein parodistisches, musikalisch überschäumendes Desillusionstheater, das stilisierte Tanzrhythmen als Verfremdungseffekte nutzt, Kinderlied, Bachchoral und Deutschlandlied zitiert, Leitmotive bzw. Erkennungssignale einsetzt und neben Arie, Duett, Terzett und Ensemble auch gesprochene Dialoge einarbeitet. Das solistisch besetzte Gürzenich-Orchester Köln unter der umsichtigen Leitung von Rainer Mühlbach setzt sich aus vielen Klangfarben zusammen, u.a. auch Kleine Trommel, Saxophon, Harmonium, Klavier, Banjo, Gitarre. Uraufgeführt wurde das Werk jedoch erst im Dezember 1975 durch Kerry Woodward im Theater Bellevue in Amsterdam.

Passender Aufführungsort in Köln ist die mit 160 Zuschauern eher kleine Außenspielstätte des Schauspiels am Offenbachplatz. Eike Ecker, die für die ausgezeichnete Neuinszenierung verantwortlich zeichnet, hebt die Aktualität hervor, in dem sie das Stück zeit- und raumlos anlegt. Die Spielfläche ist in zwei halbhohe Orchestergräben und sie umgebende Stege unterteilt. Aus dem Bühnenhimmel ragt ein überdimensionales, leicht ausgestelltes, je nach Situation auf- und absteigendes Rohr, das an den Schalltrichter eines Blechblasinstruments erinnert und den Auftritten des Todes und seiner Sense vorbehalten ist. Darunter ein kleiner, neonunterleuchtetes Podest für die Selbstdarstellung in Arien und Duetten von Kaiser Overall, Tod und Harlekin. Die fantasievollen Kostüme, die auch Darko Petrovic entworfen hat, spiegeln den Symbolcharakter der Figuren.

Eine streng unterteilte, schwarz-weiße Lockenperücke schmücken Harlekins Haupt und Perlenketten seinen nackten Oberkörper. Martin Koch versteht es ausdrucksstark den zwischen Melancholie und Parodie changierenden Charakter darzustellen. Lucas Singer verkörpert den Tod, einen abgedankten, verwahrlosten Soldaten, der sich angesichts der kaiserlichen Verfügung, jeder müsse gegen jeden Krieg führen, verweigert. Egal, wie viel Blut fließt und Waffen aufgefahren werden, die Menschen sterben ab jetzt nicht mehr. Kaiser Overall, der erstmals zu Beginn des zweiten Bildes erscheint und sich in einer schmucken, weißen Uniform sonnt, muss eingestehen, dass nicht er, sondern der Tod die Macht über Leben und Sterben hat. Und Nikolay Borchev versteht es meisterhaft, die schauspielerischen und sängerischen Facetten dieser Figur auszuloten.

Eike Ecker konterkariert die Auftritte mit choreografierten Bildern des leidenden Volkes. Mit dunkelroten Strumpfmasken und farblich entsprechenden Overalls wälzen sie sich in schlangenartigen Bewegungen zu Harlekins Gesängen über den Boden, strecken dem Tod flehend die Hände entgegen, während er sich auf seiner Sichel dem Boden nähert.

Wunderbar auch die anrührende Szene zwischen Bubikopf und dem unbekannten Soldaten zu Beginn des dritten Bildes. Während Dino Lüthy als Soldat eine Liebesklage singt, nachdem auf dem Schlachtfeld nicht mehr gestorben werden kann, fordert Claudia Rohrbach als Bubikopf ihn - irritiert über die Wende - zunächst auf, zu töten, bevor auch sie beginnt, sich der Strumpfmaske zu entledigen, das Gegenüber als Mensch zu erkennen und blühende Berge und Landschaften zu besingen.

Halb wahnsinnig geworden willigt der Kaiser schließlich ein, als erster zu sterben, damit der Tod wieder als ‚Freiheitsfest‘ und ‚wohlig, warmes Nest‘ die Menschen von ihrem Leid erlöse.

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Kritik von Ursula Decker-Bönniger

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