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Mittwoch, 15. August 2018

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Thomas Ebenstein und Mélissa Petit, Copyright: Arno Declair

Thomas Ebenstein und Mélissa Petit, © Arno Declair

'Fidelio' an der Hamburgischen Staatsoper

Ungleichheit

‚Ich hatte einen Traum, es war ein Alptraum. Ich wachte auf und alles war in Ordnung.‘ Diese Worte schickt Hausintendant Georges Delnon seiner 'Fidelio'-Inszenierung voraus und gewährt noch vor dem ersten Ton einen Blick auf die Bühne. Kaspar Zwimpfers Bühnenbild zeigt ein Arbeitszimmer; darin Bildungsbürgertum, von Lydia Kirchleitner kostümiert. Am Schreibtisch sitzt Rocco, die Tochter Marzelline am Klavier, wo sie wenig später 'Für Elise' spielt.

Verschwommene Hast

Musikalisch eröffnet Kent Nagno mit der Ouvertüre Nr. 3 zur Oper 'Leonore', die dann ja bekanntlich in spätester Fassung doch den Namen des männlichen Protagonisten erhielt. Die Ferntrompeten wären ein netter Effekt, würde ihr Auftritt im hinteren Parkett durch unvermeidliche Störgeräusche und Lichteinwurf nicht so ablenken. Unter dem Dirigat des Generalmusikdirektors fließen die Klänge des Philharmonischen Staatsorchester Hamburg dahin. Aber sie verwaschen leider schnell im Strom der Untransparenz. Und wenn sich dann Differenzierung andeutet, wird gehetzt. So auch in den Chorpassagen, die sich trotz disziplinierter Leistung unter der Einstudierung von Eberhard Friedrich nicht entfalten kann. Die Chorsolisten Thomas Gottschalk und Christian Bodenburg stehen stellvertretend für den behutsam ausgewogenen Chorklang. Insgesamt treten Farben jedoch nur punktuell heraus. Augenscheinliche Unsauberkeiten an jeweils einer Stelle im Blech, wie im Holz, zeugen von fehlender Konzentration.

Schon gesehen

Es ist die alte immerwährende Geschichte der Schuld und der Mitschuld, des Sehens und des Wegsehens, die holprig erzählt werden will. 'Fidelio' bietet sich hierfür an: Gerade der so gutväterlich daherkommende Kerkermeister Rocco ist Meister des Ausblendens und weit mehr als moralisch fragwürdig. Die Gefangenen, hier besonders nah am Alltag, verbergen sich in den Aktenschränken seines herrschaftlichen Gemachs. Er macht es seiner tapfer widerspenstigen Tochter vor, wie man vor der militanten Macht buckelt. Wenn der Vater nicht hinschaut, raucht sie, will mehr von ihrem Körper zeigen dürfen, ist sich der Rabiatheit der Männerwelt jedoch kaum bewusst. Denn für Jacquino heißt Marzellines Nein offenkundig nicht Nein - daraus wird dann bei Delnon eine versuchte Vergewaltigung. Nur durch den hinterm Vorhang hervortretenden Don Pizzaro wird der Täter in die Flucht geschlagen, was Marzelline jedoch in anders gearteter Bedrängnis zurücklässt. Die soziale Hochspannung begleitet ein düsteres Wald-Video, in dem mal Reh, mal Wolf auftauchen. Eher überflüssig als originell, eher kitschig als packend. Die Firma fettFilm hat schon wesentlich einfallsreicheres gestalten dürfen.

Verdrehte Positionen

Falk Struckmann verleiht dem Rocco eine aktiv-witzige und selten zu alberne Note. Er gestaltet ihn aus dem Verständnis des Buffo heraus mit ausgeglichenem Register. Sein samtig voller, auch in der Tiefe durchdringender Bass artikuliert deutlich. Einzig die Sprechtexte, die sich ohnehin auf dem Niveau schlechter Kalendersprüche bewegen, geraten arg exaltiert. Die Marzelline von Mélissa Petit birgt eine zarte Klangpalette, tönt in der Arie auch dunkler gemischt, bleibt aber insgesamt doch etwas klein. Auch Thomas Ebenstein lässt dunklere Anteile zu, setzt so das gesteigert Bedrohliche des Jacquino in die Musik um. Unglaubwürdig bleibt Werner Van Mechelen, der dem Don Pizzaro weder eine angemessene musikalische Dramatik verleihen kann noch einen halbwegs definierten szenischen Gestus. Eigentlich repräsentiert die Figur das Autoritäre, die skrupellose und willkürliche Macht. Zwar sind die Töne da, jedoch reichen kaum hörbare Tiefe, trockene Mittellage und wenig imposante Spitze für solch eine Partie schlichtweg nicht.

Theater der falschen Schule: Schultheater

Singspiele haben nun einmal Sprechtexte, und wenn man diese weder streicht noch ändert, fährt das Niveau schnell eine üble Berg- und Talfahrt. Den sonst Singenden, teils Nicht-Muttersprachlern, gelingen ohne Musik kaum bewegende Momente. So übertragen sich die inszenatorischen Ideen vielerorts schlichtweg nicht. Die Gänge von A nach B, von B nach C lassen jeden Sinn für Personenführung vermissen. Einer klugen Regie muss es möglich sein, die Menschen auf der Bühne sinnvoll in Szene zu setzen, statt ihren Mangel an schauspielerischer Ausbildung vorzuführen. Die über Tonband eingespielten Sprechtexte klingen zudem wie aus einem Kinderhörspiel - in dieser Deutung vollkommen fehl am Platz.

Heldin statt Held

Ihr Rollen- und Hausdebüt meistert Simone Schneider hervorragend. Sie singt die Leonore mit dramatischer Stimmkraft, die technisch einwandfrei stets aus einer klaren Fassung strömt - nie ausschlägt oder zerstreut. Trotz geringer Gestaltung fehlt es nicht an emotionaler Note. Besonders begeistert die Beständigkeit, mit der Schneider bis zum Schluss auch in den Ensembles präsent bleibt. Als sie ihrem Gatten zu Hilfe eilt, gelingt auch mal ein schönes Bild durch den Schattenwurf (Licht: Michael Bauer); dass sie anschließend die Waffe zieht, ist einer der platten Einfälle, welche schwache Szene zur Folge haben.

Den gescholtenen Gatten gibt Christopher Ventris. Schon das erste Wort, mit dem der zweite Aufzug eröffnet, 'Gott... welch dunkel hier', gerät mit unebenem Übergang aus dem Piano des Kopfregisters in die Vollstimme. Wenige Takte später drückt er 'ins Himmlische Reich' ungeschickt ins Falsett, belastet sich nur unnötig - weil der Ton anders aber auch gar nicht käme. Es mag auch an der Tagesform liegen, doch scheint die Stimmbehandlung grundsätzlich fragwürdig. Die Partie des Florestan verzeiht so etwas nicht. Als die Arie gelaufen ist, wird jede höhere Phrase zur Tortur. Ventris nimmt die bescheidenen Ovationen im Schlussapplaus mit gesenktem Haupt demütig hin. Solide hingegen: Kartal Karagedik, dessen Don Fernando mit vitalem Wohlklang die Situation klärt. Das etwas schnelle Vibrato stört wenig, nur das Spiel bleibt auch bei ihm mechanisch.

Profilierung statt Profession

Den 'Fidelio' zu inszenieren, scheint ein häufiger Wunsch von Theatermachern in Deutschland zu sein. Schließlich ist seine Stellung im Repertoire auch einzigartig: Es gibt schließlich nur dies eine Bühnenwerk des Mannes, der die größte rein instrumentale Gattung gleichsam begründet und - wie manche meinen - gewissermaßen beendet hat. Ob man nach Beethoven überhaupt noch Sinfonien schreiben kann, fragten sich mehrere Komponisten - zumindest die deutschen - der nachfolgenden Ära. Eine deutsche Oper als Gattung - falls dieser Terminus überhaupt seine Berechtigung hat - fing erst allmählich an, sich zu entwickeln. Die kurvige Genese des 'Fidelio' bezeugt dies. Andererseits ist sie auch Beethovens experimentierfreudiger Vorgehensweise geschuldet, die zugleich neues probiert und auf Altbewährtem aufbaut, so ein Œuvre von architektonisch nachvollziehbarer Pracht erschafft. Dieser Tage wird es von und für die Politik instrumentalisiert und zur Profilierung genutzt. Politisches steckt in diesen Werken, ja! Dies zeigte etwa die berüchtigte 'Fidelio'-Inszenierung an der Semperoper von 1989, die - heute freilich eher historisch interessant - hochbrisant Gegenwartsgeschichte beleuchtet. Es ist geradezu bezeichnend, dass damals mit Christine Mielitz eine Frau Regie führte. Ist nicht das eigentliche Potenzial der Oper eng mit dem Feminismus verknüpft? Was der späte Beethoven schuf, ist reflektiert radikal. Dass Georges Delnon und Kent Nagano in ihrer dritten Spielzeit der Leitung des Hauses nicht mehr aus dem Werk machen, ist kein Alptraum, aber enttäuscht. Da ist auch der anschließende Premierensektempfang ein schwacher Trost.

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Kritik von Theo Hoflich

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Fidelio: Große Oper in zwei Aufzügen

Ort: Hamburgische Staatsoper,

Werke von: Ludwig van Beethoven

Mitwirkende: Eberhard Friedrich (Chorleitung), Kent Nagano (Dirigent), Philharmonisches Staatsorchester Hamburg (Orchester), Werner Van Mechelen (Solist Gesang), Christopher Ventris (Solist Gesang), Falk Struckmann (Solist Gesang), Simone Schneider (Solist Gesang)


Presseschau mit ausgewählten Pressestimmen:

Buh-Rufe für den Opern-Chef
'Fidelio'-Inszenierung misslingt
(Hamburger Morgenpost, )

Dieser 'Fidelio' ist eine Katastrophe
Singende Männer auf der verzweifelten Suche nach der Takteins
(Frankfurter Allgemeine Zeitung, )

Beethovens 'Fidelio' an der Staatsoper Hamburg
(Hamburger Abendblatt, )

Viel Klischee - wenig Logik
'Fidelio' an der Staatsoper Hamburg
(Bayerischer Rundfunk (BR), )

Bravos und Buhs für Delnons 'Fidelio' in Hamburg
(Norddeutscher Rundfunk (NDR), )

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