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Montag, 25. Juni 2018

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Vladimir Jurowski dirigiert das RSB im Konzerthaus Berlin, Copyright: Bettina Stöß

Vladimir Jurowski dirigiert das RSB im Konzerthaus Berlin, © Bettina Stöß

Vladimir Jurowski setzt mit dem RSB neue Akzente

Beethoven inklusive Schönberg

Das Silvesterkonzert des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin mit Beethovens Neunter Sinfonie ist Tradition. Der neue Chefdirigent Vladimir Jurowski führt die Tradition weiter, doch will er auch eigene Akzente setzen. Zum einen wählte er die von Mahler überarbeitete Fassung von Beethovens Neunter Sinfonie aus, in der Mahler die Neunte seinem spätromantisches Ideal näherrückte und die Stimmen, die ihm zu schwach erschienen, instrumental teilweise vervierfachte, mehr Geigen, mehr Kontrabässe, mehr Holzbläser, ohne allerdings die melodischen Linien und Harmonien zu verändern. Das entspricht ganz Vladimir Jurowskis Dirigat, dessen Markenzeichen es ist, entgegen der üblichen Hörgewohnheiten Neues anzubieten. Im Falle von Beethovens Neunter erstrahlen so die einzelnen Melodielinien klar und dialogisierend. Nacheinander bauen die Instrumentallinien fulminante Tutti auf, die sofort wieder ins Pianissimo zurückgenommen werden, wobei das Heroische dem spätromantischen Farbklang weicht.

Dann noch nach dem dritten Satz nahtlos ineinander übergehend Arnold Schönbergs 'A Survivor of Warsaw' einzubauen, ist mutig, macht neugierig und überrascht. Angesichts der orchestralen Wucht Beethovens erscheint allerdings Schönbergs Fanfarenstoß als Ausdruck höchsten menschlichen Elends eher blass. Mit der eindringlichen, bass-sonoren Stimme Dietrich Henschels als Sprecher bleibt die Musik untergeordnet. Holocaust-Inferno flackert nur stellenweise auf. Nur acht Minuten lang, wirkt der Ausflug in die Musik Schönbergs durch den nahtlosen Übergang wie eine kleine Halluzination, die sich schnell in Beethovens wuchtigen vierten Satz verliert.

Großartig bauen hier die einzelnen Instrumentalgruppen aus einem subtilen Pianissimo den Jubel dieses vielseitig vermarkteten vierten Satzes um Schillers Ode auf. lm Umfeld des klangschönen Männerchors finden allerdings die Solisten Torsten Kerl, Maria Gortsevskaya und Christina Landshamer, erst nach einer gewissen Zeit den optimalen Farbklang. Das Tutti der Chöre wandelt sich nach einer bewusst gassenhauerisch interpretierten Sequenz zum großen Jubelchor - zusammen mit dem  mitreißenden Temperament des Orchesters ein fulminanter Schluss. Was bleibt, ist nicht das Gedenken des Grauens, sondern die Euphorie der Freude. Das passt zu Silvester, erfüllt aber nicht die ganz die ursprüngliche Konzeption. Beethoven in der Originalfassung kombiniert mit Schönberg wäre der konsequentere Weg gewesen.

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Kritik von Michaela Schabel

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Bisherige Kommentare:

  1. Überraschung?
    "Dann noch nach dem dritten Satz nahtlos ineinander übergehend Arnold Schönbergs 'A Survivor of Warsaw' einzubauen, ist mutig, macht neugierig und überrascht." Das wurde seit 1978 schon oft so gemacht, ist also nicht wirklich 'mutig' oder 'überraschend' Wikipedia informiert: "Der Dirigent Michael Gielen baute 1978 den Überlebenden aus Warschau in den Beginn des vierten Satz von Beethovens 9. Sinfonie ein. So werde Beethovens optimistische Freudenhymne, die nach Krieg und Holocaust im 20. Jahrhundert nicht mehr glaubhaft sei, aus der Perspektive einer Dialektik der Aufklärung neu beleuchtet. Gielen schrieb dazu: Das wirklich Entsetzliche zu hören, macht den Weg frei zum Verstehen, wie die Brüderlichkeit, mehr als die Freiheit oder die Gleichheit, hätte sein müssen, damit es nicht zu diesem Horror kommt. Durch den Überlebenden wird die Fanfare wieder als das gehört, was sie ist."
    Berglinger, 04.01.2018, 09:16 Uhr

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