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Donnerstag, 22. Oktober 2020

Das SWR Symphonieorchester im Konzerthaus Freiburg, Copyright: SWR/Wolfram Lamparter

Das SWR Symphonieorchester im Konzerthaus Freiburg, © SWR/Wolfram Lamparter

Martin Grubinger spielt Ahos 'Sieidi' in Freiburg

Entfesselte Urgewalten

Die Konzertsaison ist noch vergleichsweise jung, doch mit dem Sinfoniekonzert am vergangenen Wochenende hat die Spielzeit des SWR Symphonieorchesters – komme, was da noch planmäßig ansteht – zweifellos einen ihrer Höhepunkte erreicht. Zumindest in Bezug auf die erste Konzerthälfte. Zu erleben war im Freiburger Konzerthaus ein Abend voller extremer Kontraste, zusammengebunden in einem Programm, das sich wie eine musikalische Leibspeisen-Cuvée des finnischen Gastdirigenten Osmo Vänskä liest: Werke aus dem Kulturraum des Mare Balticum, vornehmlich jüngeren Datums.

Auf Arvo Pärt folgte Kalevi Aho, Jean Sibelius durfte das Programm beschließen. Im Mittelpunkt allerdings stand freilich ein anderer, der zugleich für einen erstaunlich (und erfreulich) hohen Anteil jüngerer Zuhörer sorgte: der Perkussionist Martin Grubinger. Er gehört zu den seltenen Talenten auf den Konzertbühnen der Gegenwart, denen es gelingt, technische Perfektion am Instrument (bei Schlagwerkern eigentlich: an Hunderten von Instrumenten!) mit einem locker-ungezwungenen Habitus und einer vibrierenden Intensität des Musizierens zu verbinden. Damit zieht er reihenweise Zuhörer jeden Alters in seinen Bann - so auch in Freiburg.

Streicher-Schraffuren mit Totenglöcklein

Ehe Martin Grubinger die Aufmerksamkeit der Zuhörer fesselte, gab das SWR Symphonieorchester eingangs eine Kostprobe differenzierten Streicherspiels. Arvo Pärt legt in seinem Gedenkwerk 'Cantus in Memory of Benjamin Britten' sich verdichtende Klangbänder vielfach geteilter Streicher übereinander und lässt dazu eine einsame Glocke als Totenglöcklein erschallen. Osmo Vänskä gelang es fabelhaft, die elegischen Linien in einem stetigen, zielgerichtet entwickelten Crescendo zusammenzufügen. Der finnische Dirigent arbeitete einzelne Konturen vor dem Hintergrund der Streicher-Schraffuren mit breitem Pinsel heraus. Suggestive Wirkung entfaltete auch die Glocke, die anfangs nur als Klangfarbe eingebunden war, um später als Klangindividuum Eigenständigkeit gegenüber den Streichern zu behaupten. Diese meditative, reflektierende, nach innen gewandte Musik bildete mit sphärischen Harmonien und quasi rituellen melodischen Umkreisungen die ideale leise Klangfläche für die Urgewalten, die sogleich folgen sollten.

Entfesselte Energie

Das Schlagwerkkonzert 'Sieidi' (2010) des finnischen Komponisten Kalevi Aho (geb. 1949) gehört neben Werken von James MacMillan, Ahos Lehrer Einojuhani Rautavaara und Werken von John Corigliano zu den beliebtesten Konzertstücken für Schlagwerk und Orchester der Gegenwart. Aho, der in seiner postmodern-eklektizistischen Tonsprache bereits über ein Dutzend Sinfonien sowie knapp 20 Instrumentalkonzerte (auch für exotische Instrumente wie Tuba, Sopransaxophon, Kontrafagott oder Theremin) geschrieben hat, nimmt in dem knapp 40-minütigen Einsätzer harmonische und gestische Elemente auf, die auch seine Zwölfte Sinfonie „Luosto“ (2002/03) bestimmen. Das kommt nicht von ungefähr, verweist 'Sieidi' mit seinem aus der Sprache der Samen stammenden Titel auf eine für kultische Zwecke verwendete Felsformation, und auch die 'Luosto Symphony' ist für eine solch kultische Stätte in Lappland geschrieben. 'Sieidi' zeigt sich getragen von rituellen Trommelschlägen und stellt in den bewegten Teilen Klangeruptionen insbesondere der Blechbläser wie skulpturale Musik als Klangstelen in den Raum. Räumlich konzipiert ist das Konzert ohnehin: Neben dem Solisten, der vergleichsweise wenige Schlaginstrumente in einer Bogenbewegung von rechts nach links und zurück zu betätigen hat, sind im Bühnenvordergrund links und rechts Schlagwerker postiert, die zusammen mit dem traditionell im Hintergrund postierten Kollegen dreidimensionale Call-and-Response-Effekte entfachen.

Martin Grubinger hat Ahos Konzert schon unzählige Male aufgeführt, und doch atmet jede Aufführung wieder eine Frische und ungestüme Ekstase, die Zuhörer zuerst zu gespanntester Aufmerksamkeit und schließlich zu enthemmtem Jubel bringt. Sich von Handtrommeln über Tom Toms zu den gestimmten Instrumenten und als Klanghöhepunkt zum metallischen Tam Tam bewegend entfacht Aho eine Sogwirkung, die in Martin Grubinger einen idealen Interpreten gefunden hat. Der Solist verlieh den rituellen Rhythmen des Beginns ebensolche Intensität wie den elegischen und in sich kreisenden Melodiepartikeln, die er auf dem Marimbaphon zu flächigen Orchesterklängen oder später dem Vibraphon (teils mit Streichbögen zum Klingen gebracht) hintupft. Diese stehende Klänge und verhangenen Zeitlosigkeiten musikalischer Gesten gelangen hochspannend in ihrem endlos strömenden Atem – das hatte ähnlich große Kraft wie vor Energie vibrierende Klangentladungen des Orchesters samt rhythmischer Impulsivität des Solisten. Zwingend gelang auch der Schluss mit seinen aus dem Orchester hervortretenden Solisten, die über einer ‚rituellen‘ Tonfigur bebende Nachklänge ausbreiten, wie ein Nachzittern oder austropfende Zeit, bis am Ende Rainsticks alles ins Fluide auflösen. Nach gespannter Stille dann aufbrausender Jubel, den Grubinger nach lockerer Publikumsansage mit einem veritablen Showpiece belohnte.

Paradox – Vänskäs Sibelius-Rätsel

Nur leider schien es, als habe die vibrierende Energie der ersten Konzerthälfte in Osmo Vänskä auch bei der Zweiten Sinfonie op. 43 von Jean Sibelius noch weitergezittert. So war eine höchst eigenwillige Sibelius-Deutung zu erleben, die Rätsel aufgibt. Vänskä hat sich als Sibelius-Interpret hohe Meriten verdient. Einst zog er als Verfechter nicht-interventionistischer Sibelius-Deutungen aus, der darauf pochte, den Notentext strikt zu befolgen und all das sein zu lassen, was sich über die Jahre und Jahrzehnte durch Tradition eingeschlichen und verfestigt hatte.

Und nun? Vänskä bot eine Sicht auf Sibelius wie durch die Brille Gustav Mahlers: überexpressiv, jede Phrase mit maximalem Ausdruck füllend, und dabei erzeugte er auch durch überenergisches Dirigat bestenfalls Überdruck. Er peitschte jene Sinfonie, die als sonnigste des finnischen Komponisten gilt, expressiv auf. Als ob er beinahe um jeden Preis Assoziationen an nebelverhangene Seen und verschneite Birkenwälder vermeiden wollte, schärfte Vänskä jede Geste mit maximalen Kontrasten. Schon das flächige Hineintasten mit den aufsteigenden Tonbewegungen am Beginn des Kopfsatzes war wie unter Hochspannung: getrieben, nervös, laut, direkt im Klang und auffallend schnell. Und so ging es weiter, wobei dem ersten Satz diese Hochdruck-Interpretation noch am besten bekam. Die ohnehin diskontinuierlichen Bruchstücke des zweiten Satzes zerbrachen in maximal mit Ausdruck aufgeladene Einzelmomente, in denen Vänskä mit extremen Tempounterschieden höchst dramatische Aufgipfelungen schuf. Freilich wirkten dadurch die zeitlosen Streicherharmonien, die über das nach den Katastrophen-Höhepunkten zerstörte Feld zogen, umso eindrücklicher. Wer hätte gedacht, dass Sibelius in seiner Zweiten schon MacMillans Hinrichtungsmusik in 'Isobel Gowdie' vorausahnte?

Der dritte Satz wirkte in den schnellen Teilen nicht eben flink und wuselnd, sondern wie gepeitscht, und wo im Finale sich eigentlich goldglänzendes Blech über wabernder Holzbläserfiguren und hymnischen Streichern entfaltet, war hier hartes, geradezu stählern durchdringendes Fortissimo zu erleben. In riesigen, immer wieder neu angestoßenen Wellen näherte sich die Sinfonie ihrem strahlenden, hier eher druckvollen Schluss.

Der ehemals so notentreu, manchmal in puncto Interpreten-Individualität fast asketisch wirkende Vänskä hat hier eine maximal intervenierende Deutung vorgelegt, in der jeder Steigerungsverlauf durch Eingriffe in die Dynamik zurechtgebogen und mit Tempokontrasten bis aufs Letzte expressiv ausgewrungen wird. Vielleicht wurde es Osmo Vänskä auf Dauer zu langweilig, den Pedanten zu geben. So allerdings ist auch alles Organische aus Vänskäs Sibelius-Deutung verschwunden. Wieso, das bleibt ein Rätsel.

Das SWR Symphonieorchester allerdings gab Vänskä, was er forderte und sorgte mit glänzenden Soli von Fagott, Trompete, Klarinette und Oboe für bezaubernd intensive Momente. Spannungslos oder gediegen-betulich, wie man das bei Sibelius-Deutungen hierzulande leider zuweilen erleben muss, war diese Aufführung in keinem Moment.

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Kritik von Dr. Tobias Pfleger

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Martin Grubinger: Werke von Pärt, Aho und Sibelius

Ort: Konzerthaus,

Werke von: Jean Sibelius, Kalevi Aho, Arvo Pärt

Mitwirkende: Osmo Vänskä (Dirigent), SWR Symphonieorchester (Orchester), Martin Grubinger (Solist Instr.)

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