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Sonntag, 22. April 2018

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Silvester-/Neuhjahrskonzerte 2016-2017, Copyright: Kai Bienert

Silvester-/Neuhjahrskonzerte 2016-2017, © Kai Bienert

Das DSO und der Roncalli Zirkus in Berlin

Wer hat das beste Neujahrskonzertkonzept?

Alle Klassik-Einrichtungen dieser Welt suchen nach dem Publikum von Morgen, nach dem jugendlichen Abo-Nachwuchs. Wie der erreicht (und begeistert) werden kann, darüber gehen die Meinungen weit auseinander. Das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin (DSO) hat seit 14 Jahren einen interessanten Weg zu Silvester eingeschlagen: Es geht in den Zirkus Roncalli im Tempodrom und serviert dort mit akrobatischer Begleitung Easy-Listening-Klassiker. Die Aussicht auf Clowns und Akrobaten hat beispielsweise sofort das Interesse meiner 15-jährigen Nichte erregt. Was sie dann aber überzeugte, dass sie hingehen wollte, war das Musikprogramm. Oder, um genau zu sein, die Tatsache, dass mehrere Titel aus ‚Harry Potter‘ von John Williams angekündigt wurden. Ich habe das Kind selten so aufgeregt erlebt in Bezug auf ein Symphoniekonzert. (In das sie sonst keine zehn Pferde kriegen würden.)

So einfach kann die Sache sein. Und einmal drinnen, fand sie – wie vermutlich viele der anderen anwesenden Kinder – die Stücke von Leonard Bernstein, Franz Waxman etc. ebenfalls interessant. Und schaute zwischendurch gebannt auf das Orchester. Zwischendurch - weil die meiste Aufmerksamkeit den Artisten galt. Da war es teils gleichgültig, was für Stücke genau gespielt wurden, ob die 'My Fair Lady'-Ouvertüre von Frederick Loewe oder das 'Sandpaper Ballet' von Leroy Anderson. Die meiste Musik wirkte austauschbar; manchmal passte sie auch nicht wirklich inhaltlich zu den Shownummern: Ist es beispielsweise passend, das herzzerreißende Geigen-Solo aus ‚Schindlers Liste‘ (John Williams) zu Lili Pauls Körperverrenkungen zu spielen, egal wie toll Konzertmeisterin Byol Kang spielt?

Aber es gab auch wunderbar zusammenpassende Nummern, etwa den fulminanten 'Carousel Waltz' aus dem gleichnamigen Musical von Rodgers & Hammerstein (basierend auf dem Theaterstück ‚Liliom‘ von Alfred Polgar, das Emmerich Kalman immer vertonen wollte, wofür er aber von seinem Budapester Freund Polgar nicht die Operettenrechte bekam). Zu diesem Karussellwalzer wiegten sich drei Mitglieder von Catwall Trampo auf langen Stangen durch den Raum, was ungemein poetisch wirkte. Und den Schwung der Musik ideal visuell umsetzte.

Ein anderes Highlight – und mein persönlicher Höhepunkt des Programms – war die vollständige Trampolin-Gruppe von Catwall Trampo, die zu Bernsteins Mambo aus 'West Side Story' von zwei Trampolinen auf ein mittig positioniertes Glashaus sprangen und dabei an den Wänden hoch und runter ‚liefen‘. Diese Nummer war physisch ohnehin so aufregend, dass sie mit der rohen rhythmischen Energie von Bernsteins Partitur fast zu explodieren schien. Dafür gab es zwischendurch mehrmals Ovationen. Ich glaube ich werde diese Musik nie wieder hören können, ohne diese Bilder vor Augen zu haben. Das war sensationell!

Laut-Leise-Wahrnehmungsschwäche

Selbstverständlich trat bei so viel akrobatischer Präsenz die Orchesterleistung in den Hintergrund. Das lag auch daran, dass John Wilson als selbsterklärter Experte für solche Hollywoodmusiken alle Nummern in Einheitslautstärke spielen ließ. Das ist mir bereits bei einem Konzert mit ihm in der Philharmonie aufgefallen: Der Dirigent scheint eine Laut-Leise-Wahrnehmungsschwäche zu haben. Auch wenn die Nummern von Cole Porter, Hugh Martin, George Gershwin und Scott Bradley (‚Tom and Jerry‘-Suite) allesamt Unterhaltungsmusik im besten Sinn des Wortes sind, so kann man sie deutlich differenzierter spielen. Schon allein, weil sie allesamt genial orchestriert sind und großen Effekt machen wollen. Da die meisten Stücke aus Filmen stammen, ist auf den entsprechenden Soundtracks nachzuhören, welche raffinierten Möglichkeiten darin stecken. Die aber Wilson verschlossen zu sein scheinen. Als Folge sagte die Dame neben meiner Nichte: Die Musik ist anstrengend! Das lang sicher nicht an der Musik, sondern an der penetranten Lautstärke, was aber glücklicherweise in der allgemeinen Aufregung des Konzerts unterging.

Zu den Aufregern gehörte auch die Solistin Kim Criswell, die mehre Songs zum Besten gab. Sie entfaltete aber keine Manegen-Präsenz, die ernsthaft mit den Artisten konkurrieren konnte. (Was bei Miss Kriswell trotz wunderbarer Stimme schon immer das Problem war und eine große Popkarriere à la Lady Gaga oder Madonna verhindert hat.) Trotzdem waren ihr 'Trolley Song' und 'There’s No Business Like Showbusiness' toll gesungen, sogar das hoch liegende 'Dream With Me' aus Bernsteins 'Peter Pan'-Musical.

Zum Schluss knallten Konfettikanonen. Und alle verließen glücklich klatschend das Tempodrom, wo das Konzert nachmittags und abends zu Silvester lief, dann nochmal am 1. Januar.

Verglichen mit den stilistischen Totalausfällen des Dresdner Neujahrskonzerts mit Christian Thielmann oder Mutis Walzer-Non-Delirium in Wien bot das DSO ein überzeugendes eigenes Konzept – an dessen Erfolg der Raum, der musikalische Mix und die Akrobaten den Hauptanteil hatten. Und wenn das DSO meine Teenager-Nichte für die Zukunft doch noch als Dauergast gewinnen will, dann wäre John Williams ‚Harry Potter‘-Musik ein guter Ausgangspunkt zur Erkundung einer anderen Art von zeitgenössischer Musik. Denn die Geigen des DSO schwelgten bei Williams wirklich wunderbar, so, dass es auch in einem regulären Symphoniekonzert sehr hörenswert wäre.

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Kritik von Dr. Kevin Clarke

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