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Sonntag, 21. Januar 2018

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Vladimir Jurowski dirigiert das RSB in der Philharmonie, Copyright: Kai Bienert

Vladimir Jurowski dirigiert das RSB in der Philharmonie, © Kai Bienert

Vladimir Jurowski dirigiert den 'Nussknacker'

Tschaikowsky als knallharter Action Thriller

Natürlich ist Tschaikowskys 'Nussknacker'-Ballett op. 71 eines der beliebtesten Musikstücke der Welt, nicht erst seit Walt Disney die Suite benutzt hat für den experimentellen Musikfilm ‚Fantasia‘. Besonders zur Weihnachtszeit steht dieses Märchenballett auf den Spielplänen vieler Musiktheaterbühnen, weil’s mit all den tanzenden Schneeflocken, Eisblumen, Mäusekönigen und Zuckerfeen einfach zu schön ist. Der perfekte Weg, um in die richtige Weihnachtsstimmung zu kommen. Das wird sich das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin (rsb) unter seinem neuen Chefdirigenten Vladimir Jurowski auch gedacht haben, als sie einen Tag vor Heiligabend zu einem konzertanten 'Nussknacker' in die Philharmonie luden, mit Pop-Art-Weihnachtsbaum auf dem Podium und dem Kinderchor des Georg-Friedrich-Händel Gymnasiums Berlin.

Es standen Menschen mit Suche-Karte-Schildern bis zum Potsdamer Platz. Man kann also sagen: Die Aufführung stieß auf großes Interesse; auch deshalb, weil man sich als Eltern nicht den Kopf darüber zerbrechen musste, ob in dieser Produktion überhaupt ein Nussknacker vorkommt (oder ein Mäusekönig). Moderne Choreographen haben ja die Neigung, klassische Geschichten ganz anders zu erzählen, was Ballettbesuche mit dem Nachwuchs schwierig machen kann. (Ich spreche das aus Erfahrung mit meinem Neffen.)

Dieses Petipa-Ballett ohne Petipa – und ohne irgendein anderes Narrativ – funktionierte im Rund der Philharmonie wunderbar. Zwar hat Tschaikowsky viel ‚Füllmusik‘ für das Stück geschrieben, die einem im Hin-und-Her einer Bühnenaufführung nicht weiter auffällt, die aber in der konzentrierteren Atmosphäre eines Konzerts auffällt – dafür sich die Highlights der Partitur so glorios, dass die Überbrückungsteile für Auf- und Abtritte von nicht vorhandenen Tänzern und Tänzerinnen nicht ernsthaft ins Gewicht fallen.

Jurowski behandelt die Musik nicht wie kostbares Zuckerwerk oder eine delikate Miniatur. Sein Dirigat ist zupackend und kraftvoll-energisch. Das fällt schon in der Allegro-giusto-Ouvertüre auf. Man lauscht da keine E.T.A.-Hoffmann-Geschichte, die wie hinter Milchglas hervorschimmert, sondern knallharter Action, mit Hollywood-reifen Steigerungen, wo die Violinen geradezu durch die Decke zu gehen scheinen; etwa am Ende der Schlacht des Nussknackers mit den Mäusen, aber auch später immer wieder. Man wurde daran erinnert was für absolut überwältigende Apotheosen Tschaikowsky komponieren konnte. Der Rauscheffekt war garantiert!

Eigentlich mag ich die berühmte Divertissement-Musik aus dem zweiten Akt durchaus etwas delikater – aber so geht’s halt auch. Die ‚spanischen‘, ‚arabischen‘, ‚russischen‘ und ‚chinesischen‘ Tänze waren allesamt brillant exekutiert, der großen Blumenwalzer hätte etwas mehr Dreivierteltakt-Eleganz vertragen können. Dafür waren die beiden Harfen ein funkelnder Traum, den man so im Theater meist nicht wahrnimmt. Dafür gab es Sonderapplaus.

Überhaupt gab’s nach einigen Tänzen – trotz Radioaufzeichnung – Einzelapplaus, weil Jurowski einen solchen Drive erzeugte, dass es fetzte und knallte und das Publikum nicht anders konnte als zu klatschen – als körperliche Reaktion auf diese extrem physische Wiedergabe. Zu Silvester geht’s beim rsb weiter mit Beethovens 9. Symphonie mit den Orchesterretuschen schon Gustav Mahler. Man darf annehmen, dass es da auch knallt. Und dass wiederum Menschen mit Suche-Karte-Schildern den Eingangsbereich bevölkern werden. Gut so.

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Kritik von Dr. Kevin Clarke

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