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Donnerstag, 19. September 2019

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Ensemble, Copyright: WIlfried Hösl

Ensemble, © WIlfried Hösl

Verdis 'Les vêpres siciliennes' in München

Oper durchbrechen

Auch die Beteiligten dürften an diesem Abend einen Sturm der Entrüstung von Seiten des als konservativ geltenden Münchner Publikums befürchtet haben, doch die verstreuten Bravos überwogen die Buhs. Dennoch ist das Unbehagen einiger Premierengäste deutlich spürbar, denn was Antú Romero Nunes in seiner Neuinszenierung der 'Sizilianischen Vesper' wagt, ist radikal in einem Ausmaß, das man an der Bayerischen Staatsoper nicht gewohnt ist. Fast möchte man meinen, der Geist der prognostizierten Reform wehe schon durchs Haus; schließlich wurde erst vor wenigen Tagen Serge Dorny als neuer Intendant ab 2021 bestätigt (klassik.com berichtete). Dorny erregte Aufsehen durch seine Umstrukturierung der Opéra National de Lyon, die den Altersdurchschnitt des Publikums massiv senkte, wagemutige Experimente einging und den krönenden Zuspruch in der letztjährigen Wahl zum Opernhaus des Jahres erfuhr.

Der Tod geht um

Aber kommen wir zur Sache: Nunes zeigt eine düstere verfallene Welt, deren Subjekte an der Schwelle zum Tod einzig auf Macht und Rache aus sind. Eher unnötig: eine Anspielung auf den erst kürzlich mit dem Oscar gekürten ‚Shape of Water’ über die Mutter des Protagonisten Henri. Geistreich jedoch: der Bruder der Protagonistin Hélène mit Schwimmweste als in den Wellen tanzendes Opfer vor den Küsten. Der Verdi-Walzer als Totentanz ist nicht nur in der 'Traviata' eine einleuchtende Lesart. Besonders weil man sich für die französische Fassung der 'Sizilianischen Vesper' entschieden hatte, bewährt sich der Ansatz, auch tatsächlich Tänzer einzusetzen. Dustin Klein choreographiert subtile Präsenz, die Sol Dance Company überzeugt durch kollektive Präzision. Überhaupt strömt in der szenischen Darstellung eine immerwährende Kraft, von der die Inszenierung zehrt, da - der Grand operá gemäß - Menschenmassen oft im Zentrum des Geschehens stehen. Klein besetzte Szenen rücken hingegen die einzelnen Figuren in den Fokus. Michael Bauers Lichtgestaltung setzt klare Akzente; Matthias Kochs schlichter Bühnenraum wird von den tänzerisch bebenden Wogen gewaltiger Tücher durchzogen. In diese ästhetisierte Abstraktion fügen sich die Kostüme von Victoria Behr als aktualisierende Symbole: Den hinter Totenmasken verborgenen Sizilianern stehen französischen Soldaten in den Farben der Trikolore entgegen.

Energische Synergie

Karikaturesk verkörpern die Französischen Besatzer Thibaut (Long Long), Robert (Callum Thorpe), Sire de Béthune (Alexander Milev) und Comte de Vaudemont (Johannes Kammler) ein dekadentes postrevolutionäres Europa. Stimmstärke und Spielfreude wird ihnen ebenso verliehen wie den ihnen konträren Sizilianern Danieli (Matthew Grills), Mainfroid (Galeano Salas) sowie Zofe Ninetta (Helena Zubanovich). Gemeinsam mit dem galant auftrumpfenden Chor (EInstudierung: Stellario Fagone) bilden diese alle den stattlichen Rahmen für das wesentliche Figuren-Quartett. Brillant verleiht Rachel Willis-Sørensen der Hélène kraftvolle Koloraturen, versteht es, in den Spitzen rechtzeitig die Masse herauszunehmen und auch abrupt tiefe Töne zu zeigen. Die facettenreiche Partie schillert durch ihre Handhabung mit stetig energetischem Beben. Nicht minder beeindruckt George Petean durch makellose Höhen als tyrannischer und in dieser Regie sichtlich brutaler französischer Anführer Guy de Montfort. Seine für dieses Verdi-Fach ideale Mischung aus imposanter Dramatik und sensibler Lyrik lässt Raum für den Funken Menschlichkeit, der den späteren Gesinnungswechsel erklärt.

Krachende Klänge

Die Bayerische Staatskapelle indessen will sich unter der Leitung von Omer Meir Welber nicht so recht im Takt einfinden. Nicht nur den Ensembles mangelt es oft an metrischer Stabilität. Doch Welber bleibt beharrlich, gewinnt fein ausgearbeitete Großszenen und lässt die Gesangssolisten nuanciert hervortreten. Auch deuten sich Probleme bei Bryan Hymel an, der den Henri mit überspanntem Schluchzen gibt, das in seiner Exzessivität trotz großem Klang einen winselnden Tonfall niemals ablegt. Als Procida schreitet Erwin Schrott in hervorragender Fassung mit goldener Rüstung über die Bühne. Vollends in der Rolle bestimmt seine Darstellung einen elementaren Zug innerhalb der Konstellation. So ist es auch er, der am Ende des vierten Akts das 'Ballett' einläutet.

Plötzlich: Nach der abschließenden Kadenz erstarrt das Tableau im Freeze - Surren im Lautsprecher - ein tiefer Basston rauscht durch den hölzernen Parkettboden - der archaische Beat bricht seinen Weg durch die Reihen. Welber, nun mit Kopfhörern, koordiniert die 'Sound Interference' auch im Dialog mit dem Orchester. Zu dubsteptypischen Bass Wobbles von Nick und Clemens Prokop bewegt sich die Sol Dance Company in akurat simultaner Choreographie. Dieser wuchtigen Eleganz scheint sich kaum jemand entziehen zu können, so fremd die elektronischen Klänge auch sein mögen. Mit dem Aufgreifen des Originaltitels 'Die vier Jahreszeiten' wird die immerkehrende Zerstörung, der ewig erbitterliche Zyklus von Leben und Tod zelebriert. Durch seine perfekte Setzung und homogene Einbettung im Gesamtkontext lässt dieser Moment die Zeit stillstehen, schwingt lange noch in den der Aufführung folgenden Stunden nach. Fast könnte man darüber hinweg vergessen, dass Hymel für den anschließenden fünften Akt die Stimme wegbleibt, sodass ihm Leonardo Caimi vom Bühnenrand seinen Tenor leihen muss. Eigentlich peinlich für eine Premiere dieses Kalibers, angesichts des Regiekonzepts lediglich eine Randnotiz.

Gipfelnde Konflikte

Was Nunes und sein Team verhandeln, durchdringt so viele Ebenen, dass es schlichtweg genial genannt werden muss. Keiner plakativen Mahnung bedarf es, um politisch zu werden, einzig einer durch und durch assoziativen Erzählweise, die ihre Aussagen dennoch kristallklar trifft. Und die sind unverrückbar in die Gegenwart eingeflochten. Wie feinfühlig, durch den Tanz Todeskampf und Lebenslust zugleich zu vermitteln. Wie intelligent, Sizilien als Projektionsfläche heutiger Konflikte genau damit aufzuladen, wofür es sowieso schon steht: für Mare nostrum und Triton, für das überlaufende Fass der Verantwortungslosigkeit. Was aber der eigentliche Geniestreich bleibt, ist die Musikalisierung dieses Konflikts: das Aufeinanderprallen von E-Musik und U-Musik, von schwelgerischer Opernmelodie und existenzialistischem Elektrorhythmus.

Eins sagt diese Inszenierung unverblümt: Die Veränderung wird kommen, ohne Rücksicht auf Verluste. Man ist gut damit beraten, das rechtzeitig zu akzeptieren und sich damit zu arrangieren, anstatt den ewigen Konflikt zwischen dem Alten und dem Jungen, dem was ist und dem, was kommen wird, zum selbstzerstörerischen Ausbruch kommen zu lassen.

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Kritik von Theo Hoflich

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Les Vêpres siciliennes: Oper in fünf Akten von Giuseppe Verdi

Ort: Bayerische Staatsoper,

Werke von: Giuseppe Verdi

Mitwirkende: Matthias Koch (Bühnenbild), Omer Meir Wellber (Dirigent), Bayerisches Staatsorchester (Orchester), Erwin Schrott (Solist Gesang), George Petean (Solist Gesang), Helena Zubanovich (Solist Gesang)

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