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Donnerstag, 19. September 2019

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Esther Dierkes (Gretel), im Hintergrund: Georg Fritzsch (Musikalische Leitung), Staatsorchester Stut, Copyright: Thomas Aurin

Esther Dierkes (Gretel), im Hintergrund: Georg Fritzsch (Musikalische Leitung), Staatsorchester Stut, © Thomas Aurin

Unkonventionelle 'Hänsel und Gretel'-Inszenierung

Es geht zu Herzen

Wohl kein anderer Fall von Einschränkung der Kunst- und Handlungsfreiheit löste dieser Tage mehr Aufsehen aus als der des russischen Ausnahmekünstlers Kirill Serebrennikov. Sicher, man mag nicht immer glücklich über seine Aktionen sein, da sie manchmal etwas pedantisch Übertriebenes an sich haben, aber das, was ihm als Menschen und Künstler seit Mitte 2017 wiederfahren ist, spottet jedweder Beschreibung. Über den juristischen Anteil der Angelegenheit müssen andere entscheiden, aber aus der Ferne betrachtet, darf, ja muss man sich schon fragen, wo die russischen Behörden den Vorwurf hernehmen, dass Serebrennikov Fördergelder veruntreut haben soll. Wie immer in seinem Fall: Alles liegt dokumentiert vor.

Dokumentation ist auch das Stichwort der Stunde, was die Produktion der Oper Stuttgart anbelangt, die eine mutige Notlösung vorlegt. Zu den umfangreichen Vorarbeiten der 'Hänsel und Gretel'-Produktion gehört ein abendfüllender Spielfilm, der in Ruanda und Stuttgart entstanden ist. Er ist verknüpft mit einer in Koproduktion mit dem SWR entstandenen Dokumentation der Dreharbeiten durch ein Team der Filmakademie Baden-Württemberg in der Regie von Hanna Fischer, was Grundlage des Opernabends bildet. Im Teamwork des gesamten Ensembles – was schwierig genug ist – entstand so eine Inszenierung, die sicherlich keine künstlerischen Maßstäbe setzt, aber nachhaltigen Eindruck hinterlässt.

Eine leere Bühne mit offenem Vorhang, auf der ein Orchester sich versammelt mit einer herunterfahrbaren Leinwand, einige Stühle, wenige Requisiten und ein Sängerensemble in privater Kleidung. Ja, auch so kann ein Theaterabend gestaltet sein. Bereits nach wenigen Minuten ist sicherlich jeglicher vielleicht aufgekommener Unmut vergessen und man genießt den Abend, der sich allerdings leider als Kommentar zu einem Spielfilm versteht. Doch dieser Spielfilm hat es in sich: Serebrennikov setzt darin den Grundgedanken des Märchens ‚Hänsel und Gretel‘ um, den des Hungers, und überträgt ihn, zumindest für die ersten beiden Akte, nach Afrika. Doch dann folgt die Pointe, denn das ruandische Geschwisterpaar findet sich im ‚Paradies‘ Stuttgart wieder. Beeindruckend vor allem die Leerstelle im Film mit dem Auftritt der Hexe – was der Regisseur wohl da plant? Das Finale ist dann rührender Sonnenschein, bei dem aber die Frage offen bleibt, die auch die Grimms und Humperdinck unbeantwortet lassen: Wie geht es weiter?

Unter der musikalischen Leitung von Willem Wentzel lief das Staatsorchester Stuttgart zur Höchstleistung schon während der Ouvertüre auf. Vom Geist des Gedankens inspiriert zeigte sich auch das Ensemble, als dessen Zentren sich der gesanglich alles auslotende Simon Bailey und der schauspielerisch wie stimmlich höchst präsente Torsten Hofmann als Hexe erwiesen. Diana Haller löste ihr Salzburger Versprechen ein und gab einen vielleicht schon zu reifen Hänsel und Esther Dierkes eine entzückende Gretel. Die sich als ehemalige Gretel outende Catriona Smith erwies sich als hochdramatische Mutter als Idealbesetzung, während Aoife Gibney, Mitglied des Opernstudios, ihre Doppelrolle rührend gestaltete. Eigentlicher Höhepunkt des Abends war aber der Kinderchor der Oper Stuttgart. Selten hört man einen Kinderchor, der zu 95% aus Mädchen besteht, so sauber intonierend und präzise auf den Punkt.

Ein Fazit ist nicht leicht zu finden: Szenisch ist und bleibt die jetzige Produktion eine beachtenswerte Notlösung, die um einen Spielfilm gebaut ist, der jeglichen Versuch, Theater zu machen, erschlägt. Musikalisch ist die Sache beglückend. Sie geht zu Herzen, und das ein oder andere Tränchen musste man unterdrücken, so man diesem nicht freien Lauf ließ. Hoffentlich ist bald Kirill Serebrennikovs eigentlich geplante Inszenierung an der Oper Stuttgart zu erleben.

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Kritik von Simon Haasis

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Hänsel und Gretel: Ein Märchen über Hoffnung und Not

Ort: Staatstheater,

Werke von: Engelbert Humperdinck

Mitwirkende: Staatsorchester Stuttgart (Orchester)

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