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Montag, 10. Dezember 2018

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Szenenfoto, Copyright: Monika Rittershaus

Szenenfoto, © Monika Rittershaus

Nagano dirigiert Wagner in Hamburg

Abstrakte Emphase

Schon Richard Wagner selbst wusste, dass auf der Bühne nicht viel passieren muss, damit ein Musikdrama funktioniert. Solange nur die Musik als ‚Erzähler‘ walten darf, ist alles gut. Während zu Beginn von 'Die Walküre' das Geschwisterliebe- und Liebesmotiv sich lang und ausgiebig in den tiefen Streichern aussingen darf, sehen sich Siegmund und Sieglinde laut Textbuch nur gegenseitig ‚mit steigender Teilnahme‘ an, unbewegt, ohne Berührung. Und so verhält es sich auch in der weitestgehend abstrakt gehaltenen Inszenierung von Claus Guth an der Staatsoper Hamburg: Auf einer weißen Plattform sitzen sich Robert Dean Smith und Jennifer Holloway am Küchentisch gegenüber, während langsam ein Glas Wasser ausgetrunken wird. Trotzdem bekam Guths Inszenierung bei der Premiere im Jahr 2008 nicht allzu viel Liebe ab. Und die Gründe dafür ließen sich auch bei dieser Aufführung wieder nachvollziehen.

Gleichwohl dürfte es für den gemeinen Wagnerianer ein gewinnbringender Abend gewesen sein. Sicher, die Doppelung des Geschwisterpaares als Kinderstatisten im Ersten Aufzug während Siegmunds Erzählung ist redundant. Wotan als scheiternder Planer und Regisseur im Hintergrund von Brechts Gnaden, der die Einsätze gibt und sogar den Wonnemond-Scheinwerfer von der Decke herabsenkt, ist auch nicht wirklich originell. Und den Walkürenritt als Kinderspiel von Internatsschülerinnen/Kindersoldatinnen im Abbruchhaus zu zeigen, funktioniert dank der hübschen Choreographie – Marschgetrampel inklusive – gut, ist jedoch nur eine weitere alte, allzu erwartbare ironische Brechung von vielen. Zudem funktionierte Loges Feuerzauber zum Schluss an diesem Abend nur halb, immer wieder erlosch das Feuer und züngelte aufs Neu geräuschvoll auf – typisch Loge halt. Und somit gilt weiter, dass die Inszenierung dieser Hamburger 'Walküre' bis auf ein paar schöne visuelle Einfälle – Wotans Architektenbüro im Zweiten Aufzug, gefolgt von einer drohend gekippten Flackerwand – und einer schlüssigen Personenführung am ehesten dadurch überzeugt, dass sie nicht wirklich störend auffällt.

Ohnehin waren die meisten Besucher an diesem Nachmittag wohl eher gekommen, um nicht nur den Hamburger Generalmusikdirektor Kent Nagano einmal als Wagner-Dirigenten zu hören, sondern vor allem auch wegen Matthias Goernes Auftritt als Wotan. In beiderlei Hinsicht wurde man keineswegs enttäuscht. Wer Goerne bislang nur als Lied-Bariton kannte, den überraschten das psychologische Feingefühl und der herausragende Nuancenreichtum nicht, mit dem er die Partie des Göttervaters gestaltete. Auf diese Weise gelang auch im Dritten Aufzug der plötzliche Wandel von strafendem Richter zum im Grunde reumütigen liebevollen Vater auf authentische Weise. Überhaupt wurde die innere Zerissenheit Wotans dank seiner kraftvoll sensiblen Gestaltung, die stimmlich nie ins Grelle ausbrach, wohl selten so glaubwürdig dargestellt. Dementsprechend ohne Längen geriet auch der lange, aber überaus wichtige Monolog im zweiten Aufzug.

Umso erstaunlicher war es, dass es Mihoko Fujimuras Fricka tatsächlich gelang, ihren Gatten zuvor stimmlich in die Knie zu zwingen. Dies zumal sie trotz der zarten Erscheinung stimmlich extrem machtvoll wie agil auftrat und so der Rolle der Matrone überaus gerecht wurde. Alleine vom Stimmvolumen Siegmund und Sieglinde überlegen war auch der beeindruckende Hunding von Liang Li. Das ergab einerseits dramaturgisch Sinn, da Hunding sich von Anfang an in der überlegenen Position befindet. Anderseits fiel gerade der zweite ‚Wälse‘-Ruf von Robert Dean Smith im Ersten Aufzug zwar überdurchschnittlich lang aus, konnte dafür aber nicht bis in die letzten Reihen vordringen. Dafür steigerte sich Jennifer Holoway als Sieglinde im Zweiten und Dritten Akt merklich, sodass sie Lise Lindstroms flexibler Brünnhilde das Wasser reichen konnte. Geradezu anrührend war es, wie leise und gebrochen die ansonsten dynamisch intensive Lindstrom nach ihrer Verturteilung im Dritten Aufzug das ‚War es so schmählich, was ich verbrach ...‘ gestaltete.

Dass all das musikalisch so gut funktionierte, lag natürlich an Kent Nagano und dem Philharmonischen Staatsorchester Hamburg. Nagano wusste ganz genau, wo das Blech ungestört drauflos brettern darf, wo die Stimmen mit dem Orchesterklang verwoben sein sollten und wo sie über dem Orchester schweben durften. Sicher durfte auch ab und zu ‚gewabert’ werden, doch an erster Stelle stand hier ein trennschaft zupackender, spanungsvoller Ansatz, der bereits im Vorspiel deutlich wurde. Selbst später im lautesten Walkürenritt waren die hellen Piccolo-Triller wunderbar zu vernehmen. Auch wenn im Verlauf der ganzen fünf Stunden der ein oder andere Gluckser im Blech auffiel, insgesamt agierte das Orchester intonatorisch auf höchstem Niveau. Neben den Blechbläsern zeichneten sich vor allem die Streicher durch ungewöhnlich klangliche Klarheit aus, während den Holzbläsersoli durch Nagano stets der entsprechende Raum gegeben wurde. So bereitet das Zuhören bei Wagner Freude. Lauter Beifall.

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Kritik von Dr. Aron Sayed

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Die Walküre: Oper von Richard Wagner

Ort: Hamburgische Staatsoper,

Werke von: Richard Wagner

Mitwirkende: Kent Nagano (Dirigent), Philharmonisches Staatsorchester Hamburg (Orchester), Hellen Kwon (Solist Gesang), Mihoko Fujimura (Solist Gesang), Lise Lindstrom (Solist Gesang), Matthias Goerne (Solist Gesang), Liang Li (Solist Gesang), Robert Dean Smith (Solist Gesang)

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