> > > > > 04.12.2017
Dienstag, 12. Dezember 2017

Blechacz, Copyright: Borggreve

Blechacz, © Borggreve

Der Pianist Rafal Blechacz in Stuttgart

Musikalische Essenz

Rafał Blechacz ist in Stuttgart kein Unbekannter. Wie sein Kollege und Landsmann Piotr Anderszewski nimmt er sich aber schon mal eine Auszeit und achtet auf eine limitierte Anzahl von Auftritten. Am gestrigen Abend war er nach zuvor letztmals 2014 wieder im Beethovensaal der Liederhalle zu Gast.

Empfindsame Sphären

Seit seinem triumphalen Erfolg beim Warschauer Chopin-Wettbewerb 2005, bei dem er sämtliche Preise in allen verfügbaren Kategorien abräumte, hat er sich nicht verheizen und vor keinen medialen Karren spannen lassen. Sein bewusster Umgang mit der Vorbereitung auf Werke und Konzerte macht sich von Anfang an hörbar bezahlt: In Bachs vier Duetten aus der Clavierübung Teil III BWV 802-805 führt er Stimmen klar und transparent, klangliche Schattierungen und hellwache Präsenz inklusive.  Mit Bach-Koryphäen wie András Schiff oder Murray Perahia kann er sich hier durchaus messen, und wie Grigory Sokolov zeigt auch er, dass sattes Volumen auf dem modernen Konzertflügel Bach keineswegs schaden muss.

In Beethovens G-Dur-Rondo op. 51/2 und der frühen Sonate op. 2/3 besitzen Läufe und Skalen Vitalität und Spritzigkeit. Das 'Adagio' lässt er in empfindsamen Sphären schweben, die originellen Charaktere von Scherzo und Finalsatz trifft er mit energiegeladener Phrasierung und Artikulation.

Fesselnde Intensität

Nach der Pause ist er dann vollends in seinem Element: In Chopins f-Moll-Fantasie op. 49 und dem Nocturne op. 48/2 vereint er melancholischen Tiefgang mit klanglicher, von wunderbar weichem Bass-Timbre getragener Eleganz. Hinzu kommt die spielend leicht beherrschte virtuose Komponente, dank derer er auch in der abschließenden b-Moll-Sonate op. 35 (die Reihenfolge der beiden letzten Stücke stellt er kurzerhand um) ungehindert zur musikalischen Essenz vordringen kann. Will man Kritik anbringen, dann allenfalls am Scherzo, dessen zu verhaltenes Tempo im Anfangs- und Schlussabschnitt nicht ganz überzeugt. Der 'Marche funèbre' hat bei ihm kein aufgesetztes Pathos, sondern wirkt so authentisch und mit so fesselnder Intensität aus dem Moment heraus musiziert, dass man völlig vergisst, wie oft man das Stück schon gehört hat.

In der Summe verdeutlichen souveräne Technik, mit edlem Ton ausgesungene Kantilenen und unmittelbare Emotionen noch einmal, weshalb Blechacz die Warschauer Konkurrenz seinerzeit nach Belieben dominierte. Intuitiv scheint er in seinem Chopin-Spiel nahezu alles richtig zu machen. Interessant wäre es, zu hören, wie er sich mit diesen großartigen Anlagen beispielsweise Schumann oder spätem Beethoven nähert – bei der intelligent reflektierten Herangehensweise an sein Repertoire darf man aber davon ausgehen: Er wird auch dafür den richtigen Zeitpunkt finden. Mit der voll klanglicher Wärme vorgetragenen Klavierfassung des Bach-Chorals 'Jesu bleibet meine Freude' als Zugabe bedankt er sich beim Stuttgarter Publikum.

Mehr erfahren über den Autor

Kritik von Thomas Gehrig

Kontakt aufnehmen mit dem Autor

Kontakt zur Redaktion


Klavierabend Rafal Blechacz: Reihe Meisterpianisten

Ort: Liederhalle,

Werke von: Frédéric Chopin, Ludwig van Beethoven, Johann Sebastian Bach

Mitwirkende: Rafal Blechacz (Solist Instr.)

Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel.

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.


Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (11/2017) herunterladen (0 KByte) Class aktuell (4/2017) herunterladen (0 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Johann Kuhnau: Magnificat mit weihnachtlichen Einlagesätzen - Magnificat anima mea

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Julian Prégardien im Portrait "Das ganze Projekt ist eine Reise durch die Musik"
Julian Prégardien macht die Aufführungsgeschichte großer Werke anschaulich - und setzt Impulse für die Zukunft

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Anzeige

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich