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Mittwoch, 15. August 2018

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Clémentine Margaine als Carmen, Copyright: Marcus Lieberenz

Clémentine Margaine als Carmen, © Marcus Lieberenz

Bizets Meisterwerk an der Deutschen Oper Berlin

Gespaltene Reihen

Einen Dank sprach die Deutsche Oper dem Regieteam um Ole Anders Tandberg aus für die Anpassung der Inszenierung an die momentanen Gegebenheiten des Hauses. Der verheerende Wasserschaden am Morgen des Heiligen Abends sorgte für zwei Vorstellungsausfälle Ende Dezember. Doch schon vier Tage nach dem Vorfall folgten wieder halbszenische Aufführungen, und seit dem neuen Jahr geht es mit ‚szenisch adaptierten Versionen‘ weiter, was heißen soll: Bühne und Technik sind noch nicht auf dem alten Stand, so dass hier und da, den Gegebenheiten entsprechend, Änderungen vorgenommen werden müssen.

Die gewaltige Ironie ist nicht nur, dass der Schaden genau an dem Tag entstand, an dem kein Opernhaus in Deutschland Vorstellungen spielt - dem 24. Dezember -, sondern auch, dass gerade das Haus betroffen ist, das sowieso schon wie kaum ein anderes ständig am Limit arbeitet. Da wird die Hauptbühne schon einmal über zwei Wochen am Stück mit sechs verschiedenen Inszenierungen bespielt und zwischendrin erklingt noch Mahlers Zweite - wie etwa Ende Oktober. Immer wieder zeigen einzelne Vorstellungen jedoch auch die Schattenseite dieses Reichtums an Repertoire auf: kaum ausgearbeitete Musik und unausgereiftes Zusammenspiel. Die im Tohuwabohu entstandene 'Carmen' war von solcherlei Mängeln gleichwohl nicht betroffen. Die Titelpartie sang Clémentine Margaine, welche an der Bismarckstraße vor kurzem in der Neuinszenierung von Meyerbeers 'Le Prophète' durch eine meisterhafte Fidès begeisterte.

Die neue 'Carmen'

Mit gewaltig nachhallendem Beckenschlag eröffnet die Ouvertüre; harte Akzente konkurrieren mit samtig gestrichenen Bögen. Bis das unheilvolle chromatische Thema der Überleitung verheißungsvoll in die eigentliche Oper mündet, ziert ein Bild übereinandergeschichteter Gedärme das Portal. Der Vorhang hebt sich und Carmen sitzt auf einer Tribüne: in rotem Kleid vor einem die Decke herabhängenden Stier dessen Herz sie in Händen hält. Dieses ostentative, oft ironisierende Spiel mit Symbolik bildet das Herzstück der Inszenierung Tandbergs, dem sich auch Maria Gebers Kostüme exzellent einfügen.

Clémentine Margaine hat stimmlich alles, was eine Carmen braucht. Ihr dunkler Mezzo wirbelt durch die Reihen, stets präsent. Besonders das Zusammenspiel aus durchdringender Tiefe (die vielen Carmen-Sängerinnen abgeht) und wuchtiger Höhe imponiert. Doch ist die mitteltiefe Lage oft zu abgedunkelt, mancher Mischung misslingt der konturierte Ton, und so ganz passt sie sich nicht in die leidenschaftliche Protagonistin ein. Sicher will diese Inszenierung aber auch keine veristische femme fatale auf die Bühne stellen. So gleicht Carmen im ersten Akt eher einer unerreichbaren Projektion denn einem unnahbaren Lustobjekt. Die Wirkung des großen Habanera-Auftritts wird schließlich schon kurz nach Lüften des Vorhangs vorweggenommen.

Perkussives Feuer

Was den Anfang dominiert, setzt sich fort: Ivan Repusic dirigiert die Musik aus dem inneren Rhythmus heraus. Tänzerisch und klar schwingen die Tempi, prägnant und belebend kreist das Metrum. Es mag das hier so beachtlich ausgespielte rhythmische Raffinement sein, das Nietzsche dazu veranlasste, der Musik auf seine gewohnt assoziative Weise ‚afrikanische Heiterkeit‘ zuzuschreiben. Repusic gelingt eine Feinjustierung des Taktes, die an jeder Stelle mitreißt, das Orchester zu auflodernder, aber stets rücksichtsvoller Dynamik verhilft und den Chor (Einstudierung: Jeremy Bines) zu achtsamer Akkuratesse antreibt. Oft wird dessen Auftritt verfremdet - die Arbeiterinnen rauchen choreographisch, die Soldaten in der Schenke begatten die Wand bis zum Umfallen.

"Darf ich Ihnen mein Herz zu Füßen legen."

Absoluter musikalischer Höhepunkt ist Charles Castronovos Don José. Alle Lagen verschmelzen organisch zu einem brillant-mächtigen Guss, den adäquate dunkle Nuancen veredeln. Dazu zeigt Castronovo glaubhaftes Spiel, das die Regie geschickt sparsam zu inszenieren weiß. Der Micaëla in biederem Outfit verleiht Heidi Stober einen nicht minder feinfühligen Klang. Ihr anmutiger Sopran schwingt kontinuiert energetisch. Don José scheint hier noch in seiner wohlbehüteten Vergangenheit zu hängen; mehr denn sonst bildet er den Außenseiter im harschen Milieu, in das er gelangt. Die Facetten dieses Milieus sind bewusst überzeichnet dargestellt. Escamillo wird von Markus Brück als derb einfältiger Grobian gegeben, eine Karikatur dessen, womit der Torero rezeptionsgeschichtlich aufgeladen ist. Stimmlich ist das nicht arg anders: Die scharfe, bissige Tiefe verhilft zwar zu Präsenz, widerstrebt aber einem potent-sonoren Bassklang; in dieser Deutung eben vollkommen passend. In der berühmten Arie kastriert er den Stier und reicht den Damen den Hoden als Geschenk dar.

Einem Agenten-Thriller entsprungen scheinen Dancaïro und Remendado (stimmlich wie szenisch überzeugend: Dean Murphy und Ya-Chung Huang) in Anzug mit Handschuhen und Schalldämpfer auf der Pistole. Die Schmuggler fungieren als betrügerische Schlepper, die kaltblütig morden, um Organe zu handeln. Auch die Frauen tragen Waffen: agiles Spiel zeigen Jana Kurucová als Mercédès und Nicole Haslett mit besonders vitaler Stimme als Frasquita. Gekleidet sind sie im gleichen ausladenden Rot Carmens - statt in Karten lesen sie in eingelegten Organen, die alsbald durch die Luft fliegen. Müsste man diese Inszenierung in einem Wort beschreiben, so wäre es: grotesk.

Die groteske Wiederbelebung des Witzes

Der Begriff des Grotesken spielt auch in der Theaterästhetik des Bizet-Zeitgenossen Victor Hugo eine entscheidende Rolle. Gewissermaßen rechtfertigte er in seinem ‚Préface de Crommwell‘ die Darstellung des Hässlichen in der Kunst, namentlich im Drama und erhob die Komödie zur zeitgemäßen Form - knapp 50 Jahre vor der Uraufführung Carmens. Das Hässliche der Realität mit dem Scherz zu verbinden, liegt Carmen gar nicht fern, ist die Urfassung doch als Opera comique angelegt. Deren Sprechtexte verarbeitet die Regie bedacht im Wechsel mit gesungenen Rezitativen. Tandberg holt den bitteren Scherz in neuer Gestalt wieder hervor, verläuft sich zwar an manchen Stellen in penetranter Plumpheit, wenn etwa der Frauenchor zum zweiten Mal kreischend über die Bühne trappelt, schafft es aber - nicht zuletzt wegen der konsequenten Leistung des Gesangsensembles - immer wieder, zur Tragik zurückzufinden. Weil er Ruhepunkte setzt, dort an optischer Bewegung spart, wo sie akustisch am stärksten ist. Den Rest erledigt die Musik.

Schlusslicht: Symbolistische Revue

Die vielfältige Ausgestaltung der Szenen bricht die lineare Erzählung - verschiedenste Gedanken der 'Carmen'-Rezeption lässt dieser Abend Revue passieren und reflektiert sie sarkastisch. Einige Obszönitäten führen schon im ersten Akt zu Buhs, und auch am Ende scheint das Publikum gespalten. Geradezu schlicht wirkt hingegen die drehende Tribüne (Bühne: Erlend Birkeland), funktioniert im Konzept jedoch einwandfrei; im Mittelteil wird sie geteilt und erzählt so auf Symbolebene mit. Trotzdessen die Lichttechnik - vielfach erwähnt - besonders in Mitleidenschaft gezogen wurde, zaubert Ellen Ruge hervorragende Einstellungen. Die rauchige Atmosphäre zu Anfang wird ebenso gekonnt in Szene gesetzt wie das Spotlight für die Akteure die Bühne bietet. Gerade diese - freilich auch erzwungene - Sparsamkeit bewahrt vor überladenen Bildern. Tandberg wagt ein tiefgreifendes Regie-Manöver, das auch mal die Handbremse zieht, zeitweise an der falschen Stelle und an den anderen ungelenk. Aber doch werden die eigenen Ansprüche erfüllt, und zwar nicht nur den Gegebenheiten des Hauses entsprechend. Wie sehr die Auswirkungen des Schadens auf das Ergebnis nun tatsächlich waren - die Nerven litten gewiss. Aber, so zynisch es klingen mag, eine Ausnahmesituation kann auch aus der gnadenlosen Routine der Opernmaschinerie retten und ganz neu zusammen schweißen.

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Kritik von Theo Hoflich

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Carmen: Oper in vier Akten von Georges Bizet

Ort: Deutsche Oper,

Werke von: Georges Bizet

Mitwirkende: Ivan Repusic (Dirigent), Orchester der Deutschen Oper Berlin (Orchester), Markus Brück (Solist Gesang), Charles Castronovo (Solist Gesang)


Presseschau mit ausgewählten Pressestimmen:

Liebe geht durch die Nieren
"Carmen" an der Deutschen Oper
(Der Tagesspiegel, )

Stumpfes, denkfaules Niveau
"Carmen" an der Deutschen Oper Berlin
(DeutschlandFunk, )

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