> > > > > 11.02.2018
Freitag, 22. November 2019

1 / 10 >

Andreas Schager (Tristan), Ensemble, Copyright: Monika Rittershaus

Andreas Schager (Tristan), Ensemble, © Monika Rittershaus

Der erste Wagner am neuen Haus Unter den Linden

Tiefbebende Zwiespältigkeit

Zielstrebig strömt ein zartes Drängen von der ersten Note an: nie aufdringlich, nie überhastet oder zögerlich. Daniel Barenboims Interpretation rückt in die letzten Winkel der Partitur vor. In jeder Nuance erklingt das tiefgreifende und über lange Jahre gereifte Verständnis des Werks. Fein dosiert die Staatskapelle Berlin farbenreiche Klänge; Mischung und Differenzierung balancieren ambigue. Gefährliche Süße - wonnige Todessehnsucht. Das einzigartige Faszinosum von 'Tristan und Isolde' mag ein Grund gewesen sein, dieses Werk als Wagner-Neuproduktion der Wiedereröffnungsspielzeit zu wählen.

Wie Liebeswahn entrückt

Die Musik stellt sich ganz in den Dienst dessen, als was das Werk schlicht untertitelt ist: ‚Handlung‘. Eine transsynästhetische Verschmelzung der narrativen Ebenen, die zugleich widerstrebt. Denn Dmitri Tcherniakov erzählt keinen Mythos, kein die Musik widerspiegelndes Phantasma, sondern inszeniert geradezu realitätsnah einen Kompromiss aus Textbuch und Jetztzeit. Der erste Aufzug spielt im Konferenzraum einer kolossalen Jacht. An den wellenden Rundungen der Kajütenwände prangt ein Flatscreen mit Blick auf die Reling und Daten zu den Koordinaten. Hier begegnen sich der schnöselig auftretende Tristan und die furios wütende Isolde, ehe ihre Persönlichkeiten im Angesicht des vermeintlichen Todes in wahnhaftem Gelächter zerbersten. Aufgelöst kugeln sie über den Boden, als König Markes Gefolge das Deck betritt, kaum gewahr, dass sie noch als Menschen existieren.

Gewalt und Leidenschaft

Mit harschem Ton beginnt Anja Kampe ihre Gestaltung der Isolde, ganz der szenischen Darstellung entsprechend. Der Mut zum Unreinen bewahrt doch immer eine bewusst pointierte Ausarbeitung musikalischer Schlüsselmomente. Musikalische Eruptionen heben sich über das Orchester, aber auch weichere Töne zeigen sich im späteren Verlauf. Es mag Tcherniakovs Handschrift sein, welche die Figur des Tristan detaillierter ausformt in der Fortspinnung nach dem Liebesgeständnis. Isoldes Verklärung - wie Detlef Giese es in der exzellenten Einführung erwähnt - wird eher als Coda denn als Schlusshöhepunkt gedeutet.

Unmöglichkeit dualistischer Verschmelzung

Einzig im gemeinsamen Tod durch das Gift läge die Lösung für Tristan und Isolde. Ist ihre Liebe doch vor dem Liebestrank nicht minder stark, steht dieser für die Negation des Todes: für das Leben. Doch da das vollkommene Aufgehen in der anderen Person unmöglich ist, wird jedes Weiterleben zum Leid. Das brennende Begehren erfleht den Wunsch des ganzheitlichen Erlöschens, das gar ‚welterlösend‘ (wie es im zweiten Aufzug heißt) aus dem Persönlichen heraustretend, universalistisch umfassen will. Schließlich ist alles dem Drängen unterworfen, dem schopenhauerschen Willen, der Anziehungskraft nach etwas anderem hin, mit dem die vollkommene Fusion, die Einswerdung unerfüllbar bleibt. Das Schrecklich-Schöne schöpft aus der intensiv vibrierenden Energie im synaptischen Spalt zwischen den zwei Subjekten, zwischen Diesseits und Transzendenz, zwischen Kunst und Leben. Schließlich bestände Erlösung nur im absoluten Entsagen, der allumfassenden Nacht, dem unendlichen Nichts. Diesen selbstzerstörerischen Pessimismus und impliziten Vernichtungswillen entschärft die Inszenierung, indem ein psychologisiertes und sich zugleich jedem psychoanalytischen Zugriff verwehrendes Kammerspiel gezeichnet wird, das den Fatalismus der erotischen Liebe als aberwitzige Umnachtung enttarnt.

Leidenschaft und Gewalt

Die dramatische Stimmkraft von Andreas Schager hat einen Hochpunkt erreicht. Betörend tönt sein Tristan metallen und aufgeladen. Erschreckend, wie real er an menschenmögliche Grenzen geht - keine Zurückhaltung. Freilich lässt die Partie das auch kaum zu: Die donnernden Spitzen des nicht enden wollenden Liebesduetts kennen keine Verschonung. Da ist ein kurzweiliges Bröckeln voraussehbar; beeindruckend, wie sich Schager danach gleich wieder fängt, wie er den Fiebertraum mit manischen Ausbrüchen zu packender Szene ausspielt - wenn er mehrmals zusammenbricht, Kurwenal bedrohlich packt oder einen Stuhl mit echter Wucht gegen die Wand schleudert, dass einem der Atem wegbleibt.

Bittersüße Lächerlichkeit

Das Liebespaar erschafft seine eigene kleine Welt, fernab der Gesellschaft, die zwischen Gutbürgertum und Businesswelt changiert. Der prächtige Saal des zweiten Aufzugs wird von einer Baumtapete geziert, die den im Libretto beschriebenen Garten konnotiert. Tristan erscheint mit Schampus und Kannapés, die beiden Liebenden gestikulieren in bewusst überzogener, beinahe operettenhafter Manier. Eine archetypische Perspektive auf Verliebte wird eröffnet: Von außen betrachtet, scheinen sie einem gewaltigen Wahnsinn verfallen. Dieses Ausstellen des irrationalen Vernarrtseins führt aber nicht dazu, die Liebenden oder gar die Liebe selbst bloß zu stellen, da der gewaltige Bann der Orchestermusik die tatsächlich wirkenden Kräfte so eingehend untermalt.

Antagonist Leben

Der Außenstehenden sind viele in dieser Geschichte ohne tatsächlichen Gegenspieler. Kurwenal begleitet treu die Weltentfremdung seines Herren. Der dunkel strukturierte Bariton von Boaz Daniel tönt beständig - gelegentlich gelangt er ins Stemmen, integriert derartige Randerscheinungen aber besonnen und ausdrucksstark. Isoldes Beistand Brangäne verleiht Ekaterina Gubanova kraftgeladene Melodieführung und definierte Interaktion. Auch in den kleineren Partien gibt es keine Aussetzer: Adam Kutny als Steuermann, Linhard Vrielink als Hirt und Seemann und Stephan Rügamer als Melot verhelfen zu einem grundsoliden Gerüst. Vor dem dritten Akt kommt Intendant Flimm noch auf die Bühne, um die Erkältung von Stephen Milling zu erwähnen, der kurz zuvor einen titanischen Marke gab. Dass er zum Schluss dann etwas verhalten und trockener klingt, stört wenig. Einzig dem Chor fehlt es an Homogenität, trotz der Einstudierung durch Raymond Hughes. Auch hatte die Soufflage an diesem Abend Ungeheures zu leisten: Kampe und Schager gerieten einige Patzer, die zwar glücklicherweise keinerlei Einbußungen in der Intensität des Geschehens brachten, jedoch wieder einmal die Bedeutung dieses schwindenden Berufsfeldes betonten.

Nüchtern betrachtet

Es ist eine perfide Art der Katharsis, die der 'Tristan' birgt. Tcherniakov geht in seiner erneuten Inszenierung des Werkes auf äußerst durchdachte Weise damit um. Im Spannungsfeld zwischen Klang und Bild setzt er dem Fatalismus eine Simplizität entgegen, die zwar bricht, aber nicht konterkariert, sondern Sprache und Drama in den Zenit der Aufmerksamkeit rückt. Neben der elegant subtilen Personenführung leistet auch Tcherniakovs Bühnengestaltung weit mehr als oberflächliche Bebilderung: Wellenformen des Jachtinneren wie die Verästelungen der Baumtapete spiegeln intelligent die Musik. Der gebrochenen Symmetrie wohnt etwas zutiefst Organisches inne. Zwischendurch werden Aufnahmen des Liebespaars an den Guckkasten projiziert - der Trank wird nochmal in den Fokus gerückt. In Tristans heruntergekommener Behausung zum Schluss erscheinen dem fiebernden Protagonisten Mutter und Vater. Kristin Becker und Mike Hoffmann zeigen natürliches Spiel. Der Englischhornspieler - Florian Hanspach-Torkildsen mit innig zarten Linien - begleitet als zusätzliche Bühnenfigur das Geschehen. Die Geschichte der Eltern, wie sie Tristan schildert, wird mit der seinigen verknüpft. Hier liegt Tcherniakovs Kernaussage, die über die exzellente Umsetzung des Werks selbst hinausgeht. Denn die Verknüpfung lässt assoziativen Spielraum. So lässt sich lesen, dass letztlich doch das Gift wirkt. Vielleicht auch bei Isolde, nachdem sie noch ein Kind gebären wird. Ein Kind, das nicht die absolute Vereinigung zweier Menschen darstellt, sondern etwas Neues aus einer Vereinigung Entstandenes. Ein Kind, das den wundervoll-bitterlichen Kreislauf der lebensstiftenden Liebe erneut durchwandern wird.

Mehr erfahren über den Autor

Kritik von Theo Hoflich

Kontakt aufnehmen mit dem Autor

Kontakt zur Redaktion


Tristan und Isolde: Handlung in drei Aufzügen

Ort: Deutsche Staatsoper,

Werke von: Richard Wagner

Mitwirkende: Daniel Barenboim (Dirigent), Dmitri Tcherniakov (Inszenierung), Staatskapelle Berlin (Orchester), Ekaterina Gubanowa (Solist Gesang), Stephan Rügamer (Solist Gesang), Boaz Daniel (Solist Gesang), Stephen Milling (Solist Gesang), Erich Schagerl (Solist Gesang), Anja Kampe (Solist Gesang)


Presseschau mit ausgewählten Pressestimmen:

Kann denn Irrsinn Liebe sein?
"Tristan und Isolde" an der Berliner Staatsoper
(Süddeutsche Zeitung, )

Tristan liest Schopenhauer
"Tristan und Isolde" an der Berliner Staatsoper
(Bayerischer Rundfunk (BR), )

"Tristan und Isolde" als Psychodrama an der Staatsoper
(Berliner Morgenpost, )

Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel.

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.


Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (11/2019) herunterladen (4454 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Jean-Baptiste Loeillet: Sonata VI op.2 in C minor - Largo

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

 Folkwang Kammerorchester Essen im Portrait Mit Vollgas ins Haus des Teufels
Das Folkwang Kammerorchester Essen ? jung, energiegeladen, hochmusikalisch

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich