> > > > > 08.03.2018
Sonntag, 23. September 2018

1 / 5 >

Ausrine Stundyte (Salome), Christian Natter (Oscar Wilde), Copyright: Monika Rittershaus

Ausrine Stundyte (Salome), Christian Natter (Oscar Wilde), © Monika Rittershaus

'Salome' in Berlin

Gefangen im unverschleierten Höllenparadies

Wer kennt nicht die biblische Legende der judäischen Prinzessin Salome, die als Lohn für ihren verführerischen Tanz von Herodes den Kopf des Jochanaan fordert. Als Oscar Wilde 1891 den Einakter ‚Salomé‘ als Psychostudie des Begehrens schrieb, wurde das Stück direkt verboten. Richard Strauss’ Musikdrama 'Salome' löste bei der Uraufführung im Jahre 1905 einen Skandal aus. Und noch heute erregt diese Geschichte Aufsehen. Jedenfalls wenn Hans Neuenfels inszeniert.

Thema seiner Interpretation an der prunkvoll renovierten, im luxuriösen Gold glänzenden Staatsoper Unter den Linden ist Oscar Wilde und der schonungslose Kampf um die sexuelle Freiheit des Menschen. Schwarz, grenzüberschreitend, kühl, ohne Moral. Wenn Salome gegen Ende der zweiten Szene ihre glitzernde Prinzessinnenkrone und mehrfach geschichteten Tüllröcke gegen einen schlichten, schwarzen, einteiligen Hosenanzug eintauscht, ihr langes Haar hinter einem strengen Knoten versteckt, hat sie bereits allen Liebreiz und pubertierende Unschuld verloren. Ihr Alter Ego Oscar Wilde erscheint in Person - symbolträchtig und komisch in einem schwarzen Kostüm mit gigantischen, weißen ausgestellten Hodensäcken ohne Penis. Mit ihm betritt die vermeintliche Libertinage der Jahrhundertwende bzw. des 21. Jahrhunderts die Bühne.

Kontrastierend zur geheimnisvollen Stimmung der Musik präsentiert Reinhard von der Thannen einen schmucklos konstruktivistischen, die Tiefe der Bühne betonenden leeren Raum. Zeitlos und doch begrenzt. Konzentriert auf das nackte Geschehen. Keine Möglichkeit, den Blick zu verschleiern oder hängen zu lassen. Statt Felsenhöhle oder Zisterne wird Jochanaan – zum Entsetzen des Premierenpublikums - in einer gigantischen, schwebenden Penisrakete gefangen gehalten. Von Wilde befreit, begleitet Jochanaan in ein schwarzes, schulterfreies Kleid gezwängt, das sinnliche, Eros und Thanatos suchende Liebesspiel. Im Gegensatz zum moralisierenden, aufrechten Verkündigungsgestus der Musik mit gesenktem Blick, gebeugt, missbraucht und leidvoll die Umgebung ertragend.

Wenn sich dann in der letzten Szene die Musik wild und farbenreich gebärdet, neben dem verzerrten Thema Jochanaans Salomes leidenschaftliche Erfüllung nachzeichnet, erscheint Wilde noch einmal mit Totenmaske. Umrahmt von einem Feld von sorgfältig in Reih und Glied geordneten, abgeschlagenen Jochanaanköpfen bleibt Salomes tiefe Sehnsucht, berührt und geliebt zu werden, jedoch unbefriedigt zurück.

Christoph von Dohnanyi, der für den erkrankten Zubin Metha die musikalische Leitung übernommen hatte, trat kurz vor der Premiere zurück, sodass der junge Assistent Barenboims, der erst 24 Jahre alte Thomas Guggeis die Staatskapelle Berlin dirigiert. In der besuchten Vorstellung, vor allem in der dritten Szene, deckten die leidenschaftlich und laut aufspielenden Orchesterfarben die Gesangssolisten oft zu, sodass der heldenhaft brustige Stimmklang des Bariton Thomas J. Mayer zu wenig zur Geltung kam.

Ausrine Syndrites musikalische Charakterisierung der Salome wechselt kunstvoll und geschmeidig zwischen Sprechen, Sprechgesang und klangvoll vibrierender Gesangsstimme. Gerhard Siegel überzeugt als textverständlich singender Herodes ohne helle, scharfe, neurotische Facetten einzubringen. Marina Prudenskaya stellt die Mutter Herodias mit tiefgründigem Mezzosopran dar.

Insgesamt ein aufrührender Musiktheaterabend, der viel Anregung zu Diskussion und Interpretation bietet.

Mehr erfahren über den Autor

Kritik von Ursula Decker-Bönniger

Kontakt aufnehmen mit dem Autor

Kontakt zur Redaktion


Salome: Oper von Richard Strauss

Ort: Deutsche Staatsoper,

Werke von: Richard Strauss

Mitwirkende: Hans Neuenfels (Inszenierung), Staatskapelle Berlin (Orchester), Nikolai Schukoff (Solist Gesang), Thomas Johannes Mayer (Solist Gesang), Gerhard Siegel (Solist Gesang), Asrine Stundyte (Solist Gesang), Marina Prudenskaja (Solist Gesang)

Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel.

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.


Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (9/2018) herunterladen (3001 KByte) Class aktuell (3/2018) herunterladen (3000 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Christian Euler im Portrait "Melancholie ist die höchste Form des Cantabile"
Bratschist Christian Euler im Gespräch mit klassik.com über seine Lehrer, seine neueste SACD und seine künstlerische Partnerschaft zum Pianisten Paul Rivinius.

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Anzeige

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich