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Montag, 25. Juni 2018

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Klaus Florian Vogt, Copyright: Tim Schober/Sony Classical

Klaus Florian Vogt, © Tim Schober/Sony Classical

Klaus Florian Vogts Berliner Operettenkonzert

Lehár Forever

Wenn man es sehr freundlich beschreiben wollte, könnte man sagen, dieses Operetten-Sonderkonzert mit Wagner-Tenor Klaus Florian Vogt an der Deutschen Oper Berlin hatte einen hohen Retro-Charme, der die Zuschauer zurückversetzte in eine Zeit, als im Fernsehen Stars wie Rudolf Schock oder Nicolai Gedda im Frack auftraten und mit opernhaftem Aplomb Lieder wie 'Dein ist mein ganzes Herz' oder 'Freunde, das Leben ist lebenswert' in die Kamera schmetterten, bis die Studiokronleuchter und Blumengestecke wackelten. Mit verzückten älteren Damen daheim vorm Monitor, die leise ganz leise dachten: Ja, so muss die wahre Liebe klingen; Léhar forever!

Nun ist es so, dass sich gerade Berlin in den letzten Jahren profiliert hat als Impulsgeber für eine andere Herangehensweise ans Genre. Da hat sich viel getan: Von einem gender-bending 'Wiener Blut' (nur mit Frauen besetzt) am Hebbel Theater, einer mit türkischstämmigen Künstlern besetzten 'Rose von Stambul' an der Neuköllner Oper, über die Jazz-Operetten von Paul Abraham und Oscar Straus an der Komischen Oper bis zu den Kabarett-Operetten Mischa Spolianskys am Gorki Theater. Nicht zu vergessen die Glitzer-und-Glamour-Inszenierung von 'Frau Luna' im Tipi-Zelt am Kanzleramt. Alle diese Produktionen haben der Kunstform Operette auf sehr (!) unterschiedliche Weise neues Leben eingehaucht. Sie haben außerdem ein umfassendes Revival ins Rollen gebracht, das viele lang vergessene Titel und lang vergessene Formen der Aufführungspraxis wieder ins allgemeine Bewusstsein zurückgeholt hat.

Und da kommt nun also, inmitten der Überfülle von großartigen Neuerungen, die Deutsche Oper Berlin daher und setzt kurz vor Weihnachten ein Operettenkonzert an, in dem nach fünf konzertanten Kalman-Jazz-Operetten an der Komischen Oper ausgerechnet 'Csardasfürstin' und 'Gräfin Mariza' in einer Weise dargeboten werden, wie man das vielleicht 1980 in Duisburg zu Silvester getan hätte: mit Federboas für die Damen, weißen Heesters-Schals für den Conférencier, Frack für die männlichen Solisten. Und mit viel Herumstehen-und-mit-den-Armen-wedeln, wenn es heißt 'Grüß mir mein Wien' oder 'Tausend kleine Engel singen'. Im Hintergrund verfärbt sich derweil die Bühne wahlweise in Knallrosa oder es kommen Sternchenlampen vom Bühnenhimmel. (Christian Thielemann und das ZDF machen’s zu Silvester in Dresden auch nicht viel anders, aber merklich professioneller.)

Da dies scheinbar ein bewusstes Gegenstatement des Intendanten Dietmar Schwarz sein soll, gab’s statt Jazz-Operette neben den Kalman-Schmachtfetzen selbstverständlich auch Léhar rauf und runter. Schließlich sind die alten Tauber-Lieder seit jeher Standardrepertoire eines jeden Lohengrin-vom-Dienst, egal ob das Franz Völker oder Piotr Beczala war. Es ist tatsächlich schön, diese Lehár-Stück wieder einmal im Berliner Musiktheaterprogramm zu hören, wo 'Land des Lächelns' (seit der Produktion von Peter Konwitschny an der Komischen Oper) absent ist. Die DOB offerierte eine Auswahl von vier Nummern, die von Vogt und Ehefrau Silvia Krüger sowie Bariton Markus Brück dargeboten wurden.

Das ist Musik, die großen vokalen Glanz verlangt. Und die Bereitschaft, mit ‚triefenden jüdischen Sentimentalitäten‘ zu singen, wie es die Nationalsozialisten negativ und antisemitisch formulierten, gleichwohl sie das Wesensmerkmal dieser Musik damit recht genau charakterisierten. Ins Positive gewendet heißt das, man sollte eine Nummer wie 'Wer hat die Liebe uns ins Herz gesenkt' oder den Tenorschlager-aller-Tenorschlager 'Dein ist mein ganzes Herz' nicht ohne überwältigende Kitschigkeit und Kunstfertigkeit singen, weil diese Lieder sonst unendlich langweilig wirken, ohne erotischen Reiz. Das war aber leider das, was Vogt tat. Ich habe Lehár selten so lieblos herunter buchstabiert gehört wie an diesem Abend in der DOB. Und ich habe auch selten von einem Moderator so viele entschuldigende Worte dazu gehört, warum man an einem Haus, wo Meyerbeer und 'L’Invisible' laufen, ausgerechnet ‚Operette‘ spielen müsse. Als ob das nachgerade undenkbar wäre.

Das Publikum klatsche demonstrativ, als Jörg Schörner dies äußerte. Er griff dann noch in die Hosentasche und zog ein bisschen Silberglitzer heraus, den er herab rieseln ließ. Eine Mini-Dosierung, wo Barrie Kosky an der Behrenstraße ganze Glitter-Kanonen abfeuert. Das beschreibt den Unterscheid zwischen dort und hier recht treffend.

Und die ältere Dame neben mir sagte dennoch immer wieder: Das ist fantastisch; endlich wieder Operette in Berlin! Offensichtlich hat sie all die anderen Operettenbemühungen in der Hauptstadt nicht mitbekommen. Für sie war Klaus Florian Vogt hinreißend. Die freute sich über den Ersatz-Glitzer-aus-der-Hosentasche. Und die in Aussicht gestellt 'Fledermaus', die nächstes Jahr in die DOB flattern wird, erfüllte sich ebenfalls mit Entzücken, wie sie mir beim Rausgehen nochmal explizit erklärte.

Der Intendant saß in seiner Loge und wird den Applaus auch gehört haben. Er wird auch bemerkt haben, dass das Haus fast ausverkauft war. Dass es also auch an der Bismarckstraße ein Publikum für dieses im Berliner Westen vollkommen vernachlässigte Repertoire gibt.

Dieser Hunger nach Stücken von Johann Strauss, Léhar und ‚klassischem‘ Kalman muss beim silbergrauen DOB-Publikum so groß sein, dass es sich an nichts störte. Auch nicht am routinemäßigen Dirigat von Michael Boder, der einige der Strauss-Walzer und Polkas krachen ließ, als würde eine preußische Militärkapelle mit schwerem Blech und Schlagwerk in den Krieg ziehen, statt zum Tanz aufzufordern. Die teils extreme Lautstärke hatte zur Folge, dass die Solisten brüllen mussten (etwa Markus Brück im Werberlied aus dem 'Zigeunerbaron') oder man sie gar nicht mehr hörte (Silvia Krüger mit ihrer aparten Stimme).

Wenn man schon Lehar & Co. als Antwort auf Spoliansky und Abraham im Osten bringt, und wenn man ein Haus mit den finanziellen und künstlerischen Ressourcen der DOB ist, dann sollte man sich vielleicht schon etwas mehr anstrengen, etwas Singuläres und Besonders anzubieten, wenn man Operette macht. Und: Wenn man explizit den Anspruch hat, neue Zuschauerschichten erreichen zu wollen. Da ist jedenfalls im Gorki und in der Komischen ein ‚diverseres‘ Klientel anzutreffen.

Dieses Sonderkonzert war eine eindrückliche Erinnerung daran, dass wir insgesamt in Sachen Operette sehr viel weiter sind, als das, was da als Mitschunkelveranstaltung geboten wurde. Einziger Trost: Klaus Florian Vogts Tenor klingt live im Theater deutlich besser als auf seinem Operettenalbum (Sony), wo man meint, einen Tölzer-Knabenchorsänger mit Tauber-Liedern zu hören. Aber echten tenoralen Glanz verstrahlte Vogt mit den Tauber-Lieder trotzdem nicht, jedenfalls nicht, wenn man Tauber selbst oder all die anderen berühmten Interpreten dieser Nummern als Maßstab nimmt.

Eine verpasste Chance, die Berliner Operettenszene vor Weihnachten wirklich zu bereichern oder gar zu beschenken. Glücklicherweise laufen die Alternativangebote über die Festtage. Und ein Jonas Dassler bzw. eine Sarah Bowden pusten diese antiquierte Form von Operettenpflege erfreulicherweise mit einem einzigen durchchoreographierten Song weg – auch wenn sie keine Opernstimmen haben.

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Kritik von Dr. Kevin Clarke

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