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Dienstag, 12. Dezember 2017

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Gregory Kunde als Jean de Leyde, Copyright: Bettina Stöß

Gregory Kunde als Jean de Leyde, © Bettina Stöß

Versuch der Grand-Opéra-Neubewertung in Berlin

Was bleibt von diesem Meyerbeer-Zyklus?

Nachdem sich der Premierenrummel gelegt hat und die erste Runde von negativen bis ziemlich vernichtenden Kritiken zur Neuproduktion von Giacomo Meyerbeers 'Le Prophète' (1849) an der Deutschen Oper Berlin vorübergezogen ist, stellt sich die Frage: Was bleibt von dieser Inszenierung und diesem Meyerbeer-Zyklus? Die Frage stellt sich doppelt, weil die zweite Aufführung vom 'Prophète' zwar schlecht besucht war, dafür aber vom Deutschlandfunk Kultur mitgeschnitten und somit für die Tonträger-Ewigkeit festgehalten wurde.

Nun ist ja der Berliner Meyerbeer-Zyklus ein ziemlich singuläres Projekt, das die Gelegenheit geboten hätte, diesen einst gefeierten, dann verdammten und später verbotenen Komponisten nachhaltig neu zu entdecken. Vor allem weil seine grandiosen Historiendramen mit ihren spektakulären Effektmöglichkeiten einem heutigen Publikum, das mit Historien-Blockbustern wie ‚Game of Thrones‘ und ähnlichem aufwächst, sehr entgegenkommen. Da ließe sich viel herauskitzeln aus den 'Hugenotten', der 'Afrikanerin' und nun eben aus dem Wiedertäufer-Drama 'Der Prophet'. Und man sollte daran erinnern, dass Meyerbeer selbst alles daran setzte, dass seine Opern so innovativ wie möglich inszeniert wurden. Im Fall des 'Prophète' war es der Sonnenaufgang vor der Schlacht im Münster, bei dem erstmals neue Beleuchtungseffekte eingesetzt wurden, aber ebenso erwähnt werden sollte das Schlittschuhläufer(innen) Ballett auf Rollschuhen, das Furore machte. All das hat Meyerbeer mit nie zuvor gehörten Klangfarben ausgemalt und zu einzigartigen Höhepunkten verdichtet. Na ja, und dann waren da natürlich auch die außergewöhnlichen Besetzungen der Hauptrollen, die mit ihren Gesangskünsten dem Publikum den Atem verschlugen und sich mit furiosen Steigerungen in die Ekstase sangen.

Es gäbe also viele Ansatzpunkte, um Meyerbeer heute – mit all unseren derzeitigen bühnentechnischen Möglichkeiten und Stars – nochmal neu und überwältigend auf die Bühne zu bringen. Die DOB hat sich entschieden, das nicht zu tun, sondern auf Regie-Teams zu setzen, die mit Meyerbeer so ziemlich gar nichts anfangen können, außer eine sehr abgestandene Regietheater-Soße darüber zu gießen. Die Besetzungen waren, bestenfalls, auch nur in Einzelmomenten von Weltrang – wirklichem Weltrang. Entsprechend wird es wohl nie eine Bestseller-DVD-Box mit den drei großen Berliner Meyerbeer-Inszenierungen geben, weil die niemand sehen will. Ganz bestimmt nicht die optische Tristesse, die Olivier Py (Regie und Choreographie) zusammen mit Pierre-André Weitz (Kostüme und Bühnenbilder) im 'Prophète' auf die Bühne gewuchtet hat. Das ist ein derart intellektuelles Armutszeugnis und eine solche Bankrotterklärung gegenüber Meyerbeer, dass ich es tragisch nennen möchte: denn es unterbietet die bisherigen Teile des Zyklus optisch und interpretatorisch bei weitem. Sogar in der zweiten Aufführung wurde laut gebuht nach dem Ballett ohne Schlittschuhe, ohne Eise und Schnee, ohne irgendwas, außer nackten Männerkörpern beim Fitness in Camouflage-Outfits. (Wenigstens das, dachte mein schwules Opernherz und schloss dann doch lieber die Augen, vor Langeweile und um noch mehr peinliches Berührtsein zu vermeiden.)

Wieso für eine solche Inszenierung im grauen (belgisch-französischen?) Plattenbaustil – obwohl die Handlung in Leiden und Münster spielt – gleich zwei Dramaturgen nötig waren (Jörg Königsdorf und Katharina Duda), ist mir ein Rätsel. Haben sie Py die Idee mit dem umherfliegenden Engel-mit-nacktem-Oberkörper eingeredet? Haben sie ihm die Parade der muskelbepackten Oben-ohne-Soldaten nahegelegt? Haben sie ihn überzeugt, das Finale mit der Explosion wegzulassen und stattdessen eine Pistolenschuss-in-den-Kopf-Nummer draus zu machen, die dann in Teetrinken-mit-dem-Bösewicht Graf Oberthal mündet? Und musste dafür wirklich Extrageld vom Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien fließen im Zusammenhang mit dem Luther-Jahr 2017? Für was ist dieses Geld hier eigentlich ausgeben worden? Sicher nicht für die Nacktdarsteller in der Akt-5-Orgie… Und sicher nicht für irgendwelche Stars vom Kaliber Netrebko & Co., um mal in Meyerbeer-Uraufführungsdimensionen zu sprechen.

Klang-Piroutten und Orchesterglanz

Bleibt zu fragen, wie es um das Klangerlebnis bestellt ist, das im Radio und vermutlich irgendwann auf CD herauskommen wird. Da wäre festzustellen, dass dieser 'Prophète' unter Leitung von Dirigent Enrique Mazzola eine deutlich andere Sache ist als das, was Olivier Py daraus macht. Mazzola am Pult des Orchesters der Deutschen Oper Berlin arbeitet präzise Klangwirkungen und Spezialitäten der Instrumentierung Meyerbeers heraus, auf Basis der neuen Kritischen Edition von Matthias Brzoska. Das ist durchweg eine Freude zu hören, auch weil das Orchester vorzüglich spielt und Meyerbeer in jeder noch so ungewöhnlichen Klang-Pirouette folgt. Und es gibt viele Pirouetten im Laufe von viereinhalb Stunden. Es fällt allerdings auf, dass Mazzola zwar immer wieder tolle Details herausarbeitet, dass er aber kein Dirigent der großen dramatischen Bögen ist. Er reiht die Effekte aneinander, statt sie als Bauelemente zu sortieren und für Steigerungen zu nutzen. So fehlt dem Abend orchestral der Schwung und die überraschenden Kontraste. Denn alles klingt irgendwie gleich, ob es die rustikale Idylle vom ersten Akt vor der Strohhütte in Leiden ist (die’s nicht gibt bei Py) oder die pompöse Krönungsszene im Münster, wo Meyerbeer den Triumpfmarsch aus 'Aida' um 20 Jahre vorwegnimmt. Da hätte ein Dirigent mit mehr Gespür für Atmosphäre und Rauschwirkung mehr herausholen können. Aber: Ich bin Enrique Mazzola dankbar, dass er diese Mammutpartitur so sorgfältig einstudiert hat und sich vom Leerlauf der Inszenierung nicht verleiten ließ, musikalisch gleichzuschalten. Genannt werden muss auch Jeremy Bines als Chordirektor, der wirklich fabelhafte Arbeit geleistet und seine Truppe zu phänomenamler Leistung animiert hat. Im Radio wird das alles sicher als famose Nummernrevue gut rüberkommen. Aber 'Le Prophète' ist halt doch mehr als nur eine Ansammlung von Einzelnummern.

Vokale Herausforderungen

Die Sänger, die Mazzola zur Verfügung stehen, waren ein weitgehender Glücksfall, wenn auch kein ‚Ereignis‘, für das man sofort ins Theater stürmen würde. Gregory Kunde als Jean de Leyde bringt einen Hauch von Pavarotti-Glanz mit, der immer guttut. Er bewältigt die vokalen Herausforderungen der Partie souverän, wirkt aber selten charismatisch. (Was auch an seinem unvorteilhaften Kostüm liegt.) Dass dieser Mann die Massen mitreißt, kann man sich selbst nach seinem harfenumflorten Gottesgesang-bei-Sonnenaufgang kaum vorstellen. Meyerbeer und die Geschichte von Librettist Eugène Scribe verlangen aber idealerweise solches Charisma vom Tenor. Trotzdem ist es eine beachtliche Leistung, sowohl in den lyrischen Momenten als auch in den heldenhaft auftrumpfenden Passagen. Denen lediglich Mut zum Pathos und zur überrumpelnden Deklamation fehlt.

Die junge Elena Tsallagova als Jeans Geliebte Berthe glänzt mit einer kraftvollen Sopranstimme, die Höhenglanz und Wärme besitzt und mit Leichtigkeit durch die Koloraturen der Partie rauscht. An ihrer Seite die eigentlich weibliche Hauptrolle, Clèmentine Margaine als Jeans Mutter Fidès. Solange Margaine im Pastos-Mütterlichen bleiben kann, ist sie wunderbar, wenn auch eher unauffällig. Aber in den letzten beiden Akten rückt Meyerbeer Fidès dann überraschend ins Zentrum des Geschehens und gibt ihr raumgreifende Arien und Duette, die einst für den Superstar der Zeit geschrieben wurden: Pauline Viardot Garcìa. Die Herausforderungen dieser Nummern bewältigt Margaine nur mit größten Anstrengungen und mit vielen unschön forcierten (und unfokussierten) Tönen. Statt dass man als Zuhörer den Atem anhält vor dem vokalen Feuerwerk, das gar kein Ende nehmen will und immer noch einen Extraeffekt und noch einen Effekt oben drauf setzt, zieht sich die Sache bei Margaine in die Länge. Und ich bin nicht sicher, wie diese Art von ‚breiter‘ Stimme über Mikrophon wirkt. Erfahrungsgemäß nicht so gut. Man muss das abwarten. Eine Joyce DiDonato oder jemand in dieser Preisklasse wäre da aber besser gewesen, also jemand, der von Rossini und Donizetti kommt. Auf CD hat bekanntlich Marilyn Horne die Partie gesungen. Von solcher Bravour und solchem Zuschaustellen des Könnens ist Margaine weit entfernt.

Ansonsten gute Leistungen in allen Nebenrollen drum herum: Derek Welton, Andrew Dickinson und Noel Bouley sind die finsteren drei Wiedertäufergestalten, die Jean ins Verderben ziehen, wenig spooky, aber akzeptabel; Bassbariton Seth Carico als Graf Oberthal ist anfangs grell und bellend, aber wirkungsvoll mit entblößtem Oberköper und später im dritten Akt deutlich opulenter im Gesang.

Blick in die Zukunft

In der kommenden Saison sollen alle Meyerbeer-Teile dieses Zyklus zusammengefügt werden zu einer Art Meyerbeer-‚Ring‘. Vermutlich wird das viele internationale Besucher anziehen, die auch jetzt schon beim 'Prophète' da waren und in der Pause Englisch an der Bar sprachen. Sie waren offensichtlich unbeirrt von den Kritiken in der britischen Presse (die Financial Times nannte den ganzen Zyklus inklusive 'Prophet' einen ‚Flop‘ ohne ‚Story Telling‘-Qualitäten). Vermutlich waren sie ungewillt, bereits getätigte Flug- und Hotelbuchungen wieder zu stornieren. (Gibt es eine Reiserücktrittsversicherung für Opernbesucher, wenn Neuproduktionen von der Kritik in Grund und Boden gestampft werden?)

Eine Meyerbeer-Großtat war dieser Zyklus jedenfalls nicht. Das finde ich schade, frustrierend, und auch peinlich: für Meyerbeer, für Berlin und ganz sicher für die Deutsche Oper. Wie es scheint, kommen die entscheidenden Meyerbeer-Impulse von anderswo, trotz aller Fördergelder der Bundesregierung. Weitere 'Prophète'-Produktionen stehen in den Kalendern der Meyerbeer-Gemeinde und der Opernreisenden, die Neues entdecken wollen.

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Kritik von Dr. Kevin Clarke

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Le Prophète: Grand Opéra von Giacomo Meyerbeer

Ort: Deutsche Oper,

Werke von: Giacomo Meyerbeer

Mitwirkende: Chor der Deutschen Oper Berlin (Chor), Enrique Mazzola (Dirigent), Orchester der Deutschen Oper Berlin (Orchester), Seth Carico (Solist Gesang), Elena Tsallagov (Solist Gesang), Gregory Kunde (Solist Gesang)

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