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Sonntag, 22. April 2018

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Max Emanuel Cencic (Nerone), Anna Prohaska (Poppea), Copyright: Bernd Uhlig

Max Emanuel Cencic (Nerone), Anna Prohaska (Poppea), © Bernd Uhlig

Neue Inszenierung an der Berliner Staatsoper

Exzellente 'Poppea'

Der krönende Abschluss der Monteverdi-Trilogie mit dem Dramma per musica 'L’incoronazione di Poppea' (1642) wird an der Staatsoper Berlin zum glanzvollen Auftakt im endlich fertig sanierten, doch immer noch nicht ganz funktionierenden  Opernhaus Unter den Linden. Der Kronleuchter ließ sich nicht ganz zurückdämmen, doch das Dämmerlicht während der Aufführung störte kaum. Denn die Aufführung zieht sofort in ihren Bann.

Zum ersten Trommelwirbel entrollt sich das Bühnenbild (Jens Kilian) in Gold von oben hinweg über die Bühnenschräge. Die Figuren, allesamt in ständigen Variationen darauf positioniert, wirken wie kleine Marionetten, mögen ihre Gewänder noch so golden funkeln. Der skurrile Mix aus bizarren Barockreifröcken, steifen Renaissancehalskrausen und schickem Partydress parodiert die Macht ihrer Träger, entrückt sie durch die raffinierte Lichtregie (Olaf Freese und Irene Selka) als Grenzgänger zwischen Diesseits und Jenseits, die mehr oder weniger große Schatten werfen und tot auf der Drehbühne drapiert zur Allegorie des Lebenskreislaufs zwischen Lust und Mord mutieren.

Obwohl Diego Fasolis, Spezialist für historisch orientierte Interpretationspraxis, Monteverdi mit der Akademie für Alte Musik Berlin zusammen mit seinem Barockensemble Barocchisti überaus klangschön, transparent, facettenreich interpretiert und die Liebesgeschichte herausmodelliert, gelingt Regisseurin Eva-Maria Höckmayr das Kunststück, permanent die latente Unmoral von Monteverdis Figurenarsenal zu offenbaren, die Liebe als reine Lust, die Geschichte dazu als Farce zu decouvrieren. 'L’incoronacione di Poppea' endet dieses Mal nicht als tolerantes Liebeshappyend. Poppeas Hochzeit ist bereits überschattet von Neros nächster Leidenschaft zu einem schönen Jüngling.

Damit knüpft Eva-Maria Höckmayr an die historische Biografie Neros an, der die schwangere Poppea ein Jahr später schon tötete. Gleichzeitig wird Monteverdis Kritik an der Unmoral der Würdenträger in Rom über die Figur Neros und seines Hofstaates bestens spürbar. Die ständige Präsenz aller Personen mit immer neuen überraschenden Handlungsdetails gibt dieser großen Oper der Musikgeschichte eine sehr erheiternde parodistische Zwischenebene, gerade weil die Regie nicht mit Bildern zudeckt, sondern die Musik sehr differenziert und subtil in tänzerischer Dynamik, mit erotischem Gehopse und heißen Sexszenen umsetzt und dabei zeigt, was sich hinter den Gardinen tatsächlich abspielt. Gleichzeitig intensiviert die prüde Beobachtungsperspektive, mit der der Hof das lüsterne Spiel argwöhnisch verfolgt, die parodistische Distanz.

Durch Anna Prohaska wird diese Poppea tatsächlich zum skrupellosen Luder, das sich nach oben schläft, die Männer durch Dessous und sinnliche Berührungen zu betören weiß, zunächst noch abgeschirmt, dann offen auf der Rampe, wenn es sein muss auch zu dritt. Hauptsache es dient dem Aufstieg Poppeas zur Kaiserin. Anna Prohaska koloriert wie sie erotisiert: kraftvoll, klar, energisch, dominant, in High Heels und Timbre, fast wie eine Popsängerin. Jede Szene ein Genuss für Aug und Ohr, jede Bewegung im Puls der Musik.

Ihre Rivalin, Kaiserin Ottavia, hat keine Chance, ist aber mit Katharina Kammerloher bestens besetzt. Sie zeigt die Kaiserin zwischen hoheitlicher Contenance und verletzter Ehre in der Ambivalenz von Opfer und Täterin, und genauso ausdrucksstark sind ihre Arien. Der kaiserlichen Kleider beraubt versteinert sie im Graulicht.

Die Männer - Kaiser Nerone (Max Emanuel Cencic) sowie der Höfling Ottone (Xavier Sabata) - degradieren zu testerongesteuerten Hampelmännern, verstärkt durch die Besetzung mit Countertenören, die erotisches Vibrieren hörbar machen, was bei Nerone sich in der Lust verlierend fast in eine debile Infantilität führt, und bei Ottone, einem egomanischen, Poppea hörigen Wendehals, leider nur schauspielerisch in mafiose Brutalität umschlägt. Ottones reanimierte Exgeliebte Drusilla mausert sich dagegen durch  Evelin Novaks strahlenden Sopran rollenadäquat vom Mauerblümchen zum tugendhaften Vorbild für alle Frauen.

Äußerst amüsant mit einem Hauch Commedia dell’Arte bringt Eva-Maria Höckmayr die beiden Ammen ins Spiel. Jochen Kowalski hält als Ottavias Amme mit einem überdimensioniert breiten Reifrock wie ein Flaggschiff die Stellung am Hofe und rauscht zuweilen raumgreifend dazwischen. Seinen faszinierenden Countertenor mit voluminöser Tiefe weiß er für die Komik dieser Rolle bestens einzusetzen. Allein, es nützt nichts: Poppeas Amme Arnalta übernimmt die Position. Liebenswürdig skurril, sängerisch und schauspielerisch mit umwerfenden Charme zeichnet Mark Milhofer die Figur der Arnalta.

Parodistisch untergraben wird auch der hehre Sokrates von Franz-Josef Selig. Er wird statt mit stoischer Gelassenheit als wohlgenährter, selbstfälliger Höfling mit kräftigen Stimmvolumen, aber ohne Charisma dargestellt. Vernunft ist nutzlos, konstatiert er und stürzt tot zu Boden. Tugend und Fortuna, gesungen von den Solisten des Kinderchors, haben keine Chance, wenn Amor dazwischen funkt. Lucia Cirillo besingt kraftvoll die Macht der Liebe, als barockes Herz in barocker Opulenz über die Bühne schwebend. Doch das Herz ist gespalten, das Rot der Liebe erweist sich nur als das Rot der Lust.

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Kritik von Michaela Schabel

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L'incoronazione di Poppea: Dramma per musica von Claudio Monteverdi

Ort: Deutsche Staatsoper,

Werke von: Claudio Monteverdi

Mitwirkende: Diego Fasolis (Dirigent), Akademie für Alte Musik Berlin (Orchester), Max Emanuel Cencic (Solist Gesang), Franz-Josef Selig (Solist Gesang), Anna Prohaska (Solist Gesang)

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