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Samstag, 25. November 2017

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Eleonore Marguerre (Arabella), Copyright: Thomas Jauk, Stage Picture

Eleonore Marguerre (Arabella), © Thomas Jauk, Stage Picture

"Arabella" von Richard Strauss in Dortmund

Partykönigin und Urgestein

Walzerrhythmen und der heitere, leichte, unverbindlich wirkende Konversationston trügen. Auch die unvermittelt einsetzende Streicherseligkeit, wenn Arabella sehnsuchtsvoll von erfüllter Liebe träumt. Denn bei Mandrykas Erscheinen verdunkelt Richard Strauss die Orchesterfarben. Oft verbreiten Blechbläser drohende Klanggebärden. Dabei ist Mandryka Märchenprinz und Retter in einer Person. Jung und reich hat sich er beim Anblick des Bildes in die schöne Arabella verliebt. Und auf Bitten ihres Vaters kommt er nach Wien, um sie zu heiraten, in die kroatischen Wälder mitzunehmen und so die Familie vor dem finanziellen Ruin zu retten.

Jens-Daniel Herzogs humorvolle, einfühlsame Interpretation der 1933 uraufgeführten, lyrischen Komödie 'Arabella' von Richard Strauss und Hugo von Hoffmannsthal scheut Brüche und Widersprüche nicht. Einfallsreich, ernst und komisch zugleich werden das Innenleben der Protagonisten und die sie prägenden Klischees, Begegnungen und Erfahrungen vor Augen geführt. Dazu hat Mathis Neidhardt die Vorderbühne in einen großen, geradezu leeren Raum verwandelt. Eine durchsichtige Rückwand gibt den Blick auf eine von Zigarettenrauch vernebelte Gesellschaft beim Glückspiel frei. Die Wände sind angeschmutzt, die Stühle karg und eine der Deckenlampen ist sichtbar beschädigt. Der Familie fehlt es an Mitteln, den repräsentativen Glamour der Wiener Gesellschaft aufrecht zu erhalten. Waldner, Rittmeister a.D. und Vater Arabellas, ist spielsüchtig und treibt die Familie in den finanziellen Ruin. Mutter Adelaide gibt lieber ihr letztes Geld aus, um sich die Karten legen zu lassen, während die jüngere Tochter Zdenka aus Kostengründen als Junge in die Gesellschaft eingeführt wird.

Die Gesangssolisten und Dortmunder Philharmoniker unter der umsichtigen Leitung von Gabriel Feltz verstehen es, die große Kunst der musikalischen Dramaturgie Richard Strauss’ transparent und differenziert vor Augen zu führen. Kontrastreich, solistisch und szenisch transparent fließen die Ausdrucksgesten. Ob lockerer Plauderton, leidenschaftlicher Ausbruch oder verklärte Schwärmerei, die Darbietung von Orchester und den textverständlich singenden Solisten ist voller Spielfreude und changiert zwischen Ernst und Komik.

Protagonistin Arabella wird in der besuchten Aufführung von der Sopranistin Eleonore Marguerre stimmlich und schauspielerisch differenziert dargestellt. Mit tiefgründigem, warmen, leicht vibrierenden Stimmklang, verführerischen Bewegungen und elegant geschwungener Löwenmähne ist sie die schöne, gelangweilte, immer Distanz wahrende, selbstbewusst auftretende Arabella, die gern ausgeht, shoppt und sich ihrer Ausstrahlung auf die Bewerber der Wiener Gesellschaft bewusst ist. Geradezu schlicht und zurückhaltend, von romantischer Innerlichkeit und Sehnsucht beseelt fällt auch ihre sängerische Farbe aus, wenn sie von dem großen Geheimnis der Liebe spricht.

An ihrer Seite stellt Ashley Thouret die empfindsame, fein beobachtende, schüchterne Zdenka dar mit hell timbriertem, transparent schimmerndem Sopran und lupenreinen Spitzentönen. Für das anrührend gestaltete Duett im ersten Akt gab’s spontanen Szenenapplaus. Sangmin Lee verkörpert ebenso grandios mit kraftvollem, tragendem Bariton-Stimmklang den seltsamen, urigen Mandryka. Fremd und doch voller erotischer Ausstrahlung - reich, derb und schwer zu zähmen mischt er die Gesellschaft auf und bringt Lebendigkeit. Fantasievoll der Einfall des reißenden Faschingkostüms von Sibylle Gädecke. Wunderbar, wie Herzog  in seiner Personencharakterisierung die überkommenen, altbacken wirkenden Werte humorvoll kommentiert. Einige Bilder erinnern unwillkürlich an das Urgestein Ochs aus Strauss’ 'Rosenkavalier'. Schade nur, dass die Aufführung so schlecht besucht war.

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Kritik von Ursula Decker-Bönniger

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Arabella: Lyrische Komödie von Richard Strauss

Ort: Theater,

Werke von: Richard Strauss

Mitwirkende: Gabriel Feltz (Dirigent), Jens-Daniel Herzog (Inszenierung), Dortmunder Philharmoniker (Orchester), Sangmin Lee (Solist Gesang), Eleonore Marguerre (Solist Gesang)

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