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Dienstag, 12. Dezember 2017

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Semperoper Dresden, Copyright: Tilman2007

Semperoper Dresden, © Tilman2007

'Lucia di Lammermoor' an der Semperoper Dresden

Durch Wahnsinn gebrochen

‚Mors certa, hora incerta‘, verheißungsvoll prangt die Inschrift am Souffleurkasten und begleitet – wie der unberechenbare Tod selbst – den ganzen Abend. Der Vorhang öffnet sich: links ein Sarg, rechts ein Bett, aus dem Lucia bald in schwarzem Kleid steigt. Umringt werden sie von den Ashton-Herren, die, dem Libretto treu, eine Jagdgesellschaft abbilden, mit Flinten und Hund (der schon zu Beginn Anstalten macht, von der Musik überfordert zu sein). Es ist klar, welches Geschlecht hier das sagen hat, klar, wer unter der Machtfehde leidet.

Zeit des Verfalls

Die Bühne (Johannes Leiacker) bildet einen düsteren Raum, der von gleißenden weißen Lichtröhren eingekreist wird (Licht: Fabio Antoci). Ein schlichtes Bild, welches das Handeln zentriert und durch unterschwellige Beleuchtungswechsel Stimmung schafft. Gegenüber diesem abstrakten Raumkonzept verorten die Kostüme von Gesine Völlm das Geschehen um die vorletzte Jahrhundertwende. Mode des späten 19. Jahrhunderts trifft auf Uniformen, wie sie in den Weltkriegen getragen wurden. Alles ist in schwarz und weiß gehalten. Die gezeichnete Gesellschaft steht an einem Wendepunkt, ein Aufbäumen der alten Konventionen fordert seine Opfer.

Die Geister, die uns rufen

Unter Dietrich W. Hilsdorfs Regie wird aus Lucias Vertrauter Alisa der Geist ihrer kürzlich verstorbenen Mutter, von Susanne Gasch mit Fokus und dunklem Timbre verkörpert. Kaum ist Lucia allein, steigt Lady Ashton aus dem Sarg, redet ihr ein und sucht sie auch später noch heim, um den Bruch mit der Familie zu verhindern. Ein Kniff, die dramaturgisch entbehrliche Figur einerseits aus dem Umfeld zu entfernen, so Lucias Alleingelassenheit in der rauen Umwelt zu verstärken, andererseits einen Einblick in Lucias Inneres zu gewähren: Die Mutter stand ihr ungenügend zur Seite – nicht erst seit ihrem Tod leidet Lucia unter den gesellschaftlichen Zwängen und autoritärem Machthunger.

Venera Gimadieva brilliert in der Titelpartie, ihre stimmliche und darstellerische Jugendlichkeit passt gerade in dieser Deutung besonders gut. Farbenreich funkelt ihr Klang in alle Lagen. Auch wenn sie in der Wahnsinnsszene an Grenzen stößt, untermalt gerade das Fragile die gezeigte Situation ideal, exzellent begleitet von der Glasharmonika. Lachend und weinend zugleich zeigt der Chor, wie Lucias Wahn eigentlich die umliegende Gesellschaft spiegelt, ihren tiefsten Kern trifft.

Die Herren der patriarchalen Gewalt

Den hier besonders brutal gezeigten Bruder Enrico charakterisiert Aleksey Isaev mit unerbittlich strahlenden Linien und Stabilität in schwarzer Färbung; auch die Höhen schmiegen sich rund und technisch versiert ein. Bestimmt im Spiel wirkt er einzig in der Begegnung mit Edgardo alleingelassen und setzt plumpe Gesten auf die musikalischen Akzente. Den von ihm vorgesehenen Gatten für seine Schwester, Arturo, stellt Simeon Esper als selbstverliebten älteren Lord mit tenoralem Wohlklang dar. Hauptmann Normanno verleiht Tom Martinsen klare Melodieführung. Raimondo wird mitreißend von Georg Zeppenfeld verkörpert: hier als verschwörerischer Spielmacher, der Tee trinkend dabei sitzt, manipulativ am Werke ist, später Lucia paternalistisch auf den Schoß nimmt. Raimondo personifiziert die alte Norm. Die Motive bleiben jedoch unsauber gezeichnet, obwohl Zeppenfeld aus der Figur darstellerisch alles én detail herausarbeitet und keine Sekunde aus der Rolle fällt. Sein warmer Stimmklang breitet sich allmächtig durch den Saal und gipfelt im zweiten Akt in imponierender Klangkraft.

Nicht vollends überzeugen kann Edgaras Montvidas als Sir Edgardo di Ravenswood. Zu oft klingt die Höhe trocken, geradezu angestrengt, obwohl er bis zum Schluss keinerlei stimmliche Probleme zeigt, eher seine Leistung zwischendurch steigert. Sein eigentümlich außergewöhnliches Timbre bleibt unvollendet fokussiert. Der von Cornelius Volke einstudierte Sächsische Staatsopernchor glänzt mit gut gemischten Klängen und genauer Ausarbeitung. Die Sächsische Staatskapelle – anfangs noch etwas zu laut – sorgt unter der Leitung von Giampaolo Bisanti, der auch das Vokalistenensemble exakt führt, für musikalisch erhebende Momente.

Zerfasertes Konzept

Nur mit Mühe lassen sich die zugrundeliegenden Ideen herauslesen, da Hilsdorf einige Ansätze eröffnet, die in Sackgassen münden. Ganz besonders problematisch ist die Verbildlichung der von Lucia geschilderten Geschichte um die ermordete Ravenswood, die während der Erzählung aus dem Brunnen steigt, einer Luke, welche das ganze Geschehen über zentral im Raum liegt. Anstatt einen zu erwartenden Bogen zu den späteren Geschehnissen zu schlagen, dient sie einzig dazu, Lucias Wahn wiederholt aufzuzeigen. Genügt hätte dafür der geschickte Einfall, aus der Vertrauten den Geist der Mutter zu machen. Außerdem: Das Hantieren mit Kunstblut gelingt zwar technisch einwandfrei, karikiert sich jedoch selbst, wenn Edgardo mit aufgeschlitzter Kehle seine letzten Worte singt; die Veranschaulichung des Gewitters im dritten Akt durch beinahe stroboartiges Aufflackern ist von vornherein weniger als unnötig.

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Kritik von Theo Hoflich

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Lucia di Lammermoor: Oper in drei Akten

Ort: Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper),

Werke von: Gaetano Donizetti

Mitwirkende: Johannes Leiacker (Bühnenbild), Dietrich Hilsdorf (Inszenierung), Sächsische Staatskapelle Dresden (Orchester), Susanne Gasch (Solist Gesang), Georg Zeppenfeld (Solist Gesang), Edgaras Montvidas (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper)

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