> > > > > 02.10.2017
Dienstag, 12. Dezember 2017

Magische Kammermusik beim Kronberg Festival

Meister, Gönner, Lernende

Zum Kronberg Academy Festival wird der rote Teppich ausgerollt. Jeder versteht diesen Wegweiser zwischen Probenhaus, ‚Grünem Wald’ und Stadthalle. Darauf wandeln entlang historischer Gemäuer, Kunstgalerien und Slavas Büste internationale Musikergrößen der Gegenwart: Streicher, Bratscher, jede Menge Cellisten, Studierende und das Publikum. Vielleicht wird sich das alles verlieren, wenn 2021 das Casals Forum am Kronberger Bahnhof seine Tore öffnet, ein Studien- und Verwaltungszentrum der Kronberg Academy mit einem großen Konzertsaal. Oder alles konzentriert sich noch mehr auf ‚ein Zuhause für die Musiker aus aller Welt’, wie Jürgen Fitschen, Vorsitzender des Kuratoriums der Kronberg Academy Stiftung, den Neubau beim symbolischen Spatenstich bezeichnet.

Vom Traum aller Kammermusiker

Heimelig ist es bislang immer, wenn die Kronberg Academy zum Festival lädt. Allein die räumliche Enge zwingt zum Zusammenrücken, im Publikum, auf der Bühne, zwischen Stars und Bewunderern. So finden sich Gemeinschaften, verschworen im höchsten Kammermusikgenuss. Ein atemlos lauschendes Publikum, die Künstler musizieren in einem Maß, als gelte es, im Augenblick durch völlige Hingabe und in Selbstvergessenheit mit einem unorthodoxen Programm zu überzeugen. Der schlicht mutende Leitgedanke ‚In eine neue Welt’ des aktuellen Kronberg Academy Festivals erfährt dadurch vielfache Deutungen, und das sechs Tage lang mit Workshops, Präsentationen, einer Instrumentenausstellung und 21 Konzerten.

Mischa und Lily Maisky

Eines davon gestalten Tochter und Vater, Lily und Mischa Maisky. Er lebt den Traum aller Eltern, mit dem eigenen Nachwuchs zu musizieren. Sie behauptet sich jenseits der Last eines Erbes, das sie nicht schultern kann und auch nicht will. Mit Benjamin Britten beginnen sie ihren musikalischen Parforceritt. Die ersten Töne sind Kommunikation pur. Glühend emphatisch streicht Mischa Maisky über die Saiten, geradlinig weist Lily Maisky die Marschrichtung. Sie beherrscht das ganze Spektrum musikalischer Empathie, gibt sich jedoch spröde in den emotional tiefgründenden elegischen Passagen. Da schlägt sie immer eine Spur zu laut den Ton an.

Größte musikalische Nähe erzielen sie in atemberaubender Rasanz, wie es Brittens grandioses Scherzo-Pizzicato, der Marsch und das Schlusspresto fordern. 'Mon coeur s’ouvre à ta voix' aus der Oper 'Samson et Dalila' ist nicht mehr als hocherotisch subtile Verführung. Mischa Maisky säuselt und schwelgt in klanglich schillernden Nuancen an der Grenze der Hörbarkeit lustvoll und innig, nahe am Grad der Überzeichnung, wie auch bei Claude Debussys 'Minstrels' in der Cello-Bearbeitung und dem Lobgesang aus Oliver Messiaens 'Quatuor pour la fin du temps', während Lily Maisky mehr mit ihrer Haarpracht ringt als mit einer dem Cellospiel adäquaten Anschlagskultur.

Was sich im Zwischenteil von Camille Saint-Saens 'Samson und Dalila' bereits musikalisch andeutet, entlädt sich in Astor Piazollas 'Le Grand Tango'. Vollkommen im Zusammenspiel und doch jeder für sich bieten sie dem enthusiasmierten Publikum einen lustvoll rasanten Programmschluss. Dann erst folgt, was man erahnte. Das 'Herbstlied' aus Tschaikowskys 'Jahreszeiten' op. 37, ein Verschmelzen von Klavier und Cello, hochsensibel im Duktus, in der Dynamik, im Klang, wie es nur Künstler eines Geistes vermögen.

Sinfonia Concertante im Ausnahmezustand

Diese vollendete Einheit in der Musik gleich mit mehreren Musikern und Mischa Maisky als Solist und quasi-Dirigent erlebte das Publikum im anschließenden Konzert mit der Kamerata Baltica. Zu Max Bruchs 'Kol Nidrei' op. 47 forderte Maisky seine Gangart an der Grenze zur Überzeichnung neuerlich heraus, um so tief zu rühren, wie es selbst die größten Künstler nur in Ausnahmesituationen erreichen. Das Publikum erlebte eine Sternstunde, die zuvor Lynn Harrell mit der Interpretation von Peter Tschaikowskys 'Pezzo Capriccioso' op. 62 und dem 'Nocturne' op. 19 Nr. 4 eingeleitet hatte. Er wirkt wie ein sanfter Fels in der Brandung. Mit vollem Risiko gestaltete er eine Musikalität voll reiner Leidenschaft und Hingabe jenseits jeglicher Lehrmeinung. Als wolle er den jungen Studierenden zeigen, worauf es beim Spiel auf der Grundlage technischer Meisterschaft ankommt. Hochsensibel begleitete ihn dabei die Kamerata Baltica, ein handverlesenes, immer jugendlich frisch und neugierig wirkendes Eliteensemble.

Vergebens mütterliche Liebesmühe

Die bereits vielfach ausgezeichnete japanische Geigerin Fumika Mohri mag den höchsten Grad technischer Perfektion längst erreicht haben, musikalisch ernüchterte sie in Mozarts 'Sinfonia concertante' KV 364. Es ist allerdings auch schwer, jenes Maß an tiefgründender Musikalität gleichermaßen zu erwidern, das Tabea Zimmermann im Viola-Solo ausspielte, meisterhaft beschwingt, in den virtuosen Läufen herrlich differenziert, an der Seite Fumika Mohris fast schon mütterlich zusprechend, aber in dieser Hinsicht vergebens agierend.

Eine Entdeckung

Mozarts 'Sinfonia concertante' bildete die Vorlage zu Miklós Rózsas gleichnamigem Werk op. 29 für Violine, Violoncello und Orchester. Vorzugsweise wahrgenommen wurde der Komponist bislang als Filmkomponist von Hitchcocks Psycho-Thriller und dem Historiendrama ‚Ben Hur’. Diese Sicht wurde an diesem Abend gründlich revidiert. Seine Musiksprache zeigt ein großes Gespür für prägnante Melodik, im Duktus Anklänge an Kodaly, Bartok und Ravel, mustergültig in seiner Fähigkeit kontrapunktischer Verarbeitung im Stile Regers. Souverän leitete der vielversprechende junge Dirigent Mrtynas Stakionis die Kamerata Baltica und gewährte den so unaufgeregt sicher und ausdrucksvoll agierenden Solisten Kristof Baráti (Violine) und István Várdai (Violoncello) weitestmöglichen Entfaltungsspielraum. Überaus harmonisch fügten sich in den Variationen alle zu einem Spiel zusammen, das eine Musik verströmte, die nicht enden sollte.

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Kritik von Christiane Franke

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Innenwelten - Sinfona Concertante: Sascha Maisky - Kamerata Baltica

Ort: Stadthalle Kronberg,

Werke von: Wolfgang Amadeus Mozart, Benjamin Britten, Camille Saint-Saens, Claude Debussy, Olivier Messiaen, Astor Piazzolla, Max Bruch, Miklos Rózsa

Mitwirkende: Tabea Zimmermann (Solist Instr.), Mischa Maisky (Solist Instr.)

Detailinformationen zum Veranstalter Kronberg Academy Festival

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