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Sonntag, 22. Oktober 2017

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Das SWR Symphonieorchester im Konzerthaus Freiburg, Copyright: © SWR/Wolfram Lamparter

Das SWR Symphonieorchester im Konzerthaus Freiburg, © © SWR/Wolfram Lamparter

Zinman und Shaham in Freiburg

Diesseitig

Eine Szene mit Symbolkraft: Für die Zugabe holte sich beim ersten Abokonzert des SWR Symphonieorchesters im Freiburger Konzerthaus der Solist des Abends, Gil Shaham, den Konzertmeister Christian Ostertag dazu, um gemeinsam mit ihm ein elegantes, graziles Duett anzustimmen. Das passt zur Haltung des Geigers Gil Shaham, in dieser Saison Artist in Residence beim SWR-Orchester: Der in den USA geborene und in Israel aufgewachsene Künstler zeigte sich dem Publikum auch davor im Violinkonzert D-Dur op. 77 von Johannes Brahms als uneitler Solist, der den Dialog mit dem Orchester sucht: Nur selten dem Publikum zugewandt dialogisierte er mit dem Orchester, richtete Blicke zu Dirigent und Bratschen sowie Zweiten Violinen oder nahm mit den Ersten Violinen Kontakt auf. Auf diese Weise kehrte Shaham hervor, was eben dieses Violinkonzert charakterisiert. Brahms bindet die Solostimme oft in den Orchestersatz ein und trägt dem Solisten eher zarte Umspielungen der im Orchester untergebrachten melodischen Linien auf als die Demonstration glänzender Virtuosität.

Schlicht, elegant, substanzvoll

Technische Finesse steht Gil Shaham freilich zu Gebote, aber er nutzte sie eher unter der Hand, um seine solistische Linie substanzvoll auszuformen. So gelang ihm eine überzeugende, in ihrer Schlichtheit und Bescheidenheit überzeugende Deutung. Shahams Ton verfügte über den notwendigen Kern, um die Melodien zum Blühen zu bringen; insgesamt legte er seinen Zugriff aber eher auf große Linien und übergreifende Phrasen an als auf die minutiöse Einfärbung jedes Einzeltons, wie das von Renaud Capuçon und anderen Violingrößen unserer Zeit zelebriert wird.

Damit bewegte sich Shaham auf einer Linie, die auch David Zinman am Dirigentenpult verfolgte. Zinman, der nach seinem expressionistisch geschärften Mahler in der letzten Spielzeit zum Saisonauftakt nun mit Brahms und Bruckner zum SWR Symphonieorchester zurückkehrte, spielte seine Erfahrung und sein dramaturgisches Geschick aus, blieb aber auch feine Nuancierungen nicht schuldig. Brahms’ Konzert erschien bei Zinman nicht aufgeplustert und in frühlingshaftem Wohlklang wattiert wie bei manch anderen Pultgrößen, die Brahms’ Lyrik als schwelgerische Nostalgie missverstehen, sondern mit einem steten Zug nach vorn, in ständiger Bewegung auf ein Ziel hin phrasiert. Für innig wirkende harmonische Wendungen ließ Zinman dennoch den nötigen Raum. Von den Musikern des kultiviert agierenden SWR Symphonieorchesters wurde das gerade in den Piano-Bereichen mit Streicherfarben von erlesen samtener Eleganz beantwortet, etwa im sehr fein musizierten Seitenthema des "Allegro non troppo"-Kopfsatzes. Die Holzbläser um die im "Adagio" blühend gestaltende Solooboistin agierten ohne Tadel, doch hätte man sich vor dem schmissig angegangenen Finale in der Holzbläsergruppe doch etwas mehr duftende Zartheit gewünscht. Da blieb manches ein wenig zu markant, so als  ob der erlesene Holzbläsersatz direkt aus den kräftig zulangenden Brahms-Serenaden in den herzerwärmend kantablen langsamen Satz des Violinkonzerts mitgenommen wäre.

Wellen und Blöcke

Diese Musizierhaltung trug auch Bruckners Dritte Sinfonie d-Moll (in der knappsten, letzten Fassung aus dem Jahr 1889): Zinman sorgte für unablässigen Vorwärtsdrang. Schwülstige Verbreiterungen des Tempos im Dienste ‚jenseitiger‘ Erschließung gewaltiger Klangräume sind Zinmans Sache nicht, bei ihm geht es handfester, diesseitiger zu. So geriet vor allem das Blockhafte der sinfonischen Anlage ins Blickfeld; harsche Abbrüche, auch auf entschieden ausgebreiteten Spannungsklängen, und dynamische Kontraste stellte das Orchester ungeschönt in den Raum. Die schon im Brahms-Violinkonzert positiv auffallenden Streicherfarben trugen mit sonorem Schmelz die sich mehrstimmig umschlingenden melodischen Ranken des Seitenthemas, das die Streichergruppe der Reprise sogar noch lebendiger durchwirkt ausspielte. Hinreißend zünftig phrasierten die Bratschen das volksliedhafte Scherzo-Trio, während im Finale der Kontrast von polkaartiger Tanzbewegung in den Streichern und trauermarschartiger Sonorität im Blech spannungsvoll aufeinander traf. Überhaupt erwies sich auch hier einmal mehr das tiefe Blech als sichere Stütze des SWR Symphonieorchesters; sowohl kraftvolles Zupacken als auch verschmelzende Klangrundung gelang insbesondere der formidablen Posaunengruppe grandios. Mitreißend wirkten bei aller Direktheit des Zugriffs von David Zinman die dynamischen Wellen, die über alle abrupten Richtungswechsel und Ausdünnungen des Klangs - etwa vom Tutti über eine Pause zur solistisch eingesetzten Flöte - hinaus ungemein zwingend den Spannungsverlauf in stetig auf und ab wogendes Klangwellen strukturierten, ehe in der Schlusssatz-Coda dann ein klangmächtiges Tutti im Rückgriff auf die Eingangsthematik Zinmans rhythmisch konzise und klanglich trennscharfe Bruckner-Deutung abschloss.

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Kritik von Dr. Tobias Pfleger

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Gil Shaham & David Zinman: Abokonzert Nr. 1

Ort: Konzerthaus,

Werke von: Johannes Brahms, Anton Bruckner

Mitwirkende: David Zinman (Dirigent), SWR Symphonie Orchester (Orchester), Gil Shaham (Solist Instr.)

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