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Mittwoch, 26. Februar 2020

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Lohengrin - Bayreuther Festspiele 2018, Copyright: Enrico Nawrath

Lohengrin - Bayreuther Festspiele 2018, © Enrico Nawrath

'Lohengrin' effektvoll, aber keine Sensation

Hochspannung im Brautgemach

Die Chefin des Hauses, Katharina Wagner, und der Musikdirektor der Bayreuther Festspiele, Christian Thielemann, hatten mit dem gesamten Team Ausschau nach großen Künstlern gehalten. Im Ergebnis sind sie auf das Künstlerpaar Neo Rauch und Rosa Loy gestoßen. In dieser 'Lohengrin'-Neuinszenierung dominiert die Farbe Blau das Geschehen in den Bühnenbildern sowie den Kostümen. Dazu sagt der Maler-Star Neo Rauch vor der Eröffnung der Festspiele 2018 in einem Interview, dass ihn die Farbe Blau zu Visionen anrege.

In seiner bildgewaltigen Bühnenausstattung, die mit düsteren Wolken am Horizont, Trafohäuschen mit riesigen Isolatoren, Hochspannungsleitungen bestückt ist, bildet nur im dritten Akt das Brautgemach in grellem Orange eine Ausnahme. Alles dreht sich um die entfesselte, elektrifizierte Energie der Moderne, die in die Zukunft weisen soll. Warum das stattfindende Gottesgericht zwischen Lohengrin und Telramud in der Luft an Seilen von Statisten gezeigt wird oder warum die Hauptfiguren Flügel tragen, erschließt sich nicht. Die Bühnenausstattung in neoromantischem Stil, die Kostüme im 17. Jahrhundert, ein Scheiterhaufen im ersten Akt für Elsa, ein weiteren im dritten Akt für Ortrud bringen das Publikum ins Grübeln. Zum Schluss noch der Auftritt eines grünen Männchens.

Im Brautgemach von Elsa und Lohengrin im dritten Akt steigert sich die Spannung (Hochspannung). Elsa stellt jene verbotene Frage nach der Herkunft Lohengrins. Aus dem Orchestergraben klingt es nach den Blitzen, die bildlich durch die Stromleitungen fließen.

Für die Regie wurde der Amerikaner Yuval Sharon verpflichtet, nachdem der ursprünglich engagierte Alvis Hermanis abgesagt hat. Herr Sharon musste sich also in ein fertiges Konzept einarbeiten, was ihm im Ergebnis nicht zufriedenstellend gelungen ist. Auch an seiner Personenführung lassen sich eklatante Mängel aufzeigen. Der Chor bewegt sich, schiebt sich oft in großen Gruppen über die Bühne und ist teilweise im Halbdunkel der Kulisse kaum wahrzunehmen. Die Brautjungfern schreiten paarweise minutenlang, Blüten streuend über die Bühne. Sind wir in deiner Inszenierung der Sechziger Jahre? Es fühlt sich streckenweise so an. Vieles wirkt statisch, ja komisch zugleich. Auch überlässt die Regie den Solisten gezielt für ihre Auftritte die Rampe.

Inspirierte Orchesterleistung

Dafür setzt Christian Thielemann setzt mal wieder die Musik bewundernswert um. Das Orchester spielt lustvoll inspiriert, präzise und lässt den Sängern die notwendigen Freiräume. Anja Harteros als Elsa überzeugte nicht ganz an diesem Abend trotz ihrer ausgesprochen guten Intonation und akkuraten Bühnenpräsenz. Aber ihrer Stimme fehlte das jugendliche Strahlen. Der Lohengrin an dem Abend war Piotr Beczala, der kurzfristig für Roberto Alagna eingesprungen war. Seine elegante, helle und warme Tenorstimme faszinierte in den Duetten mit Elsa und den großen Szenen mit dem Chor. Dieser Lohengrin von Beczala ist einzigartig in seiner Natürlichkeit und Körperlichkeit. Famos, ja überzeugend wie schon so oft, war Georg Zeppenfeld als König Heinrich. Textsicher und deutlich, wie auch die anderen Protagonisten. Etwas überzogen der Telramund des Abends, Thomasz Konieczny. Befremdlich kraftvoll wirkt seine männliche, ja körperlich dominante Überlegenheit, die er Ortrud fühlbar entgegnen bringt. Die Partie der Ortrud sang an diesem Abend Waltraud Meier, die nach 18 langen Jahren wieder auf der Bühne in Bayreuth stand und leider, das muss gesagt werden, wohl auch ihren Abschied vom Grünen Hügel gab. Darstellerisch mit viel Intensität, Dramatik und einer beherrschten Stimme überzeugte sie das Publikum. Dieses bedankte sich sicher auch für die vielen hervorragenden Abende, die Meier bei den Bayreuther Festspielen gegeben hat. Ein wirkungsvoller, umjubelter Abschied! Christian Thielemann, das Festspielorchester, das Ensemble und der Chor wurden an diesem Abend mit viel Applaus und stürmischen Jubel gefeiert.

Kritik von Manfred Zweck

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Lohengrin: Richard Wagner

Ort: Festspielhaus,

Werke von: Richard Wagner

Mitwirkende: Christian Thielemann (Dirigent), Orchester der Bayreuther Festspiele (Orchester), Anja Harteros (Solist Gesang), Piotr Beczala (Solist Gesang), Tomasz Konieczny (Solist Gesang), Waltraud Meier (Solist Gesang), Georg Zeppenfeld (Solist Gesang)

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