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Montag, 26. August 2019

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Wolfgang Katschner, Copyright: Ida Zenna

Wolfgang Katschner, © Ida Zenna

Lautten Compagney & amarcord begeistern in Bernau

Alte Musik als Selbstzweck

Fünf tolle Konzerte an drei Tagen an zwei Orten mit insgesamt rund 1200 Hörern am vergangenen Wochenende: Das ist die Bilanz der 24. Ausgabe des kleinen Festivals Alter Musik Bernau, das jährlich im Herbst in der historisch bedeutsamen St. Marienkirche stattfindet, organisiert vom redseligen Förderverein St. Marien Bernau. Auch die ansprechende künstlerische Gestaltung von Programmheft und Plakat durch die Grafikerin Marianne Graetz trägt zum Gelingen dieses Events bei, auf das am Eröffnungstag Sponsor RBB-Kulturradio mit aktuellen Aufnahmen der Gambistin Juliane Laake einstimmte.

Die brandenburgische 37000-Einwohner-Stadt Bernau, gelegen im nördlichen S-Bahn-Gürtel Berlins, scheint geradezu prädestiniert für dieses kleine Spezial-Festival, wenngleich es durchaus hie und da noch Ausdehnungspotential in puncto Vielfalt und Konzeption gibt. So fühlte sich der Besucher nicht in jeder Hinsicht rundum betreut, was schon an den tendenziell zu wenigen Hotels im Stadtzentrum begann, die an diesem Wochenende bereits ihre Kapazitätsgrenze überschritten hatten oder eben nicht mit dem Festival kooperierten. Trotzdem muss man sagen, dass die Reise sich zumindest aus künstlerischer Sicht sehr gelohnt hat. Ein Stadtrundgang durch Bernau, den die Macher vielleicht künftig - zum Beispiel am veranstaltungsfreien Samstag Vormittag - ins Programm integrieren könnten, würde das Festival weiter bereichern, denn die im Stadtflyer aufgeführten 49 Sehenswürdigkeiten - vom alten Kantorhaus bis zum Heimatmuseum im Steintor - lohnen durchaus der Betrachtung. Der Besucher kann sich sogar die ein oder andere musikalische Verquickung des Festivals mit den Kulturorten der Stadt vorstellen.

Neben einer willigen Kommune und einem fleißigen Förderverein gab es einen dritten Gastgeber: die fachlich kompetente Lautten Compagney Berlin, ein Vorzeigeensemble für Alte Musik, das mit seinem festen Leiter Wolfgang Katschner eine immense Erfahrung in Sachen Bespielen kultureller, sakraler und profaner Räume aufweisen kann. Ein einheitliches thematisches Motto für das Festival gab es diesmal nicht, vielmehr bündelten die Konzerte das ganze Spektrum der Emotionen, von Liebe und Finsternis reichend bis hin zur Lebenslust und Sterbekunst in der Musik des 17. und 18. Jahrhunderts. Darüber hinaus schlug ein bravouröses Gastspiel der Sopranistin Simone Kermes und ihrer Amici Veneziani Pflöcke ein: die Sängerin und Entertainerin - eine Zugabe nach der anderen! - verkörperte die Primadonna des Belcanto di Napoli in Reinform. Zum Abschluss des Festivals gab es noch ein experimentelles Mitmachkonzert ‚Alles tanzt!’ im etwas außerhalb der Stadt gelegenen KulturGut-Speicher Börnike. Da waren neben der Lautten Compagney auch die Schülerinnen und Schüler der Musikschule Barnim hoffnungsvoll angetreten, um gemeinsam mit den Profis der Lautten Compagney ihr Können zu zeigen. Jutta Voß bereicherte dazu mit ihrem Ensemble Historischer Tanz der Universität der Künste Berlin die völlig ausverkaufte Veranstaltung (150 Besucher). Tanzen ist eben immer noch ein sehr beliebtes Vergnügen.

Sehr intim und gar nicht laut ging es zu im Nachtkonzert am Freitag, als ab 22.30 Uhr italienische Virtuosenliteratur des 16. und 17. Jahrhunderts, gespielt von Diskant- beziehungsweise Bassgambe (Juliane Laake), begleitet von der Barockharfe (Maximilian Ehrhardt) im Altarraum der Marienkirche erklang. Die beiden Künstler wirkten sowohl vollendet im Team als auch jeder für sich genommen herausragend solistisch. Ob es nun mit beeindruckender Spielfertigkeit wie im Harfensolo 'Ancor che col partire', in Diego Ortiz' Gambensolo 'Recercada terza' oder im emotional aufwühlenden 'Susanne un jour' (nach Orlando die Lasso) von Giovanni Bassano war - immer stand die Begeisterung für die Musik im Zentrum, die mal beruhigend, mal belebend, mal ergreifend auf die Hörer einwirkte. Laake und ihr Spielpartner beherrschten das Instrumentarium in facettenreicher, künstlerischer Vollendung. Da freut mich sich aufs nächste Wiedersehen.

Im Zentrum des Festivals Alter Musik Bernau standen am Samstag zwei jeweils rund zweistündige, sehr gut besuchte Konzerte der Lautten Compagney Berlin: Zunächst am Nachmittag eine hörenswerte – im Vergleich zur Premiere im Juni wesentlich aufpolierte – Collage zu Leben und Wirken des Reformators Martin Luther unter dem Titel: ‚Errette mich von den Einhörnern!‘ mit dem aus dem hessischen Friedberg stammenden versierten Schauspieler Michael Trischan (geb. 1961) als Dr. Martin Luther. In gekonnter Manier erweckte Trischan die elf mehr oder weniger repräsentativ ausgewählten Episoden aus dem Leben des Mansfelders zum prallen Leben, vermochte Luthers Wortgewalt in die Gegenwart zu holen. Die Tenor-Lieder dazu sang Robert Sellier in feiner Manier, gefiel bei 'Nun freut euch lieben Christen gmein', welches den Rahmen abgab, genau so wie im frivolen 'Es hett ein Biedermann ein Weib'. Musik und Text waren komplett von Wolfgang Katschner dramaturgisch durchgestaltet, bis hin zur schreienden Hexe (Annette Rheinfurth). Katschner, der auch im Orchester die Laute spielt, ist es mit dieser neuen Fassung gelungen, ein farbiges, vielfältiges Bild der Lutherzeit zu kreieren, bei der sowohl der Text die Musik kommentiert als auch umgekehrt die Musik den Text. Am deutlichsten wurde das an der Stelle, als das Einhorn in Form eines grollenden nimmer enden wollenden Percussion-Trommelsolos (Sebastian Flaig in Bestform) durch Luthers Leben galoppierte. Ein starkes Element der Spannung, die sich durch den ganzen Nachmittag wälzte.

Das Abendkonzert der Lauttencompagney gemeinsam mit dem auf acht Sängerinnen und Sänger erweiterten Leipziger Vokalensemble amarcord plus hatte den Titel ‚Musikalische Exequien‘. Der aus dem Lateinischen stammende Begriff ‚exsequi‘ (hinausgeleiten, aussegnen) bezeichnet die kirchliche Begräbnisfeier. Wolfgang Katschner erläuterte dankenswerterweise den Bezug, den Heinrich Schütz dazu hatte. Dieser komponierte seine 'Musikalischen Exequien' 1635/36 anlässlich des Todes seines Landesherren Heinrich Posthumus Reuß. Der Fürst hatte noch zu Lebzeiten eine Sammlung von Bibelversen und Liedtexten zusammengestellt, mit denen sein Sarg beschriftet werden sollte. Die Textsammlung übergab die Witwe nach des Grafen Tod 1635 an Schütz, der sie ergreifend vertonte. Was die Ausführung betrifft, hatten sich hier zwei Spitzenensembles zusammengetan, die technisch traumwandlerisch agierend sich allein der musikalischen Interpretation widmeten. Die Soli - vor allem der Sopranistinnen Heidi Maria Taubert und Isabel Meyer-Kalis - glänzten sämtlich mühelos und strahlend. Auch Alexander Schneider (Altus), Wolfram Lattke, Robert Pohlers (Tenöre), Frank Ozimek (Bariton) sowie Daniel Knauft und Holger Krause (Bass) waren ihren teils solistischen Rollen mehr als gewachsen. So ergab das Ganze - davor erklangen noch ein Satz aus Johann Sebastian Bachs Kantate 'Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir' BWV 131 und eine weitere von Dietrich Buxtehude, 'Wo soll ich fliehen hin' BuxWV 112 – eine friedvolle, gediegene, musikalisch äußerst ergiebige Konzertvorstellung, auch weil die Lautten Compagney so professionell agierte und sensibelste Regungen musikalisch kommunizierte. Wolfgang Katschner leitete sie wie gewohnt besonnen, klar und präzise sowie mit höchstem Qualitätsanspruch.

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Kritik von Manuel Stangorra

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Festival Alter Musik Bernau: Belcanto di Napoli

Ort: St. Marien,

Werke von: Heinrich Schütz

Detailinformationen zum Veranstalter Festival Alter Musik Bernau

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