> > > > > 26.10.2017
Samstag, 25. November 2017

1 / 5 >

Olga Kulchynska (Susanna), Alex Esposito (Figaro), Christian Gerhaher (Graf), Copyright: Wilfried Hösl

Olga Kulchynska (Susanna), Alex Esposito (Figaro), Christian Gerhaher (Graf), © Wilfried Hösl

Mozart-Premiere in München

Figaro - ganz anders

Langsam schwindet das Licht aus dem Saal, und ehe die Letzten verstummen, setzt das Eröffnungsmotiv der Ouvertüre ein: zackig und schnell. Das Tutti erklingt, und schon ist die musikalische Achterbahnfahrt gestartet, die den ganzen Abend anhält, denn dieser 'Figaro' klingt wie kein zweiter. Constantinos Carydis reizt die Virtuosität des Bayerischen Staatsorchesters bis ans menschenmögliche Maximum, nimmt einzelne Tempi fast doppelt so schnell wie gewohnt und bremst in den Rezitativen wieder bis kurz vor den Nullpunkt. Sprachliche Artikulation hat es hier schwer. Doch Akkuratesse und Transparenz bleiben trotz dieser Berg- und Talfahrt meisterlich ungetrübt. Einzig die Balance mit der Bühne leidet hier und da – es braucht ein wenig Zeit, bis Sängerinnen und Sänger gegen den weit hochgefahrenen Orchestergraben auch ein Piano behaupten können.

Die Tragik des Figaro

‚Zeig mir deine Wunde!‘ lautet das Motto der neuen Spielzeit an der Bayerischen Staatsoper. Dass 'Die Hochzeit des Figaro' als Opera buffa in diesen Kontext passt, erklärt sich aus den menschlichen Verletzungen, die sich im Laufe des Vierakters zugefügt werden und deren Härte das Regieteam um Christof Loy ganz besonders hervorhebt. Diese Produktion hinterfragt die Komik des 'Figaro'. Carydis‘ musikalische Gestaltung ist also nur konsequent: bissig und provokant.

Aus Scherz wird Ernst

Ein Marionettenspiel geht der ersten Szene voraus, bevor die echten Menschen ins Geschehen treten, besser: in ein zu klein geratenes Zimmer mit barockem Stuck (Bühne: Johannes Leiacker). Anfangs kaum merklich, wächst der Raum von Szene zu Szene, bis die Darsteller selbst wie winzige, zum Leben erwachte Zinnfiguren wirken. Was als Spiel beginnt, wird den Beteiligten im Wirr von Intrigen im wahrsten Sinne zu groß. Hilflos und verloren stolpern sie im Schlussbild vor einer einzelnen monströsen Tür umher. Der bittere Beigeschmack, der am Ende (ähnlich wie bei der 'Cosí') bleibt, geht einher mit einem Hinnehmen der grundsätzlichen menschlichen Fehler. Dieses Konzept aber fatalisiert die herbe Versöhnung, entwertet sie geradezu und prophezeit den menschlichen Abgründen den Triumph.

Von Witz bis Wut

Doch ganz ohne Scherz geht es beim 'Figaro' schlichtweg nicht – als Figaro beweist Alex Esposito komödiantisches Fingerspitzengefühl: Die sparsam pointierte Körpersprache sorgt für einige Lacher. Stimmlich zeigt er durch alle Lagen Balance und konstante Energie. Olga Kulchynska gibt neben ihm eine ebenbürtige Susanna ab, die besonders durch anmutiges Timbre, intensive Tongebung und beherrschte Szene fasziniert. Die Hausdebütantin zeichnet den Charakter schlau und gefasst – als wohl intelligenteste Protagonistin des Geschehens. Der Gräfin verleiht Federica Lombardi (ebenfalls Hausdebütantin) Temperament und Vitalität, verbleibt technisch jedoch nicht lupenrein, was sicher auch den schnellen Tempi geschuldet ist. Mit Susanna harmoniert sie wundervoll im Duett. Vonseiten der Regie kommt Madama Almaviva definitiv zu kurz, zumal vielerlei Material zur Produktion die Frauenrollen eigentlich in den Fokus gerückt haben wollte. Als Krönung darf Christian Gerharher gelten, der die für ihn typische Artikulationsliebe mit spannungsgeladener Präsenz und makelloser Linienführung verbindet. Statt Komik zu erzwingen, bleibt er beklemmend ernst. Klanglich brillant wütet er im 'Hai gia vinta la causa'. Der Conte wird hier zum verzweifelten Choleriker. Zwar amüsiert die skurrile Art, wie er den prallgefüllten Werkzeugkasten auf den Boden donnert – kurz davor die Tür zu zertrümmern und Cherubino gleich hinter drein –, doch jäh erstickt das Lachen, wenn diese Gewalt real zu werden droht, als er die Hand gegen seine Gattin erhebt.

Die kaum Beachteten

Wie es sich gehört, hat eine Bayerische Staatsoper im Gesangsensemble keine Schwächen. Ob Milan Siljanov als sonorer Hausmeister Antonio, Dean Power als Witzfigur Don Curzio oder Manuel Günther als prägnanter Intrigendilettant Basilio: Wer hier in einer Premiere auf den Brettern steht, hat zu liefern, auch wenn die Partie noch so klein ist. Der gut einstudierte Chor (Stellario Fagone) in kleiner Besetzung, sodass die Männerstimmen leider zuweilen untergehen, stellt lediglich den empörten Zuschauer der turbulenten Ereignisse. Obwohl Cristof Loy Personenregie fraglos beherrscht – so mancher Tumult ist brillant geführt –, bleibt etwa das Finale oder das Versteckspiel des Cherubino im ersten Akt wenig liebevoll ausgestaltet. Wie die rasante musikalische Interpretation fordert die rigorose szenische Umsetzung Opfer. Ähnliches erleiden die Figuren, denen teils originelle Züge zukommen, teils keinerlei Auseinandersetzung anzumerken ist. Den kaum ausgearbeiteten Bartolo zeigt Paolo Bordogna mit kräftiger Tiefe und geschmeidigen Bindungen. Anne Sofie von Otter gibt die Marcellina mit Witz und grotesk-komischen Stimmschleifern. Der vielleicht stärkste Eingriff ist der Austausch ihrer Arie durch Mozarts 'Abendempfindung', wo es heißt: '...Bald entflieht des Lebens bunte Szene, und der Vorhang rollt herab; aus ist unser Spiel, des Freundes Träne fließet schon auf unser Grab...'. Dadurch wird keine Charakterzeichnung ausgearbeitet, es ist vielmehr Mittel zum Zweck der Gesamtaussage.

Die Macht der Begierde

Zentral für diese Aussage scheint Cherubino, der von Solenn‘ Lavanant-Linke mit kernigem Klang burschikos verkörpert wird. Anfangs uniformiert, später weiblich verkleidet und schließlich mit den Mädchen und Barbarina, entzückend von Anna El-Khashem gegeben, in reizvoll kurzem Schwarz (Kostüme: Klaus Bruns), erfährt er eine genderfluide Wandlung, welche den Geschlechterkonflikt thematisiert. Leider verharrt auch diese interessante Stoßrichtung mehr skizzenhaft als ausgesprochen. Während Figaro sich in der Schlussstrecke mehr und mehr zum Grafen zu verwandeln scheint, wendet sich Cherubino ab, wird vom Nachsteller selbst Lustobjekt. Diese Kritik der männlichen Begierde wird aber auch auf anderer Ebene eröffnet: Nach Figaros Gelärme, er wolle alle gekränkten Männer rächen, lauscht er andächtig Marcellinas Fremdeinlage: '...Werdet ihr dann an meinem Grabe weinen, trauernd meine Asche sehn, dann, o Freunde, will ich euch erscheinen und will himmelauf euch wehn. Schenk auch du ein Tränchen mir und pflücke mir ein Veilchen auf mein Grab, Und mit deinem seelenvollen Blicke sieh dann sanft auf mich herab...' Ob es zur endgültigen Versöhnung kommt? Wenn, dann hoffentlich nicht zu spät.

Mehr erfahren über den Autor

Kritik von Theo Hoflich

Kontakt aufnehmen mit dem Autor

Kontakt zur Redaktion


Le nozze di Figaro: Opera buffa in vier Akten

Ort: Bayerische Staatsoper,

Werke von: Wolfgang Amadeus Mozart

Mitwirkende: Johannes Leiacker (Bühnenbild), Christoph Loy (Inszenierung), Orchester der Bayerischen Staatsoper (Orchester), Anne-Sophie von Otter (Solist Gesang), Dean Power (Solist Gesang), Alex Esposito (Solist Gesang), Christian Gerhaher (Solist Gesang)

Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel.

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.


Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (11/2017) herunterladen (0 KByte) Class aktuell (4/2017) herunterladen (0 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Leo Fall: Brüderlein Fein - O schau, o schau! Ist das a Frau!

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

 Ensemble Armoniosa im Portrait "Unser Ensemble ist geprägt von wirklicher Harmonie"
Das Ensemble Armoniosa über seine neue CD, Historische Aufführungspraxis, gemeinsame Essen, selbstgebaute Instrumente und Musik im Internet.

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Anzeige

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich