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Dienstag, 12. Dezember 2017

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Oper Leipzig "Don Carlo", Premiere 30.09.2017 // Ensemble, Copyright: Kirsten Nijhof

Oper Leipzig "Don Carlo", Premiere 30.09.2017 // Ensemble, © Kirsten Nijhof

'Don Carlo' an der Oper Leipzig

Strahlende Klänge in der Düsternis

Die Leipziger Oper mag es gern groß. Nicht zum ersten Mal warben Plakatwände während der Bayreuther Festspiele für die Wagner-Festtage und den 'Ring'-Zyklus in vier Tagen. Bei der eröffnenden Spielzeitpremiere hatte man sich jedoch für den anderen gern als Gegenpol etikettierten Operngiganten entschieden, der selbstverständlich weniger stark mit der Stadt verbunden ist, in seinen künstlerischen Dimensionen aber durchaus zum Geschmack passt: Verdi steht für große Oper – vor allem wenn es um den oft überarbeiteten 'Don Carlo' geht, der zwar in der gespielten Mailänder Fassung von 1884 ‚nur‘ drei Stunden einnimmt, an großen Momenten und vor allem schwerem Stoff aber so überreich ist wie nur wenige Werke.

Gewaltigkeit zur rechten Zeit

Die ‚tinta musicale’ (wie Verdi selbst die musikalische Grundstimmung seiner Werke nannte) des 'Don Carlo' ist – nach der des 'Otello' – die vielleicht dunkelste aus Verdis Feder. Ein düsteres Schicksal prophezeit schon das eröffnende Hornthema; an diesem Abend ertönt es mit kleinen Ungenauigkeiten im Ansatz, aber vor allem in bestechender Linienführung. Insgesamt stellt das Gewandhausorchester unter Hausdirigent Anthony Bramall wieder einmal musikalische und professionelle Ausarbeitung unter Beweis. Ganz genauso beeindruckt der Chor des Hauses mit in die Knie zwingenden Klangausbrüchen, die gut bemessen sind. Einfühlsam wird ein Klang gemischt, der die Solistinnen und Solisten nie bedrängt, sondern zarte Wellen fließen lässt, welche dann zum reißenden Strom werden, und das nicht zu kurz, wenn es Partitur und Stimmen vertragen.

Labyrinth der Intrigen

Was die Inszenierung des Regisseurs Jakob Peters-Messer ausmacht, ist das von Markus Meyer grandios gestaltete Bühnenbild. Auf der Drehbühne erheben sich gewaltig die verschachtelten Gemächer des Hofes. Kalt und ausweglos scheinen die von Guido Petzold schaurig ausgeleuchteten Gemäuer. Schnell kann gewechselt werden zwischen der großen Halle, dem Gang mit Fluchtpunkteffekt und der Zelle mit Riesenheuschreckenskulptur – wohl als Sinnbild der nach Eigenprofit süchtigen Eliten zu lesen. Diese beäugen mit Missachten die zum Tode Verurteilten am Ende des zweiten Aktes und werden einzig für einen kurzen Moment weich, als sie mit den Flandern in deren Bitten einstimmen.

Einer strahlt aus allen hervor

Ob der Trauer um den totgeglaubten König wegen oder als Symbol der schrecklichen Zustände - Trendfarbe am Hof von König Filippo II. ist schwarz. Die Kostüme (Sven Bindseil) bilden eine interessante Mischung aus historisierenden und modernistischen Elementen. Neben Halskrausen und Kleidern auch skinny Hosen und Lederjacken. Davon setzt sich, wie könnte es anders sein, nur einer ab: der Infant Carlo. Ganz in weiß gekleidet imponiert Gaston Rivero mit energetischer Klanggewalt, sein heldischer Tenor strahlt kraftvoll durch den Saal. Leidenschaftlich tritt der junge Kronprinz jedem Hindernis mutig entgegen. Ehre stellt er über Kalkül, moralisches Handeln über strategische Intrige. Im Taktieren bleibt er bis zuletzt Dilettant und in der Verzweiflung über diese unfaire Welt erschießt sich Carlo schließlich in den finalen Takten mit der Pistole, die er sich zu Beginn des Stücks bereits an den Kopf hielt.

Von dunkel bis trüb

Vielleicht ist es nur die Freundschaft, die Carlo davon abhält, schon zu Beginn des Abends abzudrücken. Der andere Part der wohl romantischsten Männerbeziehung der Operngeschichte, Rodrigo, wird behänd von Stammgast Mathias Hausmann gegeben, der die Partie mit all ihren Schwierigkeiten meistert, zwar nicht an die Wucht seines Tenorkollegen heranreicht, aber sich neben diesem auch nicht verstecken muss, wenn sie das berühmte 'Dio, che nell'alma infondere amor' anstimmen. Zwar gerät Hausmann der Stimmklang durch das starke Dämpfen teils etwas weit nach hinten, doch gewährleistet diese gesunde Art des Singens, die Partie über den Abend kontinuierlich und ohne merkliches Sparen durchzuhalten. Weitaus mehr Probleme in der Höhe zeigen sich bei Rúni Brattaberg, dessen Autorität als Großinquisitor schneller als gewollt verloren geht – und zwar sobald die ersten Spitzentöne kommen. So wundervoll rund das Stimmmaterial die Tiefen füllt, gleicht dies keine technischen Schwächen in der Höhe aus. Nicht ganz so ergeht es Randall Jakobsh als Mönch (der sich später als alter König Carlo herausstellt), dessen Bass gut aus einer Deckenluke in den Saal hineingetragen wird. Und selbst Riccardo Zanellato als König Filippo gerät das Vibrato oft etwas ausgeleiert, auch wenn sein grundsätzliches Timbre und der Sitz in der Mittellage durchaus überzeugen. Es scheint, je tiefer die Stimme liegt, desto weniger Spannung und nötige Energie kann aufgebracht werden. Natürlich liegt der Ambitus eines Basses unter dem eines Baritons, dieser wiederum unter dem eines Tenores. Aber: Eine gut funktionierende Höhe zu haben, ist eine Frage der Technik. Und zwar in allen Stimmgruppen.

Von stabil bis fein

Die Marktkonkurrenz bei Frauenstimmen lässt kaum Schwächen zu. Als Eboli zeigt Kathrin Göring stimmliche Genauigkeit und sichere Koloraturen. Ohne Komplikationen tanzt sie durch alle Facetten der Partie, jedoch fehlt eine Spur eigener Note. Ihre musikalische Interpretation wirkt schnell austauschbar, während sie Glaubwürdigkeit im Spiel durchaus erlangt. Gal James als Elisabetta empfängt zwar verhaltenen Schlussapplaus im Vergleich zu ihrer Mitstreiterin (was auch an der Rollendisposition liegen mag), macht aber eigentlich gesanglich alles richtig. Mehr noch: Sie verleiht der Königin eine sublime Ebene, die sie auch in den insgesamt transparent ausgearbeiteten Ensembles hervortreten lässt. Teilweise könnte sie lediglich noch etwas mehr Masse in den Klang legen, um die dramatischen Nuancen auszugestalten. Als Page Tebaldo, hier eher Bodyguard, beweist Magdalena Hinterdobler Talent zur autoritären Figur, der sie auch durch stimmliche Energie und mitreißende Intensität Nachdruck verleiht. Auch Danae Kontora als Stimme vom Himmel, hier Verurteilte vor der Hinrichtung, Sven Hjörleifsson als Herold und Graf von Lerma sowie die Deputierten stellen keinerlei Schwachstellen der Besetzung dar. Die liegen wie erwähnt leider eher bei den etablierten älteren Herren mit den freilich gewaltigen Partien.

Bühne und Kostüme

Außer der optischen Gestaltung, besonders dem wirklich intelligent angelegten Bühnenbild, sind eigene Gedanken der Regie eher spärlich gestreut. Auch wenn die Personenführung, besonders die Arbeit mit dem Chor, gut gelungen ist, fehlt eine Ausarbeitung der Figuren, deren Charakterzeichnung nicht einmal das Potenzial des Librettos bzw. der Partitur, voll ausschöpft, geschweige denn Neues zwischen den Zeilen herausliest. So verweilt dieser 'Don Carlo' trotz der teils überwältigenden Bildgewalt in der Mittelmäßigkeit. Musikalisch sind Orchester, Chor und Titelheld der Grund, sich dieses Juwel der Musikgeschichte in der Leipziger Produktion nicht entgehen zu lassen.

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Kritik von Theo Hoflich

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Don Carlo: Dramma lirico in vier Akten

Ort: Oper,

Werke von: Giuseppe Verdi

Mitwirkende: Anthony Bramall (Dirigent), Gewandhausorchester Leipzig (Orchester), Mathias Hausmann (Solist Gesang), Magdalena Hinterdobler (Solist Gesang)

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