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Donnerstag, 19. Oktober 2017

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Szene aus Carmina Burana mit La Fura dels Baus., Copyright: La Fura dels Baus

Szene aus Carmina Burana mit La Fura dels Baus., © La Fura dels Baus

Eros und Rausch als Festivalabschluss in Passau

'Carmina Burana' als Spektakel

Ein Zylinder aus weißer Gaze schirmt die Musiker ab und wird zur Projektionsfläche für illustrierende Videos, flankiert von den beiden großen Chören. Der Hauptakteure sind damit klar: die katalanischen Aktionskünstler La Fura dels Baus. Die Rechnung des neuen Intendanten der 65. Europäischen Festspielwochen in Passau ging auf: weniger, dafür attraktivere Vorstellungen.

Carl Orffs beliebtestes Stück 'Carmina Burana' füllte unter der werbewirksamen Regie La Fura dels Baus‘ zweimal hintereinander die Passauer Dreiländerhalle. Kein Wunder, nach 40 Jahren Bühnenerfahrung ist La Fura dels Baus Inbegriff kreativen Theaterspektakels. Und mit über 150 Mitwirkenden, dem mächtigen Chor der Gesellschaft der Musikfreund Passau und dessen Jugendchor Messa di Voce wurde 'Carmina Burana' als zweitägiges Finale der sechs Festspielwochen gleichzeitig Kunstereignis für die Passauer Laienkunstszene.

La Fura dels Baus zog alle Register, illustrierte die Musik zwischen den Zeilen als  Fest kosmischer Kräfte, rauschhafter Phantasien, hektischer Zeitenwenden und rückte mit parodistischer Selbstironie und kurz aufflackernder surrealer Distanz die bombastische Bespaßungsmaschinerie unserer Tage ins Bewusstsein. Explosive Lichtspiele intensivieren im ersten Teil 'Primo vere' die musikalische Dynamik der 'Carmina Burana'. Die Erde kreist durch den Kosmos, Eisflächen brechen auf, 'Uf dem Anger' wird zum Wellnessevent. Jugendliche Tänzer duschen in flutenden Lichtbündeln, und unter Aromawolken beginnt Musik zu duften. 'In taberna', in dem zweiten Teil, entfalten sich zunehmend wolllüstige Phantasien. Luca Espinosa verwandelt sich mit Plastikbusen in ein Pinup-Girl im Wasserbecken, mit Weintrauben getränkt zur Weingöttin, die großzügig ihre Gaben in die vorderen Reihen des Publikums verspritzt. Die Sänger schweben auf Kränen. 'Cour d’amours', das Herz der Liebenden, flammt als Spotlight in Herzform passend zur Musik auf und 'Fortuna', das Rahmenthema, wird zum großen Finale einer rasend schnellen Zeitscheibe.

Angesichts der Bilderfluten tritt die Musik trotz des engagierten Dirigats Jean Pierre Fabers etwas in den Hintergrund, zumal die wesentlich dezentere Version von Orff-Sschüler Wilhelm Killmayer für zwei Klaviere und Schlagwerk gewählt worden war, die ansonsten nur konzertant aufgeführt wird. Sie inszeniert zu sehen - eine  Hommage an Wilhelm Killmayers 90. Geburtstag - gab dem Finale der 65. Europäischen Festwochen noch eine zusätzliche Extravaganz.

Allerdings kamen die exzellenten Musiker, bedingt durch die dürftige Akustik der Dreiländerhalle, dazu noch hinter dem Gazezylinder positioniert, wenig zur Wirkung. Temperament und Dynamik, die Faszination des synchronen Spiels der beiden Pianistinnen Ferhan und Ferzan Önder und die souveräne Wucht der Perkussionisten der Münchner Staatsoper sorgen erst bei der Zugabe - ohne Vorhang zum ersten Mal direkt zu sehen - für Furore.

Umso erstaunlicher ist die Leistung der Sänger. Bariton Thomas Bauer, als Organisator, Moderator und mehrfach Mitwirkender der Europäischen Festwochen ohnehin ein Unikum, meisterte auch am letzten Wochenende mit Bravour seine Rolle. Countertenor Jordie Domenèch begeisterte hoch in Lüften schwebend mit faszinierenden Koloraturen und Amparo Navarro erwies sich mit wuchtigem Sopran samt schauspielerischem Temperament und mitreißender Spielfreude als wahrhafter Glücksfall für diese Inszenierung. Diese 'Carmina Burana' wird als Theaterspektakel auf jeden Fall lange im Gedächtnis bleiben.

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Kritik von Michaela Schabel

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Carmina Burana: Abschlusskonzert Europäische Wochen

Ort: Dreiländerhalle,

Werke von: Carl Orff

Mitwirkende: La Fura dels Baus (Inszenierung), Thomas Bauer (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Europäische Wochen Passau

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