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Donnerstag, 23. November 2017

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Michael Kraus (Alberich), Statisterie, Copyright: Hans Jörg Michel

Michael Kraus (Alberich), Statisterie, © Hans Jörg Michel

Auftakt zum 'Ring' in Düsseldorf

Mord und Totschlag

Noch bevor der erste Ton erklingt, betritt Loge im dunkelroten, matt glänzenden Cutaway die Bühne. Er, der Gott des Lichts, Magier und Intellektuelle, scheint wie ein Conferencier die Menschen zu leiten, zu begleiten. "Ich weiß nicht, was soll es bedeuten", zitiert er ironisch die erste Zeile der "Loreley" von Heinrich Heine und nimmt damit vorweg, was viele im Publikum am Ende der 'Rheingold'-Premiere empfanden.

Die Deutsche Oper am Rhein eröffnete am vergangenen Freitag mit Richard Wagners 'Das Rheingold' ihre neue 'Ring'-Inszenierung. Und Dietrich W. Hilsdorf, der verantwortliche Regisseur, erntete viel Kritik. Wagner thematisiert in seinem Musikdrama das materialistische Denken und Handeln der bürgerlichen Gesellschaft. "An eine Aufführung kann ich erst nach der Revolution denken", schrieb er 1858 an Uhlig. Und weiter heißt es in dem Brief: "Am Rheine schlage ich dann ein Theater auf, und lade zu einem großen dramatischen Feste ein: nach einem Jahre Vorbereitung führe ich dann im Verlaufe von vier Tagen mein ganzes Werk auf. Mit ihm gebe ich den Menschen der Revolution dann die Bedeutung dieser Revolution, nach ihrem edelsten Sinn zu erkennen". Regisseur Dietrich W. Hilsdorf verrätselt Ort und Bewohner kunstvoll. Der Betrachter bleibt auf der Suche. Märchensymbole und die Wirklichkeit des beginnenden Industriezeitalters greifen ohne Pause ineinander und bringen zugleich eine eigene, neue surreale Wirklichkeit hervor, in der sich das aggressive Ausmaß der Katastrophe andeutet.

Die Bühne von Dieter Richter stellt eine hohe, helle, nach hinten geöffnete Villenhalle dar, die zwischen Revuetheater mit buntem Glühbirnenrahmen und schlicht ausgestattetem Spielsalon changiert. Eine Metalltreppe am linken Bühnenrand führt in eine höhere Etage, in die sich Loge und die Rheintöchter zurückziehen. Stühle und drei grün bespannte Spieltische zieren den Raum. Man spielt Karten, man trinkt Wein, tadelt, macht Vorwürfe oder schweigt. Zugleich sind die Spieltische auch verschleierte Schlupflöcher oder Podeste für das Aufsteigen der Mahnerin Erda. Ein großzügiges Fenster öffnet romantisch den Raum in die Ferne. Dahinter spiegelt, verdoppelt sich das Geschehen oder wird von einem feuerglühenden Himmel hinterfangen. Mitunter "verpesten" unmerklich einströmende Rauchschwaden humorvoll die Atmosphäre. Gewaltsam und mit effektvollem Getöse untermalt bohren sich Steinkohle und mit Kohle gefüllte Kipploren gegen Ende des zweiten Bildes durch die Seitenwand. Ebenso brutal bricht der Lindwurm von oben herein.

Hilsdorf zeigt ein Gesellschaftsgefüge, in der sich die soziale Frage wider Willen und mit unvermittelter Brutalität zu stellen scheint. Alberich ist ein hinkender Bürger in Gehrock. Blind und von Loge in den Raum geführt, sucht er vergeblich die Liebe der Rheintöchter. Sehend und drohend heizt er die Steinkohlenförderung an, tyrannisiert seinen Bruder und die Malocher unter Tage mit einem Glüheisen, um Macht und Weltherrschaft zu erlangen. Wotan hingegen liebt die Täuschung und stützt sich auf Schwert und Speer, um seinen Status zu bekräftigen. Zunächst wird er von seiner Frau Fricka (Renée Morloc) im Rollstuhl schlafend und sich unter weißem Schleier wie einer Tarnkappe verbergend auf die Bühne gefahren. Kurze Zeit später sitzt er lasziv am Tisch und genießt im Humphrey Bogart-Verschnitt mit Trench, Hut und Sonnenbrille die Zuneigung der ihn anschmachtenden Rheintöchter. Ein Träumer? Skrupel, vertragsbrüchig zu werden und seine Schwägerin Freia (Sylvia Hamvasi) für den Bau des Machtsymbols Walhall zu opfern, kennt er nicht. Die sind Froh - hell und lyrisch anrührend von Ovidiu Purcel interpretiert – vorbehalten, den Renate Schmitzer in das Kostüm eines jungen, aufrechten Demokraten des 19. Jahrhunderts gesteckt hat. Mahnerin Erda, die Wotan schließlich dazu bewegt, den Ring abzugeben, trägt ein weißes Gewand, das mit seinem aufsteigenden Kragen eher an das 17. Jahrhundert erinnert, während die Riesen Fafner und Fasolt als romantische Handwerksburschen mit Zylinder und Schlips den Lohn für ihre Arbeit einfordern. Trotz Mord und Totschlag bricht man am Ende auf, glanzvoll überstrahlt von Wagners heldenhaftem Walhallmotiv. Wie die Verrätselung weiter geführt wird, wird sich in der nächsten Spielzeit zeigen, im Januar ('Walküre'), April ('Siegfried') und Oktober 2018 ('Götterdämmerung').

Viel Lob erhielten Axel Kober und die Düsseldorfer Symphoniker für ihre anschauliche, die musikalischen Leitmotive inszenierende Darbietung. Akzentuierte, federnde Rhythmen, die sich bedrohlich verdichten, entfesselte Bläserausbrüche und kammermusikalisch transparente Passagen – die Musiker zeichnen ein kontrastreiches und melodramatisch anmutendes, packendes Klangbild. Dazu ein sinnfällig singendes und spielendes Gesangssolistensemble, das die Welt der Mensch gewordenen Rheintöchter, Götter, Riesen und Nibelungen anschaulich vor Augen führt. Bariton Michael Kraus ist ein klangvoller, blinder, nach Liebe tastender, wütender Alberich. Tenor Cornel Frey verkörpert brillant den von seinem eigenen Bruder versklavten und gehetzten Mime. Simon Neal stellt einen stimmfarblich verführerisch schillernden Wotan dar, an dem nicht ganz spurlos Vertragsbruch, Entführung und gewaltsamen Raub vorübergleiten. Am Ende sucht er scheinbar Schutz im Schoße Erdas, klangvoll interpretiert von Susan Maclaean. Ein weiteres Täuschungsmanöver, wie sich herausstellt. Denn eigentlich geht es darum, sich spielerisch ihrer Perücke zu bemächtigen. Nobert Ernst ist ein textverständlich singender, stimmlich agiler und anschaulich schauspielender Loge, der die Sprache der von Wagner selbst verfassten Librettodichtung in den Vordergrund rückt. Bogdan Talos und Thorsten Grümbel stellen kraftvolle, wohlklingende, bassbaritonale Riesen Fafner und Fasolt dar.

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Kritik von Ursula Decker-Bönniger

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Das Rheingold: Vorabend zu Wagners 'Ring des Nibelungen'

Ort: Deutsche Oper am Rhein,

Werke von: Richard Wagner

Mitwirkende: Axel Kober (Dirigent), Dietrich Hilsdorf (Inszenierung), Düsseldorfer Symphoniker (Orchester), Michael Kraus (Solist Gesang), Sylvia Hamvasi (Solist Gesang), Renée Morloc (Solist Gesang), Norbert Ernst (Solist Gesang)

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