> > > > > 31.05.2017
Donnerstag, 13. August 2020

1 / 2 >

SWR Symphonieorchester - Abo-Konzert in Freiburg, Copyright: SWR/Wolfram Lamparter

SWR Symphonieorchester - Abo-Konzert in Freiburg, © SWR/Wolfram Lamparter

Herreweghe und das SWR Symphonieorchester

Potential der Unschärfe

Beglückt und inspiriert konnte man aus dem neunten Abonnementkonzert des SWR Symphonieorchester gehen. Der Klangkörper war in Hochform zu erleben. Die noch lange nach Ende des Konzertabends nachklingende Freude, Zeuge eines besonderen musikalischen Ereignisses gewesen zu sein, war anfangs allerdings nicht zu erwarten. Denn der Start gelang einigermaßen holprig. Das SWR Symphonieorchester hatte Philippe Herreweghe eingeladen, einen gern gesehenen Gast, auch bei einigen Radio-Sinfonieorchestern dieses Landes. Eingerahmt von Werken Robert Schumanns stand Beethovens Violinkonzert mit dem großartigen Solisten Thomas Zehetmair, der gemeinsam mit Herreweghe der Monumentalität dieses ausgedehnten ‚Schlachtrosses’ auf äußerst feinfühlige Weise lyrisch empfundene Flexibilität einschrieb.

Notwendige Abstimmung

Dieser Abend war ein Musterbeispiel dafür, wie aus der Not eine Tugend werden kann: Ein Ozeandampfer wie das SWR Symphonieorchester verlangt nach ordnender Klarheit und einem technisch versierten Steuermann, um auf Kurs zu bleiben. Herreweghe allerdings, der musikalisch aus der Alten Musik kommt, sein Repertoire jedoch stetig erweitert hat, verfügt über andere Qualitäten. Er zeichnet kleinteilige Gesten, mit denen sich kleinere Spezialisten-Ensembles historisch orientierter Aufführungspraxis ohne Not zusammenhalten lassen, zumal hier regelmäßige Bewegungsimpulse den musikalischen Ablauf strukturieren. Die Musiker des SWR Symphonieorchesters indes konnten mit Herreweghes zuckender, wedelnder Hand-Choreographie mit abgewinkelten Armen offensichtlich nur wenig anfangen – zumindest darauf bezogen, was von der Schlagtechnik eines Dirigenten erwartet werden kann. Aber welch wunderbare Effekte hatte diese produktive Konfrontation! Denn in der Folge mussten die Musiker umso genauer aufeinander hören, ihre Aktionen eng abstimmen und zu einem ebenso kompakten wie durchsichtig, kammermusikalisch agierenden, atmenden Klangkörper werden.

Stolpernder Beginn

Das gelang zu Beginn mit Schumanns ‚Manfred’-Ouvertüre op. 115 noch nicht so überzeugend, doch spätestens bei Beethovens Violinkonzert hatte man sich gefunden. Von Herreweghe zu einem schlank geformten, mit sparsamem Vibratoeinsatz und dynamischen Nuancen ohne dickes Sostenuto auskommenden Klang angehalten, wurden schon in der ‚Manfred’-Ouvertüre manch intensive Phrasen geformt, doch insgesamt blieb das Klangergebnis noch etwas zu wenig kontrastreich in der Dynamik und ohne den unwiderstehlichen Zug, den die Ouvertüre zu dem dramatischen Gedicht Lord Byrons ansonsten zu erzeugen vermag.

Ungemein beweglich

In Beethovens Violinkonzert unterstützten Naturtrompeten sowie aufs Feinste hervorleuchtende Bläser den feingliedrigen Ansatz, von dem nicht sicher zu sagen ist, wessen interpretatorische Handschrift er trug: Einerseits ermunterte Herreweghes wischendes Dirigat dazu, dass selbst innerhalb einzelner Takte das Tempo ungemein flexibel gehalten wurde – das mag aus Unsicherheit genauen Timings heraus entstanden sein, erwies sich aber als äußerst anregend, weil Thomas Zehetmair diesen Faden aufnahm und in einen Deutungsansatz einflocht, der die ursprüngliche Idee dieses Konzerts zur Geltung brachte, nicht seine Wirkungsgeschichte: Statt der über Jahrzehnte betonten Monumentalität akzentuierte Zehetmair mit feinsten Tonfärbungen und variabler Tempogestaltung das Feine und Lyrische. Die Flinkheit der Bewegung fand ihren Widerhall in einer Auffassung der Dynamik, die Extreme nicht scheute, selbst auf die Gefahr hin, im Säuselmodus fast von dem munter aufgelegten, exzellenten Orchester verschluckt zu werden, um sodann grazil den Hals zu recken und als Solostimme wieder aus dem Orchester aufzutauchen. Das hatte hohe gestische Qualität und fulminante Überzeugungskraft, zumal das Orchester auf Herreweghes drängende Impulse so aufmerksam reagierte, dass selbst nach Phasen kontemplativen Nachlauschens lyrischer Emphase sofort wieder Schwung aufgenommen wurde. Das Publikum dankte dem Solisten die Erfahrung dieser Beethoven-Sternstunde mit viel Beifall.

Krönung mit Schumann: Wo Nervosität am rechten Platz ist

Gekrönt wurde der Konzertabend mit einer Wiedergabe von Schumanns Zweiter Sinfonie C-Dur, die spieltechnisch nicht immer perfekt, dafür aber dem Geist der Musik und ihren Ausdrucksqualitäten um so viel näher kam als die vielen hochglanzpolierten Deutungen unserer Tage. Auch hier: atmende Phrasierung mit schlanker Tongebung und feiner Empfindung in der langsamen Kopfsatzeinleitung, kräftig zupackende Kontur im 'Allegro ma non troppo', spätestens in der Reprise und der noch dringlicher musizierten Coda. Grandios gelang das Perpetuum-mobile-Scherzo, in dem das Tempo glücklicherweise so hoch gehalten wurde, dass das nervös nach vorn Stürzende, ungehalten Stürmende, das diesen Satz kennzeichnet, erfahrbar wurde. Und welche Leichtigkeit im ersten Trio, ganz zu schweigen von dem im Ton straffer, aber doch angenehm sehnig genommenen zweiten Trio! Herreweghes Schumann-Deutung hat klare Prioritäten, wie er bereits in früheren Lesarten deutlich gemacht hat. Ihm geht es nicht um die Wiederbelebung von Ausdrucksmitteln, die zu Schumanns Zeit essentielle Bestandteile des Musizierens waren, sondern er entfaltet ein leuchtendes und fein austariertes Klangbild, das meilenweit entfernt ist von den homogenisierenden Espressivo-Tiefgründlern des 20. Jahrhunderts. So fegte nach einem innig und dabei wunderbar schlicht musizierten 'Adagio espressivo' mit innigen Holzbläsresoli das Finale fröhlich und dabei im richtigen Maß aufgekratzt voran, ehe die (durch ein in diesem Umfeld recht befremdlich wirkendes Ritardando eingeleitete) Schlusssteigerung ein Werk machtvoll zu Ende brachte, das unbedingt als eines der sinfonischen Glanzpunkte des 19. Jahrhunderts gelten muss. Zumindest dann, wenn ein Orchester die Ausdrucksdimensionen dieses Werks so treffend erschließt, wie es das SWR Symphonieorchester unter Philippe Herreweghe geschafft hat. Wie beglückend!

Mehr erfahren über den Autor

Kritik von Dr. Tobias Pfleger

Kontakt aufnehmen mit dem Autor

Kontakt zur Redaktion


Herreweghes Schumann: Abo-Konzert 9

Ort: Konzerthaus,

Werke von: Robert Schumann, Ludwig van Beethoven

Mitwirkende: Philippe Herreweghe (Dirigent), SWR Symphonieorchester (Orchester), Thomas Zehetmair (Solist Instr.)

Jetzt Tickets kaufen

Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel.

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.


Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (7/8 2020) herunterladen (3000 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Isabelle van Keulen im Portrait "Mir geht es vor allem um Zwischentöne"
Isabelle van Keulen im Gespräch mit klassik.com über ihre Position als Artist in Residence der Deutschen Kammerakademie Neuss am Rhein, historische Aufführungspraxis und das Spielen ohne Dirigent.

weiter...
Alle Interviews...


Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich