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Donnerstag, 21. September 2017

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Ain Anger (Boris Godunow) und JUlius Röttger(Fjodor), Copyright: Bernd Uhlig

Ain Anger (Boris Godunow) und JUlius Röttger(Fjodor), © Bernd Uhlig

'Boris Godunow' an der Deutschen Oper Berlin

Bühnenhandwerkskunst

Bereits im März 2016 feierte Richard Jones’ Neuinszenierung des sogenannten Ur-'Boris' Premiere am Royal Opera House in London. Nun kam die Co-Produktion mit über weite Strecken neuer Besetzung endlich ins Haus an der Bismarckstraße.

Was für ein Herrscher

Es ist die Geschichte eines Machthabers, der sich nach oben gekämpft hat und mit brutaler Härte gegen seine Feinde vorgeht. Der eiskalte Tyrann ohne Skrupel? Ganz so einfach ist es nicht, denn seine Taten holen Boris Godunow ein. Er ist kein Soziopath, an dem das Leid anderer vorbeigeht, kein Sadist, dem es gar Freude bereitet, unendliche Qualen anzudrohen. Statt aktuelle politische Themen auf die Bühne zu bringen, erzählt Richard Jones die individuelle Psychologie eines hochkomplexen Charakters in einem nicht minder dichten Handlungsnetz. Und das in einem dramatischen Bogen, der mehr als zwei Stunden ohne jegliche Ruheminute oder gar Vorhang auskommt. So liebevoll die Regie die unheilvolle Geschichte zeichnet, so hingebungsvoll gestaltet Ain Anger die Figur des tragischen Zaren ergreifend menschlich. Er lässt seinen Bass autoritär durch den Saal donnern, bricht in Schauder bringende Verzweiflung aus und zaubert rührende Wärme. Geradezu essentiell ist die klar dargestellte mentale Entwicklung für die auf den Protagonisten zentrierte Inszenierung.

Andere Rollen

Bei der britischen Premiere stand an der Seite von Bryn Terfel noch Anger als Mönch Pimen auf den Brettern. An diesem Abend beweist Anger, dass er seinem Walliser Kollegen hier in nichts nachsteht. Den Pimen gibt nun Ante Jerkunica gebieterisch und weise - was in der Höhe manchmal an Glanz fehlt, macht er mit gewaltiger, durchdringender Tiefe wieder wett. Als Grigorij, Kontrahent des Zaren, zeigt der Stipendiat Robert Watson heldisches Potenzial mit kräftigen Klängen und beweglichem Spiel. Auch überzeugt die Besetzung der kleineren Rollen: unter ihnen besonders Alexei Botnarciuc - ebenfalls noch Stipendiat -, der das heikle Trinklied des Warlaam gefasst meistert, aber auch Alexandra Hutton als anmutige Xenia, Ronnita Miller als selbstbewusste Amme und Annika Schlicht als toughe Schenkwirtin. Philipp Ammer ist für die recht tief liegende Tessitura des Knaben Fjodor gut gewählt und stets präsent. Lediglich Thomas Blondelle tönt mit seinem vielseitigen Charaktertenor an diesem Abend etwas zu klein und undifferenziert; es mag an seiner Form oder der Partie liegen.

Führung jenseits der Bühne

Die Deutsche Oper stellt wie so oft ein gutes Händchen für die Besetzung unter Beweis, in der auch fähigen jungen Sängerinnen und Sängern die Möglichkeit der großen Bühne gegeben wird. Ebenso bedacht wird das Pult besetzt. Kirill Karabits, seit nicht ganz zwei Jahren Leiter der Staatskapelle Weimar, führt das Orchester der Deutschen Oper zu gut dosierter Dynamik und klanglicher Vielfalt. Seine ausgezeichnete musikalische Koordination mit dem Bühnengeschehen zeugt von Sachverstand im Opernbereich. Auch Klangwucht und Zusammenhalt des Chores enttäuschen nicht. Der Leistungsanstieg im Vergleich zur letzten Spielzeit kann nur auf Raymond Hughes zurückzuführen sein, welcher mit reichlich Erfahrung die Leitung übernommen hat.

Meisterliche Handwerkskunst

Natürlich​ stellt man sich in Deutschland unter Regietheater etwas anderes vor als die bloße Umsetzung eines Werks mit sachter Einstreuung eigener Gedanken. Allzu gern wird die bloße Ausgestaltung implizit als unkünstlerisch abgetan. Wenn jemand sein Handwerk jedoch derart beherrscht, dass ein pausenloser und musikalisch anspruchsvoller Abend durchweg Spannung behält, dann ist das mehr als Unterhaltung. Dazu trägt Miriam Buethers statische und zugleich flexible Bühne genauso bei wie Nicky Gillibrands die Erzählung begleitenden Kostüme und Mimi Jordan Sherins deutlich akzentuierendes Licht,

Geschenkte Assoziationen

Dezent finden sich auch Ideen jenseits des reinen Aussetzens. Dieser Boris ist nämlich nicht nur ein Sünder, der aus Reue zerbricht, er opfert sich geradezu für die zerfallende Gesellschaft seiner Zeit. Ein Opfer, das Erlösung versprechen und Vorbild sein will. Von Richard Jones aber nicht als Lebensratgeber oder Provokation vor den Latz geknallt, sondern behutsam in einen mitreißenden Abend eingeflochten.

Im Übrigen: Eine ‚Aktualisierung’ des Stoffes, ein Transfer in die heutige Zeit oder in die nähere Vergangenheit, wäre natürlich denkbar, in gewisser Weise nähme sie aber dem Publikum das Denken ab. Assoziationen können alle haben, die aktuelle Themen mitbekommen. Und man kann sich ihnen schließlich kaum entziehen. Jedenfalls wenn man das Internet nutzt.

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Kritik von Theo Hoflich

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Boris Godunow: Oper in vier Akten und einem Prolog von Mussorgsky

Ort: Deutsche Oper,

Werke von: Modest Mussorgsky

Mitwirkende: Chor der Deutschen Oper Berlin (Chor), Kirill Karabits (Dirigent), Orchester der Deutschen Oper Berlin (Orchester)

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