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Mittwoch, 21. August 2019

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Szenenfoto mit Larissa Krokhina (Leonore), Copyright: Vincent Leifer

Szenenfoto mit Larissa Krokhina (Leonore), © Vincent Leifer

'Fidelio' am Deutschen Nationaltheater Weimar

Konzertante Inszenierung

Oper und Sprechtheater haben bekanntlich Differenzen. Eine Sängerin kann und muss ganz anders spielen als ein Schauspieler, eine Inszenierung muss den dramatischen Fluss aus der Musik beziehen, wenn ein Orchester im Graben sitzt. Dass Erfolg auf der Schauspielbühne noch lange kein Garant für gelingende Opernregie ist, verdeutlicht einmal mehr das Operndebüt des Weimarer Generalintendanten Hasko Weber; die Premiere fand bereits Ende März statt. Wobei 'Fidelio' ja nicht einmal eine Oper im klassischen Sinne ist, formal eher noch ein Singspiel. Leichter macht es das keineswegs. Sobald die Musik den Text alleine lässt, verliert dieser jegliche Stütze, und die fehlende Qualität zeigt sich wie auf dem Präsentierteller. Eine kluge Regie steuert dagegen.

Ein wenig Freiheitsgedöns

Noch in der Ouvertüre zeigt die Regie einen kurzen "Vorspann": Florestan mit geballter Faust kämpferisch in die Höhe gestreckt (ein Querverweis auf die 100 Jahre Kommunismus-Thematik des Kunstfests Weimar im August?). Über ihm prangt das Wort Freiheit, worauf Videos von Aufständen der letzten Jahre projiziert werden (Video: Bahadir Hamdemir), Florestan wird niedergeknüppelt. Kritik wie sie ein rebellischer Teenager formuliert. Wenn zumindest das konsequent ausgeführt worden wäre. An vielen Stellen sieht man aber einfach gar keine Regiearbeit, außer wenigen, alles andere als originellen Einzeleinfällen: Die Bösen tragen Sonnenbrillen, die Guten nicht. Auch Minimalismus ist keine Ausrede, denn locker zwei Drittel der Szenen bestehen aus Gesängen an der Rampe. Es gibt halbszenische Aufführungen, bei denen mehr inszeniert wurde. Die Darsteller scheinen auch teils nicht ganz zu verstehen, was sie da tun und warum. Es gibt jedenfalls sogar konzertante Aufführungen, bei denen mehr und besser geschauspielert wird.

Ein bisschen Schauspiel

Als Kerkermeister Rocco wirft Christoph Stegemann mit unbehänden Bewegungen Don Pizarro zu Boden, als dieser den Ausgang der Gefangenen beanstandet. Die fehlende Bestimmtheit in der Aktion ist kein Wunder, wenn die Motivation für diese Handlung fehlt, zumal die logische Stringenz in der Personenkonstellation durch diesen Autoritätsbruch vollkommen aussetzt und danach die Handlung weiterverläuft, als wäre nichts gewesen. Rein stimmlich funktioniert bei Stegemann alles gut, sein samtig warmes Timbre bringt angenehmen Schönklang. Leider findet sich eine ganze Reihe Bass-Klischees: Unbeweglichkeit in Stimme und Geste, unzählige Timing-Fehler, eine etwas gestemmte Höhe und gerne einmal von unten angeschliffene Einsätze. Don Pizarro gestaltet Alik Abdukayumov wesentlich agiler - der imposanten Einstiegsarie in der siebten Nummer wird er mit beeindruckender Stimmkraft und Größe mehr als gerecht. Das Rollenprofil des Schurken-Gouverneurs zeichnet er hingebungsvoll als lässigen und skrupellosen Mafiosi. Doch selbst seine Figur wird nicht so richtig glaubwürdig in dieser Inszenierung. Ähnlich ist es bei den freilich sowieso wenig tiefgründigen Rollen der Marzelline und des Jaquino. Kathrin Filip ist mit engagiertem Spiel und beweglicher Stimme stets sicher, wenn auch zu anfangs noch etwas übertönt vom Orchester. Nicht minder passt Jörn Eichlers Klang zum aufdringlichen Jaquino, immer fokussiert und präsent. Die Heldin des Werks verkörperte Larissa Krokhina mit reichlich Temperament und selbstsicherer Festigung. Auch in den Finali bleibt sie klar hörbar und verleiht so dem Fidelio bzw. der Leonore die nötige Autorität.

Exakte Führung

Äußerst präzise koordiniert am Pult Niklas Willén, der nicht nur für einen durchsichtigen und kolossalen Klang aus dem Graben sorgt, sondern auch allen auf der Bühne sicher zur Hand geht. Der Staatskapelle Weimar gelingt unter Willén eine farbenreiche Interpretation mit besonders großen Steigerungen und Spannungsbögen im zweiten Akt. Nur an wenigen Stellen könnte das Fortissimo wegen der entgegenkommenden Akustik zugunsten der Singenden noch etwas gedrosselt werden. Auch der Chor - sehr statisch in die Inszenierung eingebettet - agiert genau und musikalisch überzeugend, fiele da nicht im Tenor eine einzelne Stimme ungeschickt deutlich heraus.

Nicht gespart

Als sich der Vorhang nach der Pause lichtet, liegt da einzig Florestan von einer hohen weitläufigen Rundung eingeschlossen (Bühnenbild: Thilo Reuther). In der Kerkerszene ist die geringe Regie durchaus vertretbar. Lars Cleveman gibt von Beginn an alles, nimmt sich stimmlich nicht zurück und bekommt verständlicherweise gegen Ende von Florestans langer steigernder Arie Probleme in der Höhe. Sein Ton ist etwas roh und brutal, lässt kaum lyrisch Sanftes zur Geltung kommen, was natürlich in dieser dramatischen Partie die größte Schwierigkeit birgt. Dass der “Engel Leonore” als Vision (Susann Günther) dann tatsächlich erscheint, fügt sich in die Reihe unbegründeter Regieeinfälle.

Abschließende Verwirrung

Ohne Hinweis tritt als Don Fernando schließlich Chao Deng statt des angekündigten Uwe Schenker-Primus auf den Plan, macht seine Arbeit vollends solide mit sattem und bestimmtem Bariton. Was den Goldanzug und das Rauchen anbelangt, kann nur gemutmaßt werden: der dekadente Minister als kleiner Schatten im optimistischen Finale? Als Witz darf es wohl kaum gemeint sein - ein Augenzwinkern neben den brisanten Projektionen wäre blanker Zynismus. Der Gipfel des Fremdschämens wird schließlich erreicht, wenn Marzelline ihr Top mit der Aufschrift enthüllt: Ich liebe dich. So viele Gedanken, über die so wenig gedacht wurde.

Hasko Weber hätte sich vielleicht als Einstand im Opernbereich auch einfach ein einfacheres Werk aussuchen können, zumindest aber etwas mehr ausprobieren, als auf ein minimalistisches Scheinkonzept zu setzen, das so wenig Zündstoff in sich birgt, dass es nicht einmal dem Konservativsten aufstoßen kann. So etwas sollte nicht Inszenierung genannt werden. Es grenzt an eine Farce, aber nicht auf der Bühne, sondern dahinter.

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Kritik von Theo Hoflich

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Fidelio: Oper in zwei Aufzügen von Ludwig van Beethoven

Ort: Deutsches Nationaltheater,

Werke von: Ludwig van Beethoven

Mitwirkende: Larissa Krokhina (Solist Gesang)

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