> > > > > 17.05.2017
Dienstag, 19. September 2017

Geigen-Generationentreffen in Kronberg im Taunus

Inspirierte Meister-Schüler-Kammermusik

Acht Tage inmitten von "Geigen Meisterkursen & Konzerten" bedeutete für rund 180 Studenten eintauchen in eine andere Welt, dennoch mit Bodenhaftung und dem Blick auf Anlass und Ziel. Lehrer arbeiten mit jungen Musikern, lassen zu, dass Neugierige dabei zuschauen und ein wenig verstehen, worauf es an der Schnittstelle von scheinbar komplexer Notenschrift und Fingertechnik ankommt. Darüber verliert sich die Scheu vor dem pur Akademischen, wie es der Begriff "Kronberg Academy" suggeriert. Allein die Blicke verraten, dass hier Meister und Schüler zusammenkommen, aber die Besten auf jeder Seite, herzlich verbunden untereinander und mit den Kronbergern, die Jahr für Jahr ihre Privathäuser öffnen, dafür aber an jedem Abend mit Konzerten beglückt werden, wie sie in dieser Konzentration und Qualität überaus selten sind.

Musikalische und menschliche Zeitreisen

Der thematische Schwerpunkt am sechsten der sieben Abendkonzerte lautete "Zeitreisen": Musik zwischen Barock und Romantik, ausgeführt von Professoren, Studenten, Ehemaligen, Schülern. Als wolle man im Zeitraffer einfangen, was war und wird und doch alle Zeiten nivelliert, wenn sie im Spiel so diszipliniert, analytisch präzise, geradezu mustergültig akademisch und doch so herrlich mitreißend miteinander musizieren.

Ein-Klang

Vibrato auf dieser Note und jener, schnell, akzentuiert, breit flächig. Vereinzelt folgten Geigerinnen im Publikum mit Trockenübungen dem Spiel von Mihaela Martin, Geigenprofessorin in Köln, Meisterkursleiterin in Kronberg, international als herausragende Violinvirtuosin bekannt, jetzt also in der Stadthalle in Kronberg mit der F-Dur-Sonate von Felix Mendelssohn Bartholdy, die Yehudi Menuhin im Nachlass fand und 1953 herausgab. Martin verlieh dem Geigenpart schnörkellose Gradlinigkeit und vitalisierende Dichte im Ausdruck. Mit sattem, weichem Ton formte sie die Kantilenen, einfach und leicht die Übergänge, makellos ihr Spiel, dabei überraschend wie angenehm unprätentiös, als wolle sie das Werk vom Vorwurf allzu vordergründig brillanter Faktur befreien. In dieser Innerlichkeit verschmolz ihr Klang mit dem von Plamena Mangova am Flügel. Die gebürtige Bulgarin ist eine begehrte Kammermusikerin. Sie sprüht vor Musikalität, die sie aber selbst im rasanten 'Allegro vivace' brillant zu lenken versteht.

Igor Strawinskys 'Divertimento' aus 'Le Baiser de la fée' ist Ballettmusik mit Zitaten aus Werken von Tschaikowsky. Strawinsky stellte aus dem Material eine viersätzige Suite für verschiedene Besetzungen zusammen, für Orchester und für Violine und Klavier, wobei letztere erklingt sehr selten. Was der Tänzer auf der Bühne vollführt, verlagert sich auf das Griffbrett. Geradezu akrobatisch muten die rasanten Wechsel zwischen gestrichenen und gezupften Passagen an, die so blitzend leicht und spritzig dahinperlen und zu Szenenbildern im Kopf des Zuhörers inspirieren. Genau diesen Dauermoment beschworen Mihaela Martin und Plamena Mangova mit ihrem auf die Charaktere in der Musik minutiös ausdifferenzierten fantastischen Spiel.

Lustvoll im Klangbad

Wenn Boris Kuschnir doziert, hebt sich unmerklich der Zeigefinger seiner Bogenhand. Mit Belehrung hat das wenig zu tun. Sein Blick richtet sich auf das, was der Schüler in sich trägt und was es zu verstärken, zu verfeinern, fortzuentwickeln gilt. Julian Rachlin, Geiger, Bratscher, Dirigent ist bestes Beispiel. An diesem Abend steht der ehemalige Meisterstudent neben seinem ehemaligen Wiener Professor und interpretiert Händels Triosonate g-Moll op. 2 Nr. 6. Schnell wird klar: Hier geht es nicht um historisch informierte Aufführungspraxis, sondern um barocke Klangpracht pur. Rachlin mit seinem eher zurückhaltenden Ton, Kuschnir eine Nuance konkreter, finden beide über dem zurückhaltenden Continuo, gespielt von Itmar Golan, musikalisch zusammen und entzünden ein Fest der Klänge.

Ganz anders im nachfolgenden Klavierquintett von Cesar Franck. Nach dem herrlich pathetisch inszenierten Vorspiel setzt das Klavier ein, überaus kraftvoll und dramatico-strotzend, virtuos tonangebend. Der Solist Itamar Golan versteht es dennoch meisterlich, sich in den orchestral dichten Streichersatz einzubetten und mit ihm zu einem einheitlichen Klang zu verschmelzen, ähnlich dem einer Orgel mit verschiedensten Registern. Überaus deutlich markieren sie die Zuordnung der Abläufe, die thematisch-motivische Arbeit des Komponisten, Entwicklungen und Verläufe und den Wesenscharakter des kammermusikalischen Spiels. Julian Rachlins gedämpfte Höhen intensivieren den impressionistischen Eindruck in manchen Passagen, Boris Kuschnir zelebriert, wo immer verlangt, die immanente Kantabilität, Sarah McElravy demonstriert schmetterlingsgleich, wie Cesar Franck die Bratsche einzusetzen verstand, zur Verstärkung der Basslinien im Cello, als Klangfundament für die hohen Streicher und souverän im selbstbewussten Alleingang, während der Kornbergstudent Jonathan Roozeman am Cello hellwach im Diskurs mit allen seinen Part höchstsensibel ausgestaltete. Ein herrlicher Abend mitreißend inspirierender Kammermusik!

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Kritik von Christiane Franke

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Zeitreisen: Werke von Mendelssohn, Strawinsky, Händel u.a.

Ort: Stadthalle Kronberg,

Werke von: Georg Friedrich Händel, Felix Mendelssohn Bartholdy, César Franck, Igor Strawinsky

Detailinformationen zum Veranstalter Kronberg Academy Festival

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