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Montag, 29. Mai 2017

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Das SWR Symphonieorchester im Konzerthaus Freiburg, Copyright: © SWR/Wolfram Lamparter

Das SWR Symphonieorchester im Konzerthaus Freiburg, © © SWR/Wolfram Lamparter

Zinman und das SWR Symphonieorchester in Freiburg

Mahler als Egoshooter

In der eben vorgestellten Programmübersicht der kommenden Spielzeit hat das SWR Symphonieorchester für einige seiner Gastdirigenten eine eigene Rubrik aufgemacht: Sie heißt ‚große Altmeister‘ und umfasst etwa Herbert Blomstedt, Christoph Eschenbach und Sir Roger Norrington. Auch David Zinman gehört dazu, der zum zweiten Mal in Folge mit dem Orchester zusammenarbeiten wird. Dass er in der Riege der ‚großen Altmeister‘ gebührlich seinen Platz findet, unterstrich der langjährige Chefdirigent des Tonhalle-Orchesters Zürich nun im Rahmen des jüngsten Abonnementkonzerts mit Mahlers Sechster Sinfonie.

Es braucht Erfahrung in der Einteilung der Kräfte, um diesen sinfonischen Koloss mit einer Spieldauer von rund 80 Minuten und entfesselten klanglichen Kräften wirkungsvoll und überzeugend zu strukturieren. Am Ende erschien es plausibel, weshalb Zinman den ersten Satz relativ nüchtern, sachlich und forsch anging – er gestaltete im Hinblick auf das, was noch kommen würde und dosierte die Kräfte so, dass die Kulminationspunkte in diesem tragischen und heftigen, von Marschrhythmen getriebenen und von ausdrucksstarker Vehemenz durchdrungenen Stück deutlich herausragen.

Martialisch

Bei aller Erfahrung und allem Überblick wirkte Zinmans Lesart insgesamt jedoch weniger auf das Moment des Tragischen denn des Martialischen hin zugespitzt. Die scharfkantigen Rhythmen erschienen bissig und schneidend, Ausdrucksmomente des Ätzenden und Scharfen ließ er klangfarblich von dem erstklassig disponierten Orchester betonen (und deutete die Instrumentation damit eher in Richtung Schostakowitsch), das Gleichmaß, das der an einen Dirigierhocker gelehnte Dirigent mit großen Armbewegungen evozierte, trug entscheidend zum Eindruck des Unerbittlichen, Starren und Unausweichlichen bei. Gleichzeitig überlud Zinman das Freiburger Konzerthaus mit einer fast undurchdringlichen musikalischen Informationsfülle. Nebenstimmen traten hervor, schärften das Klangbild und machten es äußerst kompakt. Die hohe Dichte des musikalischen Satzes samt polyphoner Überlagerungen suchte Zinman dadurch sinnfällig zu machen, indem er alle Stimmen dazu anwies, sich im Klanggetümmel Gehört zu verschaffen – was zu hoher Lautstärke und gespannter Fülle führte.

Räderwerk des Untergangs

Trotzdem kam Bedeutsames, etwa die mit einer dynamischen Zurücknahme einhergehende Akkordüberblendung von Dur nach Moll, dem in diesem Werk etwas Mottohaftes zukommt, nur wenig zur Geltung. Grund dafür war, dass ringsum noch so viel anderes passierte und Zinman nicht für eine Auflichtung der dichten Partitur sorgte, zudem aber auch, dass er selbst solchen Kernmomenten kein längeres Verweilen, kein kurzes Atemholen, keine sachte gesetzte Zäsur gönnte. Stattdessen griff das Räderwerk des Untergangs von Anfang unerbittlich ineinander. Das lyrisch singende zweite Thema wurde zwar etwas langsamer, aber in sich weitgehend ohne mal sehrendes, mal drängendes Rubato genommen, nur für die Auflösungsstrecke danach nahm sich Zinman gebührlich Zeit. Hier zeigte sich sein Gespür für dramaturgische Formung, noch deutlich bei der Herausarbeitung des Coda-Höhepunkts, der mit seiner klanglichen Wucht den gesamten Satz überstrahlte.

Orchestrale Spitzenleistung

Die klare Taktung der Zeit verhinderte in der Kopfsatzdurchführung, dass sich das Gefühl zeitenthobener Transzendenz in der Kuhglocken-Passage einstellte, zwingender wirkte da der Einsatz der aparten Klangfarbe im langsamen Satz, den Zinman an die zweite Stelle rückte. Das 'Andante moderato' lebte vom satten Streicherklang des SWR Symphonieorchesters und den wundervollen Holzbläseranteilen. Auch hier blieb die Musik eher nüchtern, doch durch dynamische Feinarbeit wurden die Linien sorgsam gestaltet, es entwickelte sich ein bukolischer musikalischer Strom. Im dritten Satz, den Zinman auffallend bedächtig nahm, wodurch das Collagenhafte umso deutlicher zutage trat, sowie im riesenhaften vierten Satz zeigte sich dann die gesamte spieltechnische und klangliche Klasse des SWR Symphonieorchesters. Jede Instrumentengruppe wusste auf Zinmans Wink hin noch eins draufzusatteln, um durchs klangliche Dickicht zu dringen, und so gewann jede Aktion etwas geradezu Existenzielles – auf die Gefahr des Überbordenden und Unfasslichen hin: Zuweilen machte die schiere Wucht der gleichberechtigt behandelten Stimmen es unmöglich, die Orientierung zu behalten. Aber wie stark war, was man da zu hören bekam, angefangen bei der dunkel dröhnenden, aus dem Orkus aufsteigenden Tuba, über eine glänzende Posaunensektion hin zu exzellenten Hörnern, einem unerschöpflichen Potential in den Holzbläsern und gut abgestimmten Streichern!

Mahler für die Egoshooter-Generation

Und doch blieben selbst nach der Vehemenz der in Fetzen auseinander fliegenden Musik nach den Hammerschlägen und nach dem glühend musizierten sowie insgesamt schlüssig disponierten Finale einige offene Fragen: Ist die Unerbittlichkeit des Schicksals musikalisch am besten durch ein schonungslos und rigide Takt für Takt nach vorn drängendes Musizieren erfassbar? Wird man Mahlers vielschichtiger Musik gerecht, wenn man das Tragische, das als Basis das Humane braucht, durch das Martialische ersetzt? Mahlers Sechste ist in ihrem Stimmungsgehalt Ausdruck eines Epochengefühls, Zinmans Deutung ebenso: ein Mahler für die Egoshooter-Generation. Das ist ein legitimer Deutungsansatz, und er wurde von David Zinman konsequent verfolgt.

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Kritik von Dr. Tobias Pfleger

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Mahler Sechste: Freiburger Abo-Konzert 8

Ort: Konzerthaus,

Werke von: Gustav Mahler

Mitwirkende: David Zinman (Dirigent), SWR Symphonie Orchester (Orchester)

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