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Montag, 10. Dezember 2018

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Fabienne Conrad (Prinzessin Marie de Gonzague), Mathias Vidal (Marquis de Cinq-Mars), Copyright: Tom Schulze

Fabienne Conrad (Prinzessin Marie de Gonzague), Mathias Vidal (Marquis de Cinq-Mars), © Tom Schulze

Gounods 'Rebell des König' in Leipzig wiederbelebt

Sex & Revolte: Opernthriller aus Frankreich

Für alle, die neugierig auf Unbekanntes und Vergessenes aus der Musiktheatergeschichte sind, ist die Premiere von Charles Gounods Mantel-und-Degen-Historiendrama 'Cinq-Mars: Der Rebell des Königs' (1877) an der Oper Leipzig ein Pflichttermin. Ein absoluter Pflichttermin sogar. Denn: Dass die Musik zu dieser vieraktigen Oper in fünf Bildern voller wirkungsvoller Momente ist und mit der harfenumflorten Tenorarie 'Ô chère et vivante image' sogar einen echten Wunschkonzertkracher enthält, wusste man schon vorher. Es gibt eine Gesamtaufnahme von 2015, die Ulf Schirmer mit dem Münchner Rundfunkorchester für und mit Palazzo Bru Zane eingespielt hat. Diese Aufnahme ist 2016 auf den Markt gekommen und mit vielen Kritikerpreisen überschüttet worden. Zu recht.

Worum geht es in dem Stück? Um den einst schönsten Mann Frankreichs, den sein Gönner, Kardinal Richelieu, am Hof von Ludwig XIII. positioniert, damit der für seine homoerotischen Neigungen bekannte Monarch den jungen Mann zum neuen Favoriten erhebt. Was auch geschieht. Dadurch steigt der Einfluss Richelieus auf den König, denkt dieser. Aber der dandyhafte und selbstbewusste Cinq-Mars entwickelt bald eigene Pläne und will sich nobel verheiraten mit der Prinzessin Marie de Gonzague, was Richelieu aber aus politischen Gründen zu verhindern versucht. Sie soll den König von Polen heiraten, um eine Allianz zu schaffen. Cinq-Mars begehrt auf, schließt sich adligen Rebellen an, will Richelieu entmachten und selbst zum zweiten Mann in Frankreich aufsteigen. Er scheitert. Richelieu deckt die Verschwörung auf und manövriert den Abtrünnigen aufs Schafott. Er wird zusammen mit seinem besten Freund De Thou 1642 geköpft, gerademal 22 Jahre alt.

Die Oper wurde von Ulf Schirmer und den Münchnern quer durch Europa aufgeführt, allerdings nur konzertant. Nun folgt endlich die szenische Umsetzung in Leipzig, wo Schirmer GMD ist. Allerdings steht nicht der Hausherr am Pult, sondern der Belgier David Reiland (Chefdirigent des Orchestre de Chambre du Luxembourg). Es spielt diesmal das Gewandhausorchester. Und um das gleich vorweg zu nehmen: Die sächsischen Musiker schwelgen genau wie ihre bayerischen Kollegen in den dunkel-einschmeichelnden Klangfarben, lassen es in den dramatischen Szenen ordentlich krachen und bieten eine exzellente Wiedergabe des Werks, das gewaltig rauscht und mitreißt.

Die drei Musketiere

Für die Inszenierung zeichnet Anthony Pilavachi verantwortlich. Der war vor der Premiere bei einem höchst interessanten Symposium zu hören, in dessen Rahmen er über diesen ‚Opernthriller’ sprach und die vielfältigen szenischen Möglichkeiten, die er bietet, erläuterte. Unter anderem sagte Pilavachi, dass man den Stoff leicht hätte modernisieren und ‚in einem schwulen Bordell‘ spielen lassen können. Das hat er allerdings nicht getan, sondern sich für eine historische Optik entschieden; zu ihr gehören Kostüme, die eine Kreuzung zwischen Winterhalter, dem Lieblingsporträtisten des Zweiten Kaiserreichs, und typischen Drei-Musketiere-Outfits sind. Zum anderen hat er einen großen Goldrahmen auf die Bühne stellen lassen, in dem sich vor historischen Bildern die Handlung abspielt. Einmal – im dritten Akt, der im Wald von Saint-Germain spielt – lässt er sogar eine perspektivische Baumkulisse bauen, die an Wagner- und Rossini-Aufführungen aus dem 19. Jahrhundert erinnert. Alles ist und bleibt bei Pilavachi und seinem Kostüm-/Bühnenbildner Markus Meyer Zitat und in einem geschichtlichen Kontext verankert. Sogar Richelieu, der bei Gounod nicht leibhaftig auftritt, wird von Pilavachi auf die Bühne gebracht von einem stummen Statisten in roter Kardinalsrobe.

Versailles

Mit einem solchen Ansatz habe ich grundsätzlich überhaupt kein Problem. Im Gegenteil, ich finde es großartig, wenn historische Opernstoffe auch klipp und klar in einem historischen Kontext erzählt werden. Dass das auch heute zeitgemäß wirken kann, beweist derzeit die französische TV-Serie ‚Versailles‘. Dort versteht man als moderner Zuschauer immerzu, dass die Kulisse zwar historisch ist, dass es aber um politische Dinge geht, die ein deutliches Äquivalent in unserer Gegenwart haben. Ein solches Äquivalent gäbe es bei 'Cing-Mars' auch, wie Pilvachi und die diversen anderen Referenten beim Symposium erläuterten. Aber: Wirklich von heute sieht die Inszenierung nicht aus. Sie bleibt zitiertes Opernmuseum, ohne diese Optik je zu transzendieren. Was ich schade finde.

Man muss die Ausführungen von Pilavachi tatsächlich schon im Ohr haben oder im Programmheft nachlesen, um diverse versteckte Hinweise zu bemerken, etwa zum ‚schwulen‘ Verhältnis zwischen Ludwig XIII. und Cinq-Mars. Zu einem für die Handlung wichtigen Element wird es in dieser Inszenierung nicht. Für meine Wahrnehmung wirkte es sogar banal. Was auch für die Personenführung insgesamt gilt, besonders bei Chor und Statisterie, die mit Schwertern und sonstigem Rüstzeug über die Bühne marschieren und auf mich mehrfach einen extrem unbeholfenen Eindruck machten. Was auch für das einfallslos umgesetzte Schäferinnenballett gilt (Choreografie: Julia Grunwald). Da haben Regisseure wie Barrie Kosky in den letzten Jahren gezeigt, dass man Tanzgruppen anders und unterhaltsamer ins Geschehen einbauen kann, besonders wenn die Tanzgruppe so attraktiv aussieht wie die Ballettsolisten in Leipzig.

Nuit resplendissante

Das Leipziger Publikum schien das alles nicht zu stören. Sie freuten sich im Laufe des dreistündigen Abends über die sich zunehmend zuspitzende Musik. Die erreicht ihren Höhepunkt im Finale, in dem der Sopran angesichts der Hinrichtung von Cinq-Mars mit einem Schrei auf offener Bühne zusammenbricht, weil sie dachte, sie hätte den Geliebten vorm Henker gerettet. Es fehlt eigentlich nur, dass sie schreien würde 'O Richelieu, avanti a Dio!' Im Akt davor hatte die Richelieus finsteren Handlanger Père Joseph gefragt, was sie tun müsse, um Cinq-Mars zu retten. Statt 'Quanto, il prezzo' singt sie 'Que faut-il faire, hélas?' Und statt 'Vissi d’arte' hat sie vorher eine große lyrische Arie 'Nuit resplendissante et silencieuse', einen weiteren Hit dieser Oper. Andere Szenen – besonders die zwischen Cinq-Mars und seinem Baritonfreund De Thou – erinnern an Verdis 'Don Carlos'. Auch sie haben mit ihren Marschrhythmen vielfach Ohrwurmqualität.

Die Besetzung in Leipzig bot mit dem Franzosen Mathias Vidal den Titelhelden der CD-Aufnahme, der im großen Theaterraum in der Höhe etwas angestrengt klingt, aber sehr engagiert spielt und ein faszinierender Favorit des Königs ist. Als Marie de Gonzague steht ihm Fabienne Conrad mit warmen Soprantönen zur Seite. Beide singen und spielen berückend, was weitgehend auch für den etwas steifen (in der Höhe) Jonathan Michie als De Thou gilt. Trotz imponierender Bassstimme wirkte Mark Schnaible als Père Joseph auf mich oft wie eine Witzfigur, die à la Nosferatu umherschlich als absichtsvolle Symphonie des Grauens und sich im dritten Akt entkleidet, um seinen Jesus-Tattoo-Oberkörper während einer Arie zu flagellieren. Hier wie anderswo fand ich die Umsetzung absolut interessanter Ideen durch den Regisseur unbeholfen. Und dass er bei jedem Bild den Vorhang hochgehen ließ, aber die Musik erst 30 Sekunden später startete, war ein unnötiger Effekt-Killer in einem Stück, bei dem es von Anfang bis Ende um Effekte geht!

Der Brad Pitt des 17. Jahrhunderts

Trotzdem lohnen die drei (!) Aufführungen auf alle Fälle den Besuch. Man schaue dort als Zuschauer – laut Ulf Schirmer – ‚durch die Post-Moderne zurück auf den Historismus‘: ‚Da stimmt nichts!‘ Schirmer attestierte Pilavachi in seiner Rede auf der Premierenfeier eine ‚tiefsinnige Doppelbödigkeit‘ beim Erzählen der Geschichte. Diese Doppelbödigkeit wird hoffentlich in anderen Inszenierungen weltweit weiter ausgelotet. Denn das Stück um den ‚Brad Pitt des 17. Jahrhunderts‘ (wie Pilavachi sagt) und seine machtpolitische Sexaffäre mit Ludwig XIII. (wie Dr. Damien Tricoire von der Uni Halle-Wittenberg beim Symposium erläuterte) hat einem modernen Publikum viel zu sagen, auch im historischen Gewand. Und die ausladende Gounod-Musik verfehlt auch bei modernen Zuhörern nicht ihre Wirkung.

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Kritik von Dr. Kevin Clarke

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Der Rebell des Königs (Cinq-Mars): Charles Gounod

Ort: Oper,

Werke von: Charles Gounod

Mitwirkende: David Reiland (Dirigent), Gewandhausorchester Leipzig (Orchester)

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