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Sonntag, 23. Juli 2017

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v.l.: Mandie de Villiers (Füchslein), Kyung Chun Kim (Dachs), Copyright: Peter Litvai

v.l.: Mandie de Villiers (Füchslein), Kyung Chun Kim (Dachs), © Peter Litvai

'Das schlaue Füchslein' als Ballett mit Gesang

Nur der Mensch stört

Stille. Die Waldtiere eröffnen mit einem tänzerischen Reigen Leoš Janáčeks Oper 'Das schlaue Füchslein' im Landestheater Niederbayern. Tänzer flattern als Käfer oder Fliegen in bizarren Kostümen herum, rundherum hinter einem Bretterverschlag der Wald, alles in naiver, witzig übertriebener Bilderbuchoptik. Wunderbar bebildern die Tanzeinlagen Leoš Janáčeks impressionistisch flirrende Musik. So erschließt sich sein 'Schlaues Füchslein' vom ersten Ton an als eine Hommage an den Wald, an die Natur. Der Mensch ist der Störfaktor.

Regisseur Stefan Tilch wählte die exzellente deutsche Übersetzung Max Brods und kristallisiert Leoš Janáčeks Botschaft deutlich heraus. Mensch und Tier durchleben ähnliche Lebensprozesse zwischen Heranwachsen und Sterben. Der Mensch möchte die Natur domestizieren und macht sie doch nur kaputt. Die aufoktroyierte Kultur erweist sich als Unkultur. Der Mensch führt genauso wie der Hund an der Kette ein hündisches Leben fern seiner eigentlichen Natur und Bedürfnisse. Das schlaue Füchslein dagegen ist wilder, wehrt sich, beißt, versetzt die Försterin in Schrecken und spiegelt in seinem Rundumschlag im Hühnerstall dieselbe mörderische Brutalität wie die Menschen. Eitel betrachtet es sich, wieder in Freiheit, im Spiegel.

Doch mehr als ein Fabeltier und reine Projektionsfläche für menschliche Schwächen ist das schlaue Füchslein Symbol für die Schönheit eines Lebens in mutiger Freiheit. Es lebt im Gegensatz zu den Menschen seine Leidenschaften aus, bleibt dem Fuchs, der es nicht wegen seiner Schönheit, sondern wegen seiner lauteren Seele liebt, treu und kümmert sich fürsorglich um die vielen Kinder.

Der Clou von Stefan Tilchs Inszenierung ist die Zigeunerin Terynika. Als Sehnsuchtsbild männlicher Erotik bringt Stefan Tilch diese Figur, die im 'Schlauen Füchslein' nur besungen wird, als Tänzerin auf die Bühne und macht aus der Oper ein Ballett mit Sängern. Mit fuchsroten Haaren und Kleidern sieht Ternyka dem Füchslein zum Verwechseln ähnlich. Gemeinsam ist beiden der Wille zu einem authentischen Leben. Beide suchen die Liebe als Basis eines natürlichen Lebens. Als der Wilddieb Haraschta das Füchslein erschießt, tötet er gleichzeitig seinen eigenen Traum, mit Terynika zu leben. Sie hält das sterbende Füchslein in den Armen, dann umgekehrt das Füchslein Ternyka. Beide rollen bedeutungslos tot zur Seite, während die Waldtiere ihren Reigen fortsetzen, selbst als das Orchesterfinale verstummt. Das Leben geht eben einfach weiter.

Ausgesprochen gelungen ist die Konzeption Stefan Tilchs. Die Umsetzung ist immer dann am besten, wenn der Tanz die verwobenen Waldlaute der  Orchesterzwischenspiele illustriert, die kleinmotivische Verflechtung der Musik im tänzerischen Flügelschlag, auf Spitze getanzt oder in den kribbeligen Greifbewegungen der Bühnenumbau-Insekten pulsiert. Allerdings verliert sich das inzwischen am Landestheater Niederbayern hoch renommierte Ausstattungsduo Charles Cusick-Smith und Philip Ronald Daniels dieses Mal in einer allzu kindlichen Ausstattungsorgie, wenn bunter Plüsch die surreale Magie verdrängt, das allzu hölzern naive Bühnenbild die sublimen Lichtstimmungen einengt. 'Das schlaue Füchslein' ist alles andere als eine Kinderoper und gerade wegen seiner komplexen Musik nicht allzu oft auf die Bühne.

Umso mehr ist es Basil H. E. Coleman zu danken, dass er Leoš Janáčeks brillante, hochkomplexe und schwierige Ton- und Harmoniewelt für das Landshuter Publikum mit der Niederbayerischen Philharmonie einstudierte. Subtil und transparent dirigiert, präsentiert er 'Das schlaue Füchslein' zunächst als flirrenden Hörgenuss in feinen Schattierungen. Deutlich sind die rhythmischen Versetzungen musikalischer Motive, die folkloristischen Rhythmen zu hören, die Stimmen der Waldtiere, die Akzentuierungen der Schlagwerke. Manche Passagen bleiben verschwommen, was bei den Trompeten besonderes und auch in den Gesangspartien auffällt. Von Leoš Janáček ohne Arien dem normalen Sprechduktus in Prosa angepasst entfalten die Stimmen insgesamt wenig Klangvolumen über das Orchester hinaus. Allein Szymon Chojnackis Bassbariton lässt in der Minirolle des Wilddiebs aufhorchen und verleiht männlichem Machismo und menschlichem Raubbau markante Tiefe. Mandie de Villiers Sopran in der Titelrolle verschwindet zuweilen in den hohen Tonlinien der Instrumente, sie ist aber darstellerisch und tänzerisch sehr präsent und ein adäquates Pendant zu Terynika, die Flávia Samper überaus liebenswert weniger als temperamentvolle Zigeunerin denn als liebenswerte Mädchenfee zeichnet (Choreographie Stefano Giannetti). Nett und adrett, eine Spur zu brav und dressiert agiert der Füchsleinchor (Eleni Papakyriakou). In weiteren Rollen Kimberley Boettger-Soller (Fuchs), Peter Tilch (Förster), Jeffrey Nardone (Schulmeister) und Kyung Chun Kim (Pfarrer, Dachs).

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Kritik von Michaela Schabel

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Das schlaue Füchslein: Oper von Leos Janácek

Ort: Stadttheater,

Werke von: Leos Janácek

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